Das unsichtbare geistliche Wort

Gedenktafel am Böhme-Haus in Zgorcelec   Foto: © wak

Die sichtbaren empfindlichen Dinge sind ein Wesen des Unsichtbaren; von dem Unsichtlichen, Unbegreiflichen ist kommen das Sichtbare, Begreifliche: von dem Aussprechen oder Aushauchen der unsichtbaren Kraft ist worden das sichtbare Wesen; das unsichtbare geistliche Wort der Göttlichen Kraft wirket mit und durch das sichtbare Wesen, wie die Seele mit und durch den Leib.

Jakob Böhme (1575 – 1624)

Meister Eckhart – künstlerisch umgesetzt

Auf eine Ausstellung des Erfurter Raben-Ateliers macht die Evangelische Predigergemeinde aufmerksam:

raben

 

In der Pressemitteilung heißt es:

„Gute Worte, Gedanken und geistlichen Beistand brachte Meister Eckhart um 1300 den Erfurter Beginen und erhielt dafür Brot und Wein. Bei Brot und Wein versuchte die Künstlergruppe des Raben-Ateliers Erfurt dem Leben und Wirken dieses bedeutenden Erfurters nachzuspüren. Nicht nur die Beginen im Mittelalter, sondern auch die Mitglieder dieser Gruppe kamen aus dem Staunen nicht heraus.

„.. das Leben ist offen für viele Sehweisen“ (Meister Eckhart). Mit seinen modernen Ge­danken, die aus dem Mittelalter stammen, brachte er die Teilnehmer des Raben-Ateliers auf den Gedanken, sich künstlerisch zu seiner Person, seinem Leben und seinen Gedanken zu äußern: für sich „weiter zu denken“, diese mit dem Pinsel und dem Stift festzuhalten. Dabei folgten die neun Teilnehmer mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen den Worten von Meister Eckhart und ließen sich von ihnen und dem Menschen, der sie äußerte, faszinieren.

Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung sind in einer Ausstellung in der Hauptbibliothek am Domplatz vom 4. Mai bis 31. Oktober 2015 zu sehen.“

 

Der Schöpfer aller Welt

Mitten im Weltenbau steht der Mensch. denn er ist bedeutender als alle übrigen Geschöpfe. An Statur ist er zwar klein, an Kraft seiner Seele jedoch gewaltig. Sein Haupt nach oben gerichtet, die Füße auf festem Grund, vermag er alles in Bewegung zu setzen. Was er mit seinem Werk bewirkt, das durchdringt das All. Wie nämlich der Leib des Menschen das Herz an Größe übertrifft, so sind auch die Kräfte der Seele gewaltiger als die des Körpers, und wie das Herz des Menschen im Körper verborgen ruht, so ist auch der Körper von den Kräften der Seele umgeben, da diese sich über den gesamten Erdkreis erstrecken. So hat der gläubige Mensch sein Dasein im Wissen aus Gott und strebt in seinen geistlichen wie weltlichen Bedürfnissen zu Gott. Immer richtet sich sein Trachten auf Gott, dem er in Ehrfurcht entgegentritt. Denn wie der Mensch mit den leiblichen Augen allenthalben die Geschöpfe sieht, so schaut er im Glauben überall den Herrn. Gott ist es, den der Mensch in jedem Geschöpf erkennt. Weiß er doch, daß Er der Schöpfer aller Welt ist.

Hildegard von Bingen (1098-1179)

Es kommt ein Schiff, geladen…

1. Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein’ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

2. Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

3. Der Anker haft’ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Gott’s Wort tut uns Fleisch werden,
der Sohn ist uns gesandt.

4. Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muss es sein.

5. Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,

6. danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
Ewigs Leben zu erben,
wie an ihm ist geschehn.

Das Lied wird Johannes Tauler zugeschrieben, einem Schüler von Meister Eckhart.

Mehr zu dem Lied und seiner Geschichte hier:

http://www.liederlexikon.de/lieder/es_kommt_ein_schiff_geladen

Tätig und beschaulich

Du sollst wissen, dass es zwei Leben gibt, wodurch Christen ihr Heil gewinnen mögen. Das eine heißt das tätige, das andere das beschauliche. Ohne eines von diesen beiden kann niemand selig werden.

Das tätige Leben besteht in der Liebe, die nach außen zutage tritt in den guten Werken, Erfüllung der Gebote Gottes und der sieben Werke der Barmherzigkeit, der geistlichen wie der leiblichen, gegenüber den Mitchristen.

Das beschauliche Leben besteht in der Liebe, die man innerlich fühlt in geistigen Tugenden, in wahrem Erkennen und Schauen Gottes und geistlicher Dinge.

Walter Hilton (ca. 1330 – 1396)