Gelassenheit und wonnigliche Freude

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Das Pferd macht den Mist in den Stall, und obgleich der Mist Unsauberkeit und üblen Geruch an sich hat, so zieht doch dasselbe Pferd denselben Mist mit großer Mühe auf das Feld; und daraus wächst der edle schöne Weizen und der edle süße Wein, der niemals so wüchse, wäre der Mist nicht da. Nun, dein Mist, das sind deine eigenen Mängel, die du nicht beseitigen, nicht überwinden noch ablegen kannst; die trage mit Mühe und Fleiß auf den Acker des liebreichen Willens Gottes in rechter Gelassenheit deiner selbst. Streue deinen Mist auf dieses edle Feld; daraus sprießt ohne allen Zweifel in demütiger Gelassenheit edle, wonnigliche Frucht auf.

In: Emmanuel Jungclaussen, Der Meister in dir. Entdeckung der inneren Welt nach Johannes Tauler, Verlag Herder, Freiburg-Basel-Wien 1975

Mehr zu Johannes Tauler am 6. Januar hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2018/12/03/seine-sprache-ist-wie-ein-bergquell-johannes-tauler-im-mystikkreis-am-6-januar-2019/

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Seine Sprache ist wie ein Bergquell – Johannes Tauler im Mystikkreis am 6. Januar 2019

Wir haben es vielleicht noch im Ohr, das Lied „Es kommt ein Schiff geladen“, das in der Adventszeit häufig gespielt wird. Es soll von Johannes Tauler stammen, jenem Dominkaner aus Straßburg, der um 1300 in Straßburg geboren wurde und Schüler von Meister Eckhart war. Durch seine Predigten, dem Massenmedium des Mittelalters, blieb er in katholischen Kreisen ebenso präsent, wie er es in der protestantischen Kirche wurde. „Tauler hat die Menschen ungeheuer beeindruckt — auch Martin Luther. Der Tauler-Hype ging teilweise soweit, dass Predigten, die für gut befunden wurden, aber gar nicht von ihm waren, trotzdem ihm zugeschrieben wurden. Es entstand so etwas wie eine Marke Tauler.“ So ein Fachmann für geistliche Literatur. Wie Martin Luther hatte Tauler den Menschen „aufs Maul geschaut“ und sich in ihrer Sprache ihnen zugewandt.  Als Schüler des „Lesemeisters“, wie man Meister Eckhart nannte, war er der „Lebemeister“, der viele Gedanken Eckharts heruntergebrochen hat auf die nicht akademische (oder ungelehrt scheinende) Sprache und Empfindungswelt der Menschen.

„Seine Sprache ist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwängert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften.“ Wohl kaum unverfänglicher als Heinrich Heine könnte jemand über Johannes Tauler sprechen und eine Brücke in die Gegenwart bauen. Doch was wollte Johannes Tauler? Ihm geht es in seinen Predigten nicht um intellektuelle Anregungen, sondern er gibt praktische Anweisungen. Er mahnt seine Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder, ihres Selbst gewahr zu werden, aufmerksam zu werden, sich zu beachten und zu beobachten, um in diesem Prozess ihres Selbst gewahr zu sein.

Um uns genauer anzusehen, wie aktuell die Predigten Taulers heute noch sind, werden wir uns am 6. Januar damit ausführlicher beschäftigen.

 

Organisatorisches:

Damit wir besser planen können, bitten wir um die Anmeldung bis zum 2. Januar. Vielen Dank!

Wir treffen uns an jedem ersten Sonntag im Monat im Kölner Stadtteil Sülz. An diesen Sonntagen wird für beides Zeit sein – für stilles kontemplatives Sitzen und für das Studieren mystischer Texte & Themen sowie den gemeinsamen Austausch.

Der private Kurs ist auf 12 Teilnehmer beschränkt. Kostenbeitrag: 15,– Euro

Wir freuen uns auf Euer / Ihr Kommen:

Rani Kaluza http://doingnothing.de/
Werner A. Krebber https://mystikaktuell.wordpress.com/

Informationen und Anmeldung auch hier:  https://www.facebook.com/events/1606240616144407/

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Bitte schon mal vormerken:  Am ersten Sonntag im Februar (3.2.) wird es einen Doing Nothing-Sonntag geben…

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Bisherige Themen im Kölner Mystikkreis:

– Mystik aktuell? – Texte aus Tradition und Gegenwart christlicher Mystik
– Meister Eckhart: Leben – Wirken – Aktualität
– Die Wolke des Nichtwissens
– Thomas Merton: Mönch – Poet – Rebell
– Beginen: Die Strahlkraft der Mystikerinnen Mechthild von Magdeburg, Hadewijch von Antwerpen, Marguerite Porète
– Die Katharer: (Un)Glaube im Widerspruch

 

Es kommt ein Schiff geladen…

Foto: © wak

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein’ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft’ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Gott’s Wort tut uns Fleisch werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muss es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
Ewigs Leben zu erben,
wie an ihm ist geschehn.

 

Das Lied wird Johannes Tauler zugeschrieben, einem Schüler von Meister Eckhart.

Mehr zu dem Lied und seiner Geschichte hier: http://www.liederlexikon.de/lieder/es_kommt_ein_schiff_geladen

Mensch des Himmels

Foto: © wak

Der Mensch tue, was er wolle,
und fange an, wie er wolle,
er kommt niemals zu wahrem Frieden,
noch wird er dem Wesen
nach ein Mensch des Himmels,
bevor er an sein vierzigstes Lebensjahr kommt.

Johannes Tauler (* um 1300 – 1361)

Lernen, sich selbst zu lassen

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Man muss dahin kommen,
dass man sich
in allen Dingen lassen kann
und stets denken,
dass ein anderer
mehr recht habe als man selbst,
und nicht streiten und zanken, sondern lernen,
sich selbst zu lassen,
und stille sein und gütig,
woher der Wind auch weht.

Johannes Tauler (1300 – 1361)

Gott allein ist in allen Dingen…

Johannes Tauler

Gott zieht seine Diener
nicht nur auf einem Weg,
noch durch ein Werk,
noch auf eine Art;
sondern er zieht sie dahin,
wo er ist,
das heißt:
auf alle Wege,
durch alle Werke,
auf alle Arten;
denn Gott allein
ist in allen Dingen,
sofern sie gut sind.

Johannes Tauler (1300 – 1361)

 

Den Seelengrund aufgeschlossen finden

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Wenn Gott den Menschen so in völliger Entwordenheit und Hingabe sich gänzlich zugewendet und seinen Seelengrund aufgeschlossen findet, neigt sich der Gottesgrund ihm zu und ergießt sich in den ihm offenen und gelassenen Seelengrund, überformt den geschaffenen Seelengrund mit der Fülle seines Lichts und zieht ihn durch diese Überformung in die Ungeschaffenheit des Gottgrundes, so daß der Geist ganz eins mit ihm wird.

Johannes Tauler (ca. 1300 – 1361)