Ein Weg in die Stille

Meditations-Radbild von Niklaus von Flüe (1417 – 1487)

Der vollendende Weg der Mystik ist ein Weg in die Stille. In die Abgeschiedenheit. Ein Weg der Selbstverkleinerung. Es hat auch mit einer Art spirituellen, religiösen Begabung zu tun. Bei einigen mit weitreichenden kreativen Folgen für den Betroffenen, mit Wirkung auch auf die Außenwelt. Er wurde jedoch kein Lehrer der Mystik, blieb reiner Praktiker, „Lebemeister“, wie Meister Eckhart gesagt hätte.

Das vollständige Interview über Niklaus von Flüe von Marcelle de Michiel mit dem Schweizer Historiker Dr. Pirmin Meier ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Einfache tiefe Sehnsucht nach Gott

Willst du also beten, vergiss alles, was du getan hast oder vorhast zu tun. Weise alle Gedanken ab, gleich ob gute oder böse. Gebrauche beim Beten keine Worte, es sei denn, du fühlst dich innerlich dazu gedrängt. Betest du aber doch mit Worten, so kümmere dich nicht darum, ob es viele oder wenige sind. Beachte sie nicht, denke nicht daran, was sie bedeuten. Mache dir auch keine Gedanken um die Art des Gebetes. Es ist völlig gleich, ob es offizielle liturgische Gebete sind wie Psalmen, Hymnen, Wechselgesänge oder Fürbitten, und auch, ob du nur in Gedanken betest oder vernehmlich.
Nur eines habe im Sinn: in deinem Herzen eine einfache, tiefe Sehnsucht nach Gott zu hegen. Denke nicht darüber nach, wer oder was er ist oder wie er sich in seinen Werken offenbart. Ruhe in dem einfachen Bewusstsein, dass er „ist”. Ich bitte dich, laß ihn so, wie er ist. Versuche nicht, ihn genauer zu erfassen und tiefer einzudringen, sondern bleibe in schlichtem Vertrauen verwurzelt in Gottes Sein wie in festem Grund.
Diese von allen Gedanken freie Aufmerksamkeit, die im Vertrauen wurzelt und gründet, wird dich von allem Denken und Wahrnehmen frei machen und dir nur das reine Bewusstsein und das dunkle Innesein deines eigenen Daseins lassen. Dein ganzes Empfinden aber ist erfüllt mit lauterer Sehnsucht nach Gott, die spricht:

„Mein Sein bringe ich dir, Herr,
ohne nach einer deiner Eigenschaften zu fragen.
Ich schaue nur darauf: Du bist.
Nur das habe ich im Sinn, sonst nichts.

Sind die Kirchenväter „Kommunisten“?

Foto © wak

Sind die Kirchenväter „Kommunisten“? Diese Frage lässt sich nicht mit ja oder nein beantworten. Auf jeden Fall aber stellen sie alle den Gemeinbesitz über den Privatbesitz, die Sozialethik über die Individualethik. … Sie sind Kommunisten aus prinzipiellen Gründen, indem sie das göttliche Naturrecht als kommunistisches Sozialrecht (paradiesischer Zustand) deklarieren, das Privateigentum hingegen als Zeichen des Sündenfalls, als bloß menschliches Recht, sogar als Usurpation. Es geht den Vätern in erster Linie um das Heil des Menschen; dieses Heil steht aber nicht als solches nur auf dem Altar, es ist nicht nur ein rein geistiges Heil, sondern es findet sich inmitten der Geschichte.

Konrad Farner (1903–1974) in „Worte der Kirchenväter – Gemeineigentum / Privateigentum“. Freiburg i. Ue, 1973, S. 71 – 73

Mehr zu ihm im „Historischen Lexikon der Schweiz“: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/022745/2004-11-17/

Eine persönliche Ergänzung: Es ist viele Jahre her, dass ich mit einem jungen Jesuiten in der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt/M. durch die Bibliothek gestreift bin. Als wir bei den Regalen „Kirchenväter“ angekommen waren, da bemerkte er: „Hier steht unser Dynamit“…

Eins mit Gott sein: Franz Jalics (1927 – 2021)

Foto: © wak

 

Wenn ich hellwach bewusst bin, aber mein Bewusstsein leer ist, bin ich in meiner Mitte. Dort sind wir nur Geist und befinden uns am nächsten zu Gott, der reiner Geist ist. Es ist ein einfaches Bewusst-Sein, ein bewusstes Da-Sein. Dort ist der Mensch im höchsten Grad Ebenbild Gottes. Dort kann er eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet, eins mit Gott zu sein. Verweilt der Mensch dabei, ist er in reiner Anbetung. Es ist die Anbetung im Geist.

Franz Jalics (1927 – 2021) In: Der kontemplative Weg

Mehr zu Franz Jalics hier: https://web.archive.org/web/20171201041208/https://www.jesuiten.org/aktuelles/details/article/pater-franz-jalics-sj-wird-90-jahre-alt.html

Torweg der Stille | Hörbuch mit Texten von Huang Bo

Foto: © wak

 

Der Eine Geist ist die reine Quelle,
die allen Menschen innewohnt.

Unsere ursprüngliche Natur ist in Wahrheit
ohne die geringste Gegenständlichkeit.
Sie ist leer, allgegenwärtig, schweigsam, rein.
Sie ist herrlich und geheimnisvoll friedliche Freude,
nichts anderes.

Dieser reine Geist, die Quelle von allem,
scheint für immer und auf alle
mit dem Glanz seiner eigenen Vollendung.
Volles Verständnis kann nur
durch ein unausdrückbares Geheimnis kommen.

Der Zugang zu ihm heißt der Torweg der Stille
jenseits aller Tätigkeit.

Huangbo Xiyun / Huang Po / Huang Bo († 850)

 

Ronald Steckel hat aus den überlieferten Reden des Huang Bo den Text für ein Hörbuch destilliert. Die Sprecher sind Max Hopp, Martin Engler u. v. a.

Hörbuch  20:17 Min. ~ 10 €

Bestellmöglichkeit hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Die Wolke des Nichtwissens

Foto: © wak

Eine der wichtigsten Aussagen über Mystik in der westlichen Hemisphäre ist das Buch „Die Wolke des Nichtwissens“. Der Name des Autors ist nicht bekannt; es ist gut, dass wir nicht wissen, wer es geschrieben hat. Es deutet auf eines hin: dass er, bevor er es schrieb, in einer Wolke des Nichtwissens verschwunden war. Es ist das einzige Buch in der westlichen Welt, das den Upanishaden, dem Tao Te Ching, nahe kommt, dem Dhammapada. Es gibt eine seltene Einsicht darin:

Zuerst nennt er es eine Wolke. Eine Wolke ist vage, hat keine definierbaren Grenzen. Sie ist ständig im Wandel; sie ist nicht statisch – niemals, nicht einmal für zwei aufeinanderfolgende Momente, ist sie dieselbe. Sie ist ein Fluss, sie ist reine Veränderung. Und es gibt nichts Substantielles darin. Wenn Sie es in der Hand halten, bleibt nur Nebel übrig, sonst nichts. Vielleicht werden deine Hände nass, aber du wirst keine Wolke in deiner Faust finden.

Chandra Mohan Jain (1931 – 1990) in „Theologia Mystica“

Finde angehaltenen Atems deinen Stand im Selbst

Ramana Maharshi | Bild Archiv

Mitten in der Höhle des Herzens
leuchtet allein das reine Unbedingte (brahman)
als ICH-ICH offenbar in Gestalt des Selbst (atman).

Lass dein Gemüt sich selbst erforschen
und im Herzen untertauchen
und finde angehaltenen Atems
deinen Stand im Selbst.

Heinrich Zimmer: Der Weg zu Selbst. Lehre und Leben des Shri Ramana Maharshi. Kreuzlingen/München, 9. Aufl. 2001. S. 55

Schule der Weisheit

Bild: Archiv

Der ist gelehrt,
Wer nichts für sich begehrt,
Wer nichts will sein bei allen,
Wer sich auch selbst nicht will gefallen,
Wer in sich selbst nichts find’t,
Als daß er wie ein kleines Kind
Sonst nichts will wissen, nichts will denken,
Als in sein Nichts sich zu ersenken.
O schönes Nichts,
Du Fülle alles Lichts,
Du Sonne voller Klarheit,
Du Brunnen aller reinen Wahrheit,
Verborgnes Winkelein,
So unansehnlich und so klein,
Wer sollte das von dir, du armes Häuslein, denken,
Daß du uns würdest so die wahre Weisheit schenken!

Gerhard Tersteegen (1697–1769) in: Geistliches Blumengärtlein

Keine Belohnung für das Erwachen

Ramana Maharshi / Foto: Archiv

Man erhält  keine Belohnung für das Erwachen. Wenn man die Bedeutung dieses inneren Erlebnisses erfasst, verlangt man keine Belohnung. Wie Krishna sagte: „Ihr habt das Recht zum Arbeiten, aber nicht das Recht, dessen Früchte zu ernten.“ Vollkommenes Wachsein ist einfach Anbetung, und wahre Anbetung ist nur dem Erwachten möglich.

Wenn man sich niedersetzt und sich klar macht, dass man nur denkt vermöge des All-Lebens und dass der Verstand, der zur Handlung des Denkens belebt wird durch das All-Leben, ein Teil des Ganzen ist, welches wiederum Gott ist, dann beweist man, dass der Verstand nicht als gesondertes Wesen besteht, und das Ergebnis ist, dass Verstand und Körper materiell (so zu sagen) verschwinden. Das einzige, was übrig bleibt, ist reines Sein, welches gleichzeitig Bestehen und Nichtbestehen in sich schließt und nicht durch Worte und Gedanken erklärt werden kann.

Meister in Indien. Verbürgte Mitteilungen über indische Mahâtmas und ihre Lehren von Felicita R. Scatcherd – (Es geht um einen Besuch bei Ramana Maharshi)

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 8  |  September 2020

TITELTHEMA: EIN VERSCHÜTTETER TEMPEL

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Tiefe und Erkenntnis seines Nichts

Foto: © wak

 

Suche nichts als ein reines, einfaches Entsinken
in das reine, einfache, unbekannte, namenlose,
verborgene Gut, das Gott ist,
und in alles, was sich in ihm enthüllen mag.

Alles soll sich an sein Nichts halten:
Nichts wissen, nichts erkennen, nichts wollen,
nichts suchen, nichts haben wollen.

Suche weder Empfindung noch Erleuchtung!
Entsinke in dein Nicht-wissen
und Nicht-wissen-wollen!

Die Tiefe, die in Gott ist,
ist ein solcher Abgrund,
dass aller geschaffene Verstand
sie nicht zu erreichen
noch zu ergründen vermag.

Dieser Tiefe soll der Mensch begegnen
mit der eigenen Tiefe:
das ist, dem grundlosen Abgrund
einer unergründlichen Selbstvernichtung.

Das heißt: könnte er ganz
zu einem lauteren Nichts werden,
das hielte er für recht und billig.

Das kommt aus der Tiefe
und der Erkenntnis seines Nichts.

Johannes Tauler (* um 1300 – 1361)