Mittler zwischen Buddhismus und Christentum – Buchtipp III

Ursula Baatz

Hugo Makibi Enomiya-Lassalle
Mittler zwischen Buddhismus und Christentum

Topos Taschenbuch 1082

191 Seiten, kartoniert, 18 cm

1. Auflage Januar 2017

Topos plus Verlagsgemeinschaft, Kevelaer

ISBN / Code: 978-3-8367-1082-4

Knapp und kurz ist es in der Verlagsankündigung zu lesen: „Der Jesuit, Zen-Meister und Friedenskämpfer Hugo M. Enomiya-Lassalle (1898–1990) überlebte den Atombombenabwurf in Hiroshima und wurde zur wegweisenden Gestalt des Dialogs zwischen Buddhismus und Christentum. Ihm ist es zu verdanken, dass die Übungen des Zen heute auch das religiöse Leben vieler Christen bereichern. Das spannende Porträt eines Meisters, der die Menschen berührt und bewegt.“

Ich denke, da muss mehr gesagt sein. Noch gut erinnere ich, dass ich vor vielen Jahren Enomiya-Lassalle in Kevelaer in einem Kloster begegnet bin. Er ging, nein er schritt durch den Flur. In einer Soutane, die manche wohl als abgewetzt bezeichnen hätten. Doch um solche Äußerlichkeiten ging es ihm nie. Doch was wollte er?

Ursula Baatz liefert hier die Skizze eines eindrucksvollen Mannes am Exempel verschiedener Lebensstationen. Unter der Überschrift „Der Perlentaucher“ schreibt sie unter anderem: „Der Mut, auf der Suche nach Gott immer wieder den nächsten Schritt auf einen unbekannten Horizont hin zu tun, gehört zu den Grundzügen von Lassalles Leben. Das hat vielen Leuten Hoffnung gemacht…“ Und auch: „Für Lassalle war die Zen-Übung ein Beitrag zum Weltfrieden. Er hatte zwei Weltkriege und in Hiroshima die erste Atombombe überlebt und war Zeuge des Endes der europäischen Kolonialreiche und der ersten Ansätze einer globalen Gesellschaft. Ein weltweiter Friede setzt eine grundlegende Veränderung des menschlichen Bewusstseins voraus, ein neues Bewusstsein, das über das Denken in Gegensätzen und Egoismen hinauskommt. Er glaubte, dass die Meditationspraxis den Weg zu diesem neuen Bewusstsein öffnen könnte und dass die Menschheit am Vorabend eines Bewusstseinswandels stehe, der zu einer friedlicheren Welt führen könne.“

Die Zeit in Japan wird von ihr ebenso bearbeitet wie die Frage, was Erleuchtung ist. Vom Reisenden zwischen Ost und West ist ebenso die Rede wie von der offenen Weite am Horizont. Und sie verweist auch auf vielleicht unerwartete Inspirationen: „Das Thomasevangelium … unterstützte Lassalle in diesen Gedanken. Der Jesus des Thomasevangeliums spricht oft in Paradoxen, die von einem der alten Zen-Meister stammen könnten.“

Ursula Baatz, Redakteurin und langjährige Zen-Praktizierende bei Enomiya-Lassale, skizziert eindrucksvoll den spirituellen, kirchlichen und weltpolitischen Gang eines Jesuiten und Zen-Lehrers durch die Zeiten, der sehr um seinen Weg gerungen hat. Lohnend, diesem Weg mit der Lektüre zu folgen

© Werner Anahata Krebber

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Seine Gedanken stillegen

Es sucht der Menschengeist im Außen alle Tage,
Je weiter er hinausgreift allerdings,
Desto stärker hemmt er sich selbst.
Jene allein, die einwärts schauen,
Können ihre Leidenschaften zügeln,
Und die Gedanken stillegen.
Kann man seine Gedanken stillegen
Dann wird der Sinn erfüllt mit heitrer Ruhe.
Den Sinn beruhigen heißt den Geist zu nähren,
Wer den Geist nährt, der kehrt zurück zum Wesen.

Chang Chung-yuan (1907-1988) in: Tao, Zen und schöpferische Kraft, Seiten 147/148 – Diederichs 1990

Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Text in dem immer wieder neu bemerkenswerten Blog von Ralph Butler: https://daoweg.wordpress.com/2017/08/25/unbekannt-aber-von-chang-chung-yuan/

Mehr von Chang Chung-yuan hier: https://terebess.hu/zen/chang/chang_chung-yuan.html

Über alles hinaus

Gott ist namenlos. Von ihm kann niemand etwas sprechen noch verstehen. Wir können von Gott nur sprechen nach unserer Verständnisweise, und es ist ein Unterschied zwischen Gottes Sein und unserem Verstehen.
Von Gott kann man nicht einmal eigentlich sagen, dass er ist. Das kommt vom Überschwang seines lauteren Wesens. Und sage ich: Gott ist gut, so ist das nichts eigentlich; ich bin gut, Gott ist es nicht. Sage ich: Gut, besser, bestes – er ist über alles hinaus.

Meister Eckhart (1260-1328)

Göttliche Dunkelheit

Wenn die Liebe uns über alle Dinge hinausgetragen hat in die göttliche Dunkelheit, dann sind wir dort verwandelt durch das Ewige Wort als ein Bild des Vaters; und so wie die Luft von der Sonne durchdrungen ist, so empfangen wir in Frieden das über alles Verstehen hinausreichende Licht, welches uns entfaltet und durchdringt.

Jan van Ruysbroeck (1293 – 1381)

Erfahrung des Urgrundes

Spiritualität gehört nicht zu einer Religion, sondern sie ist vielmehr eine Art des Seins, die in verschiedenen Kulturen je einen eigenen Ausdruck findet. Verstehen wir Zen in diesem Sinne als Wegweiser zur formlosen gemeinsamen Basis allen Seins und menschlichen Geistes, weist es über sich selber hinaus. Es geht nicht mehr um diesen Begriff und um die Zen-Lehre, sondern vielmehr um das Eigentliche seines Anliegens, um den letzten Kern der Existenz.

Ein neues Bewusstsein wird nicht mehr rein materiell orientiert sein, sondern viel mehr umfassen, und mit der Realisierung der tiefen Verbindung allen Seins wird es auch einen spirituellen Charakter aufweisen. Die Formen der verschiedenen Religionen müssen sich dabei weder auflösen, noch müssen sich die Religionen weiter bekämpfen, weil die Erkenntnis des gemeinsamen Urgrundes die religiösen Formen transzendiert. Im Austausch zwischen den Religionen geht es damit nicht mehr vorwiegend um einen „interreligiösen Dialog“, sondern vielmehr um die Bewusstwerdung der gemeinsamen Basis allen Geistes. Alle Religionen beschäftigen sich mit dem Unergründlichen – mit der letzten Wirklichkeit – ob dieses nun Gott, Jahwe, Allah, Brahma oder Buddhanatur genannt wird.

Jede Religion umfasst auch eine mystische Schule, die auf spirituelle Erfahrungen ausgerichtet ist – so die christliche Mystik, der Sufismus im Islam, die Kabbala im Judentum, und das Zen im Buddhismus. Sie fördern alle seit je her eine Erfahrung des Urgrundes – in unserer Kultur das „Göttliche“ genannt.

Der Zen-Lehrer Dieter Wartenweiler beim Sangha-Treffen der Glassmann-Lassalle-Linie am 16. Juni 2013 im Lassalle-Haus Edlibach/Zug in einem Impulsreferat zum Thema „Zen und Bewusstsein“

Mehr hier:
http://www.zendo-staefa.ch/Zen-und-Bewusstsein.pdf

Alles in allem erkennen

„Wann genießt der Mensch bloße Einsicht?“ Ich antworte: „Wenn er das eine vom anderen getrennt sieht. „Und wann geht er über bloße Einsicht hinaus?“ Das sage ich dir: „Wenn er Alles in allem erkennt, dann geht er über bloße Einsicht hinaus.“

Meister Eckhart (1260 – 1328)