Nicht zugleich Heiliger und Schriftsteller

… Daher ist die Literatur, deren Funktion eine weltliche ist, mit der Geistlichkeit nicht vereinbar; die eine ist Umweg, Ornament, Schleier, die andere Unmittelbarkeit, Blöße: weshalb man nicht zugleich Heiliger und Schriftsteller sein kann. So ist der Text des Ignatius, meint man, geläutert von jeder Berührung mit den Verführungen und Illusionen der Form, kaum Sprache: er ist einfach der neutrale Weg, der die Vermittlung einer geistigen Erfahrung gewährleistet. Und so bestätigt sich wieder einmal der Platz, den unsere Gesellschaft der Sprache zuweist: sie ist entweder Dekoration oder Instrument.

Roland Barthes über die „Exerzitien“ des Ignatius von Loyola. In: Sade Fourier, Loyola, Frankfurt/M. 1974

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Gottes heiliger Tempel bist du

 

Foto: © wak

Die Pforte steht zwischen dem Draußen und dem Drinnen – zwischen Markt und Heiligtum – zwischen dem, was aller Welt gehört und dem Geweihten Gottes. Und wenn Einer durch sie hindurchgeht, dann spricht sie zu ihm: Lass draußen, was nicht hereingehört, Gedanken, Wünsche, Sorgen, Neugierde, Eitelkeit. Alles, was nicht geweiht ist, lass draußen. Mach dich rein, du trittst ins Heiligtum.

Wir sollten nicht eilfertig durch die Pforte laufen! Sollten mit Bedacht hindurchge­hen und unser Herz auftun, damit es vernehme, was sie spricht.

Aber die Pforte sagt noch mehr. Gib einmal acht: wenn du hindurchgehst, hebst du unwillkürlich Kopf und Augen. Der Blick steigt empor und weitet sich in den Raum. Die Brust tut sich auf – in der Seele wird es groß. Der hohe Kirchenraum ist ein Gleichnis der unendlichen Ewigkeit, des Himmels, wo Gott wohnt. Gewiss, die Berge sind noch höher, die blaue Weite draußen stiegt ins allem, engUnermessbare. Aber alles ist offen, ohne Grenze noch Gestalt. Doch hier aber ist der Raum für Gott aus­gesondert – für Ihn geformt, heilig durchbildet. Wir fühlen die aufsteigenden Pfeiler, die breiten Wände, die hohe Wölbung: Ja, das ist Gottes Haus, Gottes Wohnung in einer besonderen, geistlichen Weise. Die Pforte aber führt den Menschen in dieses Geheimnis: Sie sagt: Mach dich frei von allem, was eng und ängstlich ist. Wirf ab, was niederdrückt. Weite die Brust- hebe die Augen! Gottes Tempel ist dieses und ein Gleichnis deiner selbst, denn Gottes lebendiger Tempel bist ja du, dein Leib und deine Seele – mache ihn frei und hoch!

Romano Guardini (1885 -1968)

Wesen des Unsichtbaren

Foto: © wak

Die sichtbaren empfindlichen Dinge
sind ein Wesen des Unsichtbaren;
von dem Unsichtlichen, Unbegreiflichen
ist kommen das Sichtbare, Begreifliche:
von dem Aussprechen oder Aushauchen
der unsichtbaren Kraft
ist worden das sichtbare Wesen;
das unsichtbare geistliche Wort
der Göttlichen Kraft
wirket mit und durch das sichtbare Wesen,
wie die Seele mit und durch den Leib.

Jakob Böhme (1575 – 1624)

„Im Anfang war das Wort“: Meister Eckhart ökumenisch gelesen – Studientag in Erfurt

Darstellung aus der Einladung

Der Pfarrer der Evangelischen Predigergemeinde in Erfurt, Holger Kaffke, hat die Einladung zu

„Im Anfang war das Wort“. Meister Eckhart ökumenisch gelesen

verschickt.

Im Text dazu heißt es:

Meister Eckhart gehört zweifelsohne zu den faszinierendsten Gestalten des mittelalterlichen Christentums. Den meisten Menschen ist er vor allem als Mystiker und Meister des geistlichen Lebens bekannt, dessen Predigten immer wieder um das Thema der „Gottesgeburt“ in der Seele des Menschen kreisen.Darüber hinaus warEckhart jedoch auch einer der bedeutendsten Theologen seiner Zeit, derumfangreiche Auslegungen zu verschiedenen Büchern der Heiligen Schrift verfasst hat. In seinem Kommentar zum Johannesevangelium entwickelt Eckhart eine besonders gearteteTheologie und Philosophie des Wortes: Nicht nur der biblische Text, sondern auch die menschliche Vernunftseele und die Schöpfung insgesamt haben den Charakter einer universalgültigen Botschaft, die es zu entschlüsseln und auf das eigene Leben anzuwenden gilt.Dies ist eine Aufgabe, die nicht nur gläubigen Christen aufgegeben ist, sondern jeden Menschen, insofern er Mensch ist, unmittelbar angeht.

Der Studientag will Meister Eckhart aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, die seine besondere Aktualitätaus evangelischer, katholischer sowie allgemein-menschlicher Sicht verständlich machen.

Die Veranstaltung ist offen für jeden,der sich für Meister Eckhart interessiert und sein Denken näher kennenlernen möchte. Vorkenntnisse sind nichterforderlich, sondern nurdie Bereitschaft, sich mit den bereitgestellten Eckhart-Texten, die als Basis für die Lektüre und Diskussion dienen, auseinanderzusetzen.

Der Studientag wird von PD Dr. phil. Martina Roesner (Max Weber Kolleg, Erfurt) und Dr. theol.
Marc Bergermann (Minden) gestaltet.

Um Anmeldung bis spätestens 28. März 2019 wird gebeten unterfolgender E-Mail-Adresse: martina.roesner [at] univie.ac.at

Infos auch noch mal hier:

https://www.meister-eckhart-erfurt.de/fileadmin/PDF/Eckhart/190330_Eckhart-Studientag.pdf

Es kommt ein Schiff geladen…

Foto: © wak

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein’ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft’ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Gott’s Wort tut uns Fleisch werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muss es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
Ewigs Leben zu erben,
wie an ihm ist geschehn.

 

Das Lied wird Johannes Tauler zugeschrieben, einem Schüler von Meister Eckhart.

Mehr zu dem Lied und seiner Geschichte hier: http://www.liederlexikon.de/lieder/es_kommt_ein_schiff_geladen

Mitten im Weltenbau steht der Mensch

Aus einem Codex der Hildegard von Bingen   wikimedia/gemeinfrei

Mitten im Weltenbau steht der Mensch, denn er ist bedeutender als alle übrigen Geschöpfe. An Statur ist er zwar klein, an Kraft seiner Seele jedoch gewaltig. Sein Haupt nach oben gerichtet, die Füße auf festem Grund, vermag er alles in Bewegung zu setzen. Was er mit seinem Werk bewirkt, das durchdringt das All. Wie nämlich der Leib des Menschen das Herz an Größe übertrifft, so sind auch die Kräfte der Seele gewaltiger als die des Körpers, und wie das Herz des Menschen im Körper verborgen ruht, so ist auch der Körper von den Kräften der Seele umgeben, da diese sich über den gesamten Erdkreis erstrecken. So hat der gläubige Mensch sein Dasein im Wissen aus Gott und strebt in seinen geistlichen wie weltlichen Bedürfnissen zu Gott. Immer richtet sich sein Trachten auf Gott, dem er in Ehrfurcht entgegentritt. Denn wie der Mensch mit den leiblichen Augen allenthalben die Geschöpfe sieht, so schaut er im Glauben überall den Herrn. Gott ist es, den der Mensch in jedem Geschöpf erkennt. Weiß er doch, daß Er der Schöpfer aller Welt ist.

Hildegard von Bingen (um 1098 – 1179)

Im Hunger der Seelen anfangen

Gedenktafel am Böhme-Haus im heute polnischen Zgorcelec (Görlitz) Foto: © wak

Denn nicht durch unsere scharfe Vernunft und Forschen erlangen wir den wahren Grund göttlicher Erkenntnis. Die Forschung muss von innen im Hunger der Seelen anfangen. Denn das Vernunftforschen gehet nur bis in sein Astrum der äußern Welt, daraus die Vernunft urständet. Aber die Seele forschet in ihrem Astro, als in der innern geistlichen Welt, daraus die sichtbare Welt entstanden oder ausgeflossen ist, darinnen sie mit ihrem Grunde stehet.

Jakob Böhme (1575 – 1624)