Sieht Gott, schaut Gott, liebt Gott

Umschlag der „Offenbarungen der göttlichen Liebe“ / Archiv

… Die Wahrheit sieht Gott, und die Weisheit sieht Gott, und von diesen beiden kommt das dritte, nämlich eine heilige, wunderbare Freude an Gott, die Liebe ist. Wo Wahrheit und Weisheit wahrhaftig sind, da ist auch die Liebe wahrhaftig, die aus beiden hervorgeht. Und alles ist von Gott gemacht; denn er ist die unendliche souveräne Wahrheit, die unendliche souveräne Weisheit, die unendliche souveräne Liebe, die nicht gemacht ist; und die Seele des Menschen ist ein Geschöpf in Gott, das dieselben Eigenschaften hat, die gemacht sind, und das immerfort das tut, wozu es gemacht ist: es sieht Gott, es schaut Gott, und es liebt Gott. Daran erfreut sich Gott in der Kreatur, und die Kreatur in Gott, indem sie unendlich staunt.

Juliana von Norwich (* um 1342 – nach 1413) in „Offenbarungen der göttlichen Liebe. 1373. Hier: Kapitel 44

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Zugang zum göttlichen Bewusstsein der Welt

Kachel von Josef Albers / Foto: (c) wak

Das menschliche Herz ist ein multidimensionales Organ des spirituellen Gewahrseins und des Lichts. Und da der Mensch ein Mikrokosmos der gesamten Schöpfung ist, hat auch die Welt ein Herz des spirituellen Gewahrseins und des Lichts. Im innersten Kern ist das menschliche Herz eins mit dem Herzen der Welt und macht so den Einzelnen zum Tor zur Liebe und zum göttlichen Geheimnis des Ganzen. Betreten wir die Kammern unseres eigenen Herzens, bekommen wir Zugang zum göttlichen Bewusstsein der Welt und können damit arbeiten.

Llewellyn Vaughan-Lee (* 1953)

Sein Herz wie einen Spiegel gebrauchen

Foto: (c) wak

Der höchste Mensch gebraucht sein Herz wie einen Spiegel. Er geht den Dingen nicht nach und geht ihnen nicht entgegen; er spiegelt sie wider, aber hält sie nicht fest. Darum kann er die Welt überwinden und wird nicht verwundet. Er ist nicht der Sklave seines Ruhms;  er hegt nicht Pläne; er gibt sich nicht ab mit den Geschäften; er ist nicht Herr des Erkennens. Er beachtet das Kleinste und ist doch unerschöpflich und weilt jenseits des Ichs. Bis aufs letzte nimmt er entgegen, was der Himmel spendet, und hat doch, als hätte er nichts. Er bleibt demütig.

Dschuang Dsi. Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm, Jena 1912, S. 59

Wurzeln im Herzen der Ewigkeit

„Der ganze physische und geistige Kosmos ist ein einheitliches Ganzes, auch wenn dieses Ganze sich in sehr unterschiedlichen Aspekten darstellt.“ Durch einiges Zutun ist der Mensch auf der Erde angelangt, hat sich der Welt der Materie ausgeliefert, aber er wurzelt im „Herzen der Ewigkeit“. Um die Rückkehr in die Ewigkeit wieder zu erlangen, braucht er Hilfe. Darum ist es gut, dass er sich bewusst wird, dass dazu die Liebe von allergrößter Bedeutung ist. In den Worten von Bo Yin Ra: „In der Liebe allein wird euch Erlösung.“

Bô Yin Râ und die Natur

Magische Blätter. CIII. Jahrgang, Herbst 2022
Heft 23 | September 2022 | Thema: Naturphilosophie

Herausgeber: Verlag Magische Blätter, Ronnenberg
Schriftleitung: Organisation zur Umwandlung des Kinos

https://verlagmagischeblaetter.eu/publikationsreihe/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

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Verschieden wie Himmel und Erde entfernt

Foto: (c) wak

Ich behaupte, der innere und der äußere Mensch sind voneinander so verschieden, wie Himmel und Erde voneinander entfernt sind. Betrachte ich die Lilien auf dem Felde, dann sehe ich wohl ihren Schein und ihre Farbe und ihre Blätter; aber ihren Duft sehe ich nicht. Warum? Weil der Duft in mir ist. Was mich ansprechend dünkt, das ist in mir, und ich spreche es aus mir heraus. So auch schmecken alle Kreaturen meinen äußeren Menschen als Kreatur, wie Wein und Brot und Fleisch. Aber meinem inneren Menschen schmeckt nicht die Kreatur als solche, sondern allein die Kreatur, sofern sie Gottes Selbsthergabe ist.

Von unsagbaren Dingen | Nolite timere eos, qui corpus occidunt. (Matth. 10, 28)

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Eins werden mit dem Einen

Bild: Archiv

Weil und solange der Mensch mit den äußeren Bildern umgeht und in ihnen aufgeht, ist es unmöglich, daß er in diesen Grund hinabgelangt, und solange glaubt er nicht, daß er in ihm ist. Wer aber zu ihm gelangen und seiner inne werden will, der muß sich der Mannigfaltigkeit der äußeren Bilder entzogen und sich ganz dem inneren Bilde zugewendet haben, und er muß schließlich über das Schauen des Bildes hinaus zur Bildlosigkeit weiterschreiten und eins werden mit dem Einen.

Proklos (412 – 485) in einer Predigt von Johannes Tauler (1300 – 1361)

Teilhabe am größeren Leben

Paul Ranson: Christus und Buddha / Foto: (c) wak

Fortschreiten auf dem „Weg“ hat immer das Erfahren und Ernstnehmen neuer Erlebnisqualitäten zur Voraussetzung. Sie sind „Zeichen auf dem Weg“. Von entscheidender Bedeutung ist das Spüren und Wahr-nehmen der Qualität des Numinosen, Sakralen, darin uns das Sein im Dasein berührt. …

Wenn die Mitte zu tragen beginnt und von all dem, was über ihr ist, entlastet, die Verbindung mit der „Erde“ freigibt, fühlt der ganze Mensch sich anders, als ein anderer und wo anders. In dreierlei Weise bekundet sich dann die Teilhabe an einem Größeren Leben: Der Mensch erfährt eine neue Kraft und Weite, eine neue Nähe und Wärme und eine hellere Sicht.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988) in: Hara. Die Erdmitte des Menschen. Bern / München / Wien, 1999, S. 175

In die Weite und Stille des Nichts versinken

Meister Eckhart – Tür in Erfurt / Foto: (c) wak

Hier versinkt der Mensch, der ganz abgeschieden geworden ist und der in diesem Sinne nichts geworden ist, nichts denken, nichts wollen, nichts haben, der reine Stille und Leere und Offenheit ist: er versinkt in die Weite und Stille des Nichts, das von keinem Etwas mehr getrübt ist.

Bernhard Welte (1906 – 1983) in: Meister Eckhart. Gedanken zu seinen Gedanken, Freiburg-Basel-Wien, 1992, S. 87

Gottes lebendiger Tempel bist du

Foto: (c) wak

Der hohe Kirchenraum ist das Gleichnis der unendlichen Ewigkeit, des Himmels, darinnen Gott wohnt. Wohl sind die Berge noch höher, unmeßbar die blaue Weite draußen. Doch  alles offen, keine Grenze darin und keine Gestalt. Hier aber ist der Raum für Gott ausgesondert. Für ihn geformt, heilig durchbildet. Wir fühlen in die ragenden Pfeiler hinauf, in die breiten, starken Wände, in die hohe Wölbung: Ja, das ist Gottes Haus, Gottes Wohnung in einer besonderen innerlichen Weise.

Und die Pforte führt den Menschen in dies Geheimnis. Sie sagt: „Wirf das Kleine ab, fort mit allem, was eng und ängstlich ist. Weg mit allem Niederdrückenden. Weit die Brust. Hinauf die Augen. Frei die Seele! Gottes Tempel ist dies, und ein Gleichnis von dir selbst. Denn Gottes lebendiger Tempel bist du ja, dein Leib und deine Seele. Mach ihn weit, mach ihn frei und hoch!“

Romano Guardini (1885 -1968) in: Von heiligen Zeichen. Mainz 1933, S. 32

Zum Blühen gekommen

Foto: (c) wak

Nur die Gedanken sind etwas wert, die sich auf die intensivste Weise unserem Sein assimiliert haben, so dass selbst die leiseste Geste sie auszudrücken vermag. Sie sind Antwort, sind Melodie, die in uns eindringen, ohne dass wir es womöglich bemerken, und die uns überraschen, wenn sie aus unserem Herzen, in dem sie gereift sind, aufsteigen. Sie sind in ihm zum Blühen gekommen, sind von ihm gedacht worden und wurden Wissen. Durch derartiges inneres Wachstum nimmt der Mensch Anteil an der Gestaltung der Welt. Und dank des menschlichen Herzens können und werden noch neue Blumen entstehen.

Jean Gebser (1905 – 1973)