Die Bilder der Dinge fahren lassen

Der Mensch lasse die Bilder der Dinge
ganz und gar fahren
und mache und halte seinen Tempel leer.
Denn wäre der Tempel entleert,
und wären die Phantasien,
die den Tempel besetzt halten, draußen,
so könntest Du ein Gotteshaus werden,
und nicht eher, was Du auch tust.
Und so hättest Du den Frieden Deines Herzens und Freude.
Und dich störte nichts mehr von dem, was Dich jetzt ständig stört,
Dich bedrückt und leiden lässt.

Johannes Tauler (1300 – 1361)

Ein gelassener Mensch werden

Wisset also, Gott sucht dich in allen Dingen. Er will in dir einen gelassenen Menschen besitzen. Nun wohl, übergib dich Gott, und werde ein gelassener Mensch.

Johannes Tauler ( 1300 – 1361)

Links ergänzt zu Meister Eckhart und Johannes Tauler

mejtNeue Links enthält die Rubrik Meister Eckhart in der rechten Spalte. Nicht nur, dass sie um Eckharts Schüler Johannes Tauler ergänzt wurde, hinzugefügt wurde auch eine Einordnung der Philosophie Meister Eckharts durch Karl Vorländer.

Bleibe nur bei dir selber…

Bleibe nur bei dir selber und laufe nicht nach außen und leide dich aus und such nicht etwas anderes! So tun etliche Menschen, wenn sie in dieser inwendigen Armut stehen, und suchen immer etwas anderes, um dadurch dem Gedränge zu entgehen. Oder sie gehen klagen oder Lehrer fragen und werden noch mehr irregeführt. Bleibe ohne allen Zweifel dabei; nach der Finsternis kommt der lichte Tag, der Sonnenschein.

Johannes Tauler (1300 – 1361)

Johannes Tauler und Zen: Zum Durchbruch gelangen

„Seine Sprache ist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwängert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften.“

Heinrich Heine über Johannes Tauler

„Du musst auf dein Nichts gewiesen werden und sehen, was in dir verborgen und verdeckt liegt. Bleib bei dir selber!“ Oder: „Soll Gott sprechen, so musst du schweigen, soll Gott eingehen, so müssen alle Dinge ihm den Platz räumen.“ Oder: „Du sollst dieses tiefe Schweigen oft und oft in dir haben und es in dir zu einer Gewohnheit werden lassen, so dass es durch Gewohnheit ein fester Besitz in dir werde.“ Anweisungen eines buddhistischen Zen-Meisters? So könnte man auf den ersten Blick zunächst meinen. Doch es sind die Worte eines Menschen des Spätmittelalters, eines christlichen Mystikers. Es sind Sätze von Johannes Tauler, der wahrscheinlich kurz nach 1300 geboren wurde und 1361 starb. Das ihm lange Zeit zugeschriebene Adventslied „Es kommt ein Schiff geladen …“ kennen viele. Weniger bekannt jedoch ist die tiefe mystische Schau Taulers, die in weiten Teilen ganz erstaunliche Parallelen zum Zen aufweist. Sie ist nicht in philosophisch-theologischen Abhandlungen spekulativer Mystik überliefert, sondern in knapp über achtzig Predigten, die vermutlich kurze Zeit nach dem Tode Taulers niedergeschrieben wurden.

Was ist Zen? Und was ist Mystik?

Eine Bemerkung vorab: Wer in der umfangreichen Literatur zum Zen der Frage „Was ist Zen?“ nachgeht, stößt auf mehr oder weniger einleuchtende Be-und Umschreibungen, die häufig in negativer Darstellung angeben, was Zen nicht ist. Was aber ist Zen? Diese Frage muss beantwortet werden, bevor wir Parallelen bei Tauler suchen und finden können. „Zen lehrt, dass die Buddha-Natur, oder die Möglichkeit, Erleuchtung zu erreichen, in jedem innewohnt, aber aus Unwissenheit brachliegt …“ Erreicht wird die Erleuchtung »mit einem plötzlichen Durchbruch der Grenzen des gewöhnlichen, alltäglichen, logischen Denkens« beschreibt die „New Encyclopaedia Britannica“ den Sinn des Zen. Mit den Sätzen: „Im Mittelpunkt der Zen-Praxis steht die ‚sitzende Versenkung‘ (zazen). Sie soll zur Erleuchtung (satori) führen, der plötzlich eintretenden Erkenntnis der Einheit allen Seins, des Heiligsten und des Profansten“, versucht „Meyers Enzyklopädisches Lexikon“ dem Wesen des Zen näher zu kommen.

Und ein Zweites: Was ist Mystik? Das ist wohl am klarsten und eindeutigsten mit dem zu fassen, was der Mystiker erfährt: „Durch die mystischen Berührungen wird der Mensch aus seinem verteilten, gewöhnlich-tag-täglichen Bewusstsein herausgeholt. Er wird ‚eingekehrt‘ und spürt nun, dass in seinem ‚Herzen‘ etwas geschieht. Er wird weiter aus der ‚Eigenheit‘ heraus- und in seinen ‚Grund‘ hereingezogen. Dieser plötzliche Übergang vom Durchschnittsbewusstsein, wo er selbst Herr und Meister ist, zu dem Niveau, auf dem sich der ‚ganz Andere‘ fühlen lässt, ist ein erschütterndes Erlebnis,“ schreibt Paul Mommaers. Und genau darauf gilt es, sich stets neu einzulassen.

Weg und Wirkung Johannes Taulers

Wahrscheinlich kurz nach 1300, so wird berichtet, ist Tauler als Sohn einer Straßburger Patrizierfamilie geboren. Früh tritt er in den Predigerorden der Dominikaner ein, widmet sich der Seelsorge und predigt etwa ab 1330 vor allem in Gemeinschaften der Dominikaner und in Häusern der Beginen. Im Zuge eines politischen Machtkampfes zwischen Kaiser und Papst muss Tauler jedoch zusammen mit den anderen Dominikanern aus Straßburg emigrieren. Er geht zunächst nach Basel ins Exil. Verschiedene Reisen führen ihn später nach Köln und an den Niederrhein, bis er 1361 in seiner Heimatstadt stirbt. Die Wirkungsgeschichte Taulers ist ebenso wechselhaft wie eindrucksvoll. Seine Predigten beeinflussten den frühen Reformatoren Martin Luther ebenso wie Luthers Gegenspieler, den revolutionären Thomas Müntzer der Bauernkriege. Fast ins Schwärmen kommt im 19. Jahrhundert der Dichter Heinrich Heine in seiner „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, wenn er schreibt: „Hier erwähnen wir daher namentlich des Johannes Tauler … Er gehörte zu jenen Mystikern, die ich als die platonische Partei des Mittelalters bezeichnet habe… Seine Sprache ist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwängert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften.“ Die geistesgeschichtliche Traditionslinie, auf die Tauler sich bezieht, beginnt mit dem spätantiken Philosophen Proklos (411 – 485 n. Chr.), also etwa um die Zeit, als Bodhidarma, der vor allem in China lebte und 528 gestorben ist, den Zen-Buddhismus begründete. Tauler zitiert Proklos als „heidnischen Lehrmeister“ mit den Worten „willst du aber noch höher kommen, so lass das vernünftige Hinschauen und Anstarren, denn die Vernunft liegt unter dir, und werde eins mit dem Einen. Und er nennt das Eine eine göttliche Finsternis, still, schweigend, schlafend, übersinnlich.“ Auf Proklos stützt sich auch Dionysius Areopagita (um 550 n. Chr.). In seiner Abhandlung über die „Unfassbarkeit Gottes“ schreibt er unter anderem: „Er allein ist der Urgrund, der allumfassende Ursprung alles Seins und Nichtseins, darin Vollkommenheit und Überschwang, die Fülle von Allem und der Verzicht auf alles und die Jenseitigkeit selbst über alles umschlossen liegt. Kein Sein und kein Nichtsein kann Ihn treffen und Ja und Nein erreichen Ihn nicht.“ Auf diese Traditionen greift Tauler zurück, die noch anzureichern sind mit Platon (428/27 – 348/47) und Plotin (um 205 – 270) und die ergänzt werden müssen mit den Kirchenvätern Augustinus (354 – 430) und Thomas von Aquin (1225/6 – 1274) sowie Dominikus (um 1170 – 1221), den Gründer des Dominikanerordens. Etwa in dieser Zeit waren übrigens innerhalb des Buddhismus in Japan die Rinzai-Schule (Eisai 1141 – 1215) und die Soto-Schule (Dogen 1200 – 1253) entstanden. Vor allem und in besonderer Weise ist jedoch der Mystiker Meister Eckhart (um 1260 – 1327) zu nennen, dessen direkter Schüler Johannes Tauler gewesen ist.

Aufstieg aus dem Grund

Für Johannes Tauler ist der Mensch immer im Aufstieg, immer in Bewegung. Denn nur so kann er zu dem Durchbruch gelangen, der ihn auf seinem Weg weiterbringt. Nicht eindimensional, sondern in drei Schichten bewegt sich nach Taulers Überzeugung der Mensch dabei von der Selbst- zur Gotteserkenntnis. Eine Passage aus der Predigt „Von der Geburt Gottes im Menschen“ verdeutlicht dies: „Die Seele hat drei edle Kräfte, in denen sie ein reines Abbild der heiligen Dreifaltigkeit ist: Gedächtnis, Verstand und freier Wille. Und mittels dieser Kräfte erfasst sie Gott und ist für ihn empfänglich, so dass sie alles dessen empfänglich werden kann, was Gott ist und hat und geben kann, und vermittels ihrer schaut sie in die Ewigkeit. Denn die Seele ist zwischen Zeit und Ewigkeit geschaffen: Mit ihrem obersten Teile gehört sie in die Ewigkeit, und mit ihrem untersten Teile, mit ihren sinnlichen, tierischen Kräften, gehört sie in die Zeit. Nun ist die Seele sowohl mit ihren obersten wie mit ihren untersten Kräften in die Zeit und die zeitlichen Dinge ausgeströmt, infolge der nahen Verwandtschaft, die die obersten Kräfte zu den untersten haben; daher wird ihr auch dieser Lauf sehr leicht, und sie ist sogar bereit, ganz in die sinnlichen Dinge auszulaufen, und geht so der Ewigkeit verlustig. Wahrhaftig, es muss notwendig ein Rücklauf geschehen, soll diese Geburt geboren werden, es muss eine kräftige Einkehr geschehen, ein Einholen, ein inwendiges Sammeln aller Kräfte, der untersten und der obersten, und so muss eine Vereinigung von aller Zerstreuung stattfinden …“

Louise Gnädinger beschreibt in ihrer Biographie des spätmittelalterlichen Mystikers Tauler, worum es ihm vor allem geht: „Im eigenen, als tief innerlich liegend empfundenen Abgrund stößt der Mensch, hat er sich den Weg dorthin einmal frei gemacht, auf den göttlichen Abgrund. Beide Abgründe, der menschliche und der göttliche, rufen einander zu und herbei, und in dem dynamisch wogenden Hin-und-Her-Rufen führt und leitet der göttliche Abgrund den menschlichen in sich hinein in den Umschwung der Gottheit“. Denn Tauler bleibt in seinen Predigten nicht dabei stehen, die Suche des Menschen nach Reichtum, Ordnung, Gestalt, Wahrheit, Wesen etc. in seiner Ganzheit zu beschreiben. Er geht weiter: „Er tastet nach der letzten Wesenstiefe im Menschen«, schreibt Josef Zapf. „Er ringt um den Überschritt in den göttlichen Grund. Dort vollzieht sich die Geburt Gottes im Menschen.“ Ganz entscheidend für diese Gottesgeburt im Menschen ist Taulers Überzeugung, dass der Mensch ein Nichts ist. Allerdings nicht in dem gemeinhin negativ verstandenen Sinn, sondern so begriffen, dass er dem eigenen Nichts auf den Grund geht. Dass er es sehen kann als Nichtigkeit und Sinnlosigkeit der Welt. Tauler meint, dass der Mensch „von Grund aus sein natürliches und sein gebrechliches Nichts erkennen“ soll. Der Mensch „muss alles lassen, dieses Lassens selbst noch ledig werden es lassen, es für nichts halten und in sein lauteres Nichts sinken.“ Tauler weiß: „Willst du in Gottes Innerstes aufgenommen, in ihn gewandelt werden, so musst du dich deiner selbst entäußern, aller Eigenheit, deiner Neigungen, aller Tätigkeit, aller Anmaßung, aller Weise, in der du dich selber besessen hast; darunter geht es nicht. Zwei Wesen und zwei Formen können nicht zugleich nebeneinander bestehen. Soll das Warme hinein, so muss das Kalte notwendigerweise hinaus. Soll Gott eintreten? Das Geschaffene und alles Eigene muss dafür den Platz räumen. Soll Gott wahrhaftig in dir wirken, so musst du in einem Zustand bloßen Erduldens sein; all deine Kräfte müssen so ganz ihres Wirkens und ihrer Selbstbehauptung entäußert sein, in einem reinen Verleugnen ihres Selbst sich halten, beraubt ihrer eigenen Kraft, in reinem und bloßem Nichts verharren. Je tiefer dieses Zunichtewerden ist, um so wesentlicher und wahrer ist die Vereinigung.“

Sich lösen von äußeren Bildern

Zu dieser Vereinigung von Gott und Mensch, die alle Trennungen aufhebt, gehört für den Seelsorger und Prediger, dass sich der Mensch von allen Bildern löst. „Man findet gar manchen, der in der bildhaften Weise sehr bewandert ist und große Freude an solcher Übung besitzt, aber keinerlei Zugang zur Innerlichkeit seiner Seele hat … Das kommt daher, dass sie zu sehr bei den sinnlichen Bildern verweilen und dabei verharren und nicht vorwärtskommen und nicht in den Grund durchbrechen, wo die lebendige Wahrheit leuchtet: denn man kann nicht zwei Herren dienen: den Sinnen und dem Geist.“ Seine Zuhörer fordert er auf, dass sie „die Bilder bald fahren lassen und mit flammender Liebe durch den mittleren in den allerinnersten Menschen hindurchdringen.“ Und wie Proklus meint Tauler: „Solange der Mensch mit den Bildern, die unter uns sind, beschäftigt ist und damit umgeht, wird er niemals in den Grund gelangen.“ Für Tauler gehört existentiell zum Gelingen des Durchbruchs die Abgeschiedenheit vom Äußeren, das Aufgeben der Anhänglichkeit an Dinge, Geschöpfe oder Gewohnheiten, der Blick der Einfachheit, die Einkehr in den Grund und der Einklang mit Gott, der Grund des Menschen und sein Nichts mit all seinen Facetten, das Erkennen des Selbst, das Schweigen, damit Gott sprechen kann …

Vom Gewahr-Werden zum Gewahr-Sein: hier und jetzt

Tauler geht es in seinen Predigten nicht um intellektuelle Anregungen, sondern er gibt praktische Anweisungen. Er mahnt seine Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder, ihres Selbst gewahr zu werden, aufmerksam zu werden, sich zu beachten und zu beobachten, um in diesem Prozess ihres Selbst gewahr zu sein. In der beobachtenden Teilnahme des Menschen ist er fähig, die Kräfte seines Gemütes zu erkennen und zu aktivieren, den Grund unseres Geistes. Denn das Gemüt „steht bei weitem höher und innerlicher als die Kräfte; diese haben all ihr Vermögen von ihm und sind darin und von da heraus geflossen … es erkennt sich als Gott in Gott, und dennoch ist es geschaffen.“ Und wieder zitiert Tauler hier in der 53. Predigt den spätantiken Philosophen Proklus mit den Worten: „Wir suchen auf verborgene Weise das Eine, das weit über Vernunft und Erkenntnis steht.“.

Dazu gehört auch: das Un-Erklärbare, das Un-Beschreibliche, dem wir uns ständig gegenübersehen, hat sich nicht irgendwo, sondern im konkreten Leben zu bewähren, im Hier und Jetzt. Das gilt für Zen ebenso wie für Mystik. Im Buddhismus wie bei Tauler. Entscheidend ist dafür jedoch nicht eine spirituelle Innendekoration, ein Verhüllen der inneren Wände mit frommen Tüchern. Ganz existentiell ist die Erfahrung der Tiefe des eigenen Grundes im wirkenden Grund göttlichen Seins. Bei Tauler klingt das so: „Dann soll der Mensch die Eigenschaft der Einsamkeit Gottes in der stillen Leere betrachten … Denn dort ist alles still, geheimnisvoll und leer. Darin ist nichts als die lautere Gottheit. Dorthin kam nie etwas Fremdes, kein Geschöpf, kein Bild, keine Form.“

© Werner Anahata Krebber

 

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