Leben vom Standpunkt des Erwachens

Ganz und gar lebendig zu sein, ganz und gar Mensch und wirklich wach zu sein, bedeutet, unaufhörlich aus dem Nest geworfen zu werden. Voll und ganz zu leben bedeutet, sich ständig im Niemandsland zu befinden, jeden Augenblick völlig neu und frisch zu erleben. Wahres Leben ist die Bereitschaft, immer wieder aufs neue zu sterben. Das ist Leben vom Standpunkt des Erwachens. Tod hingegen ist der Wunsch, an dem, was man hat, festzuhalten und sich von jeder Erfahrung bestätigen und auf die Schulter klopfen zu lassen, weil man alles so schön im Griff hat.

Pema Chödrön (*1936)

Der Schöpfer im Menschen ist das eigene Selbst

Der Schöpfer im Menschen ist das eigene Selbst, dessen letzte, von seinem eigenen Mittelpunkt entfernteste Manifestation das kleine „Ich“, das persönliche „Ichbewusstsein“ ist. Das persönliche „Ich“ in ihm ist das durch die Materie – im Körper – widergespiegelte Bild Gottes. Wenn der Mensch also aus dem Fernsein in die Identität mit Gott zurückgelangen will, muss er mit seinem Bewusstsein denselben Weg einschlagen: er muss sein Bewusstsein, von seinem persönlichen „Ich“ ausgehend, immer tiefer und tiefer in sich zurückziehen, und sich zu seinem wahren Selbst, zu seinem Schöpfer, hinwenden, bis er sich in Ihm bewusst erkennt.

Elisabeth Haich (1897-1994)

Gürtet euch mit Liebe

Cover der DVD: Morgenröte im Aufgang bei der filmedition suhrkamp

 

O, ihr blinden Menschen, lasset ab vom Zanke und vergießet nicht unschuldig Blut, und verwüstet darum nicht Land und Städte nach Teufels Willen, sondern ziehet an den Helm des Friedens und gürtet euch mit Liebe gegen einander , und braucht euch der Sanftmut.

Jakob Böhme (1575 – 1624) in: Aurora oder Morgenröte im Aufgang, Kap. 22,45

Die ganze Welt ist psychisch krank

Der Mensch ist gerade durch die Leistungen der Vernunft in die größte Not geraten. Die ganze Welt ist bereits psychisch krank, und die Krankheit schreitet mit Riesenschritten fort. Das gilt wenigstens von der westlichen Welt. Die östliche Hälfte, die Wissenschaft und Technik vom Westen übernommen hat und sie sich immer mehr zu eigen macht, wird, falls der Prozess in der gegenwärtigen Richtung fortschreitet, demselben Schicksal nicht entgehen.

Hugo M. Enomiya-Lassalle S.J. (1898 – 1990) in seinem Buch „Zen unter Christen“, Graz/Wien/Köln 1973, S. 57-58