Das Aufhören des Leidens

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Es gibt niemanden auf der Welt, weder unter denjenigen, die wir als die Unterdrückten sehen, noch unter denjenigen, die wir für die Unterdrücker halten, der nicht alles hätte, was zum Erwachen nötig ist. Wir alle brauchen Unterstützung und Ermutigung, um uns bewußt zu werden, was wir denken, was wir sagen und was wir tun. Werden Sie sich Ihrer Meinungen bewußt. Wenn Sie feststellen, daß Sie Ihren Meinungen gegenüber aggressiv reagieren, bemerken Sie es einfach. Wenn Sie Ihren Meinungen gegenüber nicht aggressiv sind, bemerken Sie auch das. Indem Sie ein Bewußtsein entwickeln, das sich nicht an richtig oder falsch klammert, finden sie einen neuen Seinszustand. Daraus entwickelt sich schließlich das endgültige Aufhören des Leidens. Zu guter Letzt, wenn Sie nicht mehr an sich verzweifeln. Tun Sie von ganzem Herzen alles, um Ihre klarsichtige Intelligenz zu wecken, aber tun Sie es immer nur von Tag zu Tag, von Moment zu Moment.

Pema Chödrön (*1936)

Möglichkeit das All umfassender Erleuchtung

Was ist Mystik? Mystik, ich bin geneigt, das deiktisch einzuführen, sind Texte, denen es an wesentlicher Stelle immer wieder darum geht…, dass das Große und das Kleine sich vielleicht nicht so arg unterscheiden, dass das Ein und das Alles eins sind, Texte, die Paradoxe lieben, die mit der Idee liebäugeln, dass an entscheidender Stelle nicht etwas (oder: Etwas), sondern vielmehr nichts (oder: Nichts) ist, Texte, die etwas gegen die üblichen Vorstellungen von Gelehrsamkeit in Stellung bringen und auf Intuition und die Möglichkeit allumfassender (durchaus: das All umfassender) Erleuchtung setzen, was wieder nicht gelernt, allenfalls an Vorbildern geübt oder irgendwie erfasst wird. Wenn man nun etwa Nikolaus von Kues oder Meister Eckhart liest, stößt man auf Passagen, die dem Daodejing durchaus ähneln…

Laozi: Daodejing. Eine Übertragung von Jan Philipp Reemtsma. München 2017. Hier: Ein paar Bermerkungen hernach S. 106

Der Unendliche

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Die heilige Unwissenheit hat uns einen Geist gelehrt, der unaussprechlich ist; und zwar weil er durch sein Unendlichsein größer ist als alles, was benannt werden kann. Und weil dies absolut wahr ist, sprechen wir wahrer von ihm durch Abtun und Verneinen. Wie auch der große Dionysius wollte, dass Gott für ihn weder Wahrheit noch Vernunft, noch Licht, noch irgendetwas sei, das man aussagen kann. Ihm folgen Rabbi Salomon (Moses Maimonides) und alle Weisen. Daher ist Gott nach der negativen Theologie weder Vater noch Sohn, noch Heiliger Geist, Nach ihr ist er nur der Unendliche.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464) in „Die wissende Unwissenheit“

Das Wahre und das Heilige sind wie Lichtstrahlen

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Alles, was jetzt existiert, ist nur der Griff in die Vergangenheit und der Zukunft – bodenlos, reich und unsichtbar…Ich bin nicht glücklich, denn das Glück kommt vom Menschen. Ich bin nicht unglücklich, denn auch das Unglück kommt vom Menschen. Ich bin alles, denn das ist es, was von Gott kommt. Nichts in der Welt ist einsam, alles ist miteinander verbunden. Das Wahre und das Heilige sind wie Lichtstrahlen, die jeden treffen, dessen Augen offen sind; sehen und gesehen werden ist ein und dasselbe.

Clemens Brentano (1778-1842)

Unmittelbar, klar und eindeutig

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Alles, was in der äußeren und inneren Welt existiert, besteht auch in der Musik, nur in anderer Weise, und ist mit keinem Worte der Sprache vergleichbar. „Das Unbeschreibliche – hier wird’s Ereignis.“ Darum sagt uns die Musik alles, das Höchste und Tiefste und leicht Verschwebende; sie hält uns aber nicht am Einzelnen fest wie das Leben und die anderen Künste, sondern durchströmt uns mit dem Hauch der Allgegenwärtigkeit und lässt so das Einzelne eingehen in das Gesamtbewusstsein eines höheren Daseins, einer höheren Welt. Was Philosophen, Metaphysiker und Religionslehrer uns oft nur unvollkommen, bruchstückweise und in Gleichnissen sagen können, hier spricht es unmittelbar zu uns, klar und ein-deutig.

Felix Weingartner (1863 -1942)

Der ganze Beitrag „Die Grenzen der Musik“ von Felix Weingartner kann hier nachgelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang Oktober 2021 Heft 10, Thema: DIE MUSIKALISCHE DIMENSION DES JAKOB-BÖHME-BUNDES

Mehr hier:

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Der Welt Grund und Heimlichkeit

Mein Buch hat nur drei Blätter.
Das sind die drei Principia der Ewigkeit.
Darinnen kann ich alles finden.
Ich kann der Welt Grund
und alle Heimlichkeit darinnen finden.

Jakob Böhme (1575 -1624) in: Theosophische Sendbriefe 12, 15

Suche in dir selbst

Bô Yin Râ

Der mir befreundete Leiter des Magnum-Opus Verlag in Freiburg, Herr Möbus, der … schickte mir mit anderen Schriften auch „Das Buch vom lebendigen Gott“ eines mir unbekannten Verfassers mit Namen Bô Yin Râ. …

Eine einfache, klare Lehre sprach in schlichten aber mächtigen Worten zu mir. Sie lautet ungefähr: „Willst du suchen, so suche in dir selbst; dort findest du alles, was du suchst, wenn du recht verstehst, es zu suchen.“

Felix Weingartner, Lebenserinnerungen, Zweiter Band, S. 330 f. und S. 347 f., Orellfüssli Verlag, Zürich und Leipzig

Ausführlicher sind die Lebenserinnerungen von Felix Weingartner hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang Oktober 2021 Heft 10, Thema: DIE MUSIKALISCHE DIMENSION DES JAKOB-BÖHME-BUNDES

Mehr hier:

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Die Wand der Vorstellungen durchbrechen

Kirchenfenster von Josef Albers / Foto: (c) wak

Betrachten wir einen Augenblick den konkreten mystischen Weg. Die Wand der Vorstellungen, Begriffe, Bilder und Affekte wird beim Mystiker durchbrochen: Gott schenkt ihm, und er selbst erfährt, eine evidente Anwesenheit. Er hat das Gefühl, dass er sich selbst dabei vergisst, dass nunmehr die andere Anwesenheit alles ist. Er ist glücklich – denn besitzt er nicht den Unvergleichlichen? Dann aber, früher oder später, aber mit einer Art von Unvermeidlichkeit, geschieht ihm das überhaupt Unbegreiflichste (es geschieht ihm, wir verlassen also keineswegs das Gebiet der Erfahrung). Die Anwesenheit verschwindet, unheilbar, offenbar unwiderruflich; mit derselben Freiheit, mit der sie gekommen war. Das All wird von neuem Nichts.

Paul Mommaers: Was ist Mystik? Frankfurt/M. 1996, S. 63

Eingetaucht ins Nichtwissen

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Alles ist mir eng geworden,
alles so klein:
Eingetaucht ins Nichtwissen,
jenseits allen Erfassens, aller Gefühle,
muss ich das Schweigen wahren
und bleiben, wo ich bin.

Hadewijch von Antwerpen (um 1200 – 1248)

Den Kern haben wollen

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Die Schale muß zerbrechen, und das, was darin ist, muß herauskommen; denn, willst du den Kern haben, so mußt du die Schale zerbrechen. Und demnach: Willst du die Natur unverhüllt finden, so müssen die Gleichnisse alle zerbrechen, und je weiter man eindringt, umso näher ist man dem Sein. Wenn die Seele das Eine findet, in dem alles eins ist, da verharrt sie in diesem Einen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seiner Predigt 24: Haec dicit dominus: honora patre tuum etc. (Ex. 20,12)