Unser menschliches Dasein ist ein Gasthaus

Darstellung von Rumi

 

Unser menschliches Dasein ist ein Gasthaus.
Allmorgendlich eine Neuankunft.

Eine Freude, ein Moment der Traurigkeit,
eine Gewohnheit, ein Geistesblitz
stehen unerwartet vor der Tür.

Heiße sie willkommen und bitte sie alle herein!
Und sei es eine Bande von Sorgen,
die rücksichtslos durchs Haus dir fegen
und es all seines Mobiliars berauben.

Selbst solchen Gästen erweise die Ehre.
Womöglich schaffen sie in dir nur Raum
für neue Freude.

Dem düsteren Gedanken, der Scham, der Hinterlist,
öffne ihnen die Tür und lass sie lachend ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn ein jeder ist dir von oben gesandt,
um dir den Weg zu weisen.

Dschelaluddin Rumi / Mevlana (1207-1273) zugeschrieben

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Geh‘ nur in dich selbst

Mensch, geh‘ nur in dich selbst,
denn nach dem Stein der Weisen
darf man nicht allererst
in fremde Länder reisen.

Angelus Silesius (1624 – 1677)

Schau nach innen, sei still

Schau nach innen, sei still. Frei von Furcht und Anhaftung erfahre die süße Freude des Wegs. Wie freudvoll ist es auf den Erwachten zu schauen und Gesellschaft mit den Weisen zu pflegen. Wie lange ist die Straße für den Menschen, der mit einem Narren reist. Wer aber jenen folgt, die dem Weg folgen, entdeckt seine Familie und ist von Freude erfüllt. Folge dann den leuchtenden, den Weisen, den Erwachten, den Liebenden, denn sie wissen, wie man arbeitet und vorwärts geht und wie man wartet. Folge ihnen so, wie der Mond dem Weg der Sterne folgt

Gautama Buddha (ca. 563-483 v. u. Z.)

Unser Dasein ist ein Gasthaus

Unser menschliches Dasein ist ein Gasthaus.
Allmorgendlich eine Neuankunft.

Eine Freude, ein Moment der Traurigkeit,
eine Gewohnheit, ein Geistesblitz
stehen unerwartet vor der Tür.

Heiße sie willkommen und bitte sie alle herein!
Und sei es eine Bande von Sorgen,
die rücksichtslos durchs Haus dir fegen
und es all seines Mobiliars berauben.

Selbst solchen Gästen erweise die Ehre.
Womöglich schaffen sie in dir nur Raum
für neue Freude.

Dem düsteren Gedanken, der Scham, der Hinterlist,
öffne ihnen die Tür und lass sie lachend ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn ein jeder ist dir von oben gesandt,
um dir den Weg zu weisen.

Dschelaluddin Rumi / Mevlana (1207-1273) zugeschrieben

Worte sind Gefäße

Die Voraussetzungen für den Seinsmodus sind Unabhängigkeit, Freiheit und das Vorhandensein kritischer Vernunft. Sein wesentlichstes Merkmal ist die Aktivität, nicht im Sinne von Geschäftigkeit, sondern im Sinne innerer Aktivität, dem produktiven Gebrauch menschlicher Fähigkeiten, Sein heißt, seinen Anlagen, seinen Talenten, dem Reichtum menschlicher Gaben Ausdruck zu verleihen, mit denen jeder – wenn auch in verschiedenem Maß – ausgestattet ist.
Es bedeutet, sich selbst zu erneuern, zu wachsen, sich zu verströmen, zu lieben, das Gefängnis des eigenen isolierten Ichs zu transzendieren, sich zu interessieren, zu geben.
Keines dieser Erlebnisse ist jedoch vollständig in Worten wiederzugeben. Worte sind Gefäße, die wir mit Erlebnissen füllen, doch diese quellen über das Gefäß hinaus. Worte weisen auf Erleben hin, sie sind nicht mit diesem identisch.

Erich Fromm (1900 – 1930)

Die Dinge und sich selber lassen

Die Leute sagen: „Ach ja! lieber Herr, ich wollte gerne, ich stünde auch mit Gott auf so gutem Fuß und hätte so viel Sammlung und Frieden mit Gott, wie andere Leute haben. Hätt ich’s nur auch so gut und könnte so arm sein!“ Oder sie sagen: „ich komme nie in die rechte Stimmung, außer ich weile da oder dort, treib es so oder so: ich muss ohne Dach und Decke leben, oder in einer Klause, oder im Kloster.“

Aber daran bist du wahrhaftig ganz alleine schuld, eigener Wille ist es, weiter nichts, ob du’s auch nicht Wort haben willst! Nimmer steht ein Unfriede in dir auf, er entspringt aus Eigenwillen, man sei sich dessen bewusst oder nicht. Was wir uns da einreden: man müsse diese Dinge fliehen und jene suchen, ausgerechnet diese Stätten und Menschen, diese Weise, diese Richtung, diese Beschäftigung – nicht das ist schuld, dass die Lage oder die Dinge dich hindern! Sondern du bist es in den Dingen selber, was dich hindert: deine Stellung zu den Dingen ist verkehrt. Bei dir also setz den Hebel an und lasse dich! Denn wahrlich! fliehst du dich nicht zuerst, dann, wo du auch hinfliehst, findest du immer nur Behinderung und Unfrieden. Die Leute, die Frieden suchen in äußeren Dingen: bei Orten und Weisen, durch Menschen oder Werke, durch Unbehaustheit, Armut und Niedrigkeit – wie stattlich sich’s auch ausnimmt, das ist dennoch alles nichts und gibt keinen Frieden! Sie suchen ganz verkehrt, die also suchen: je ferner sie fortgehen, um so weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer seines Weges vermisst: je weiter er geht; je mehr er irrt.

„Aber wie soll man’s denn machen?“

Zuerst einmal sich selber lassen! Damit hat man auch alle Dinge gelassen. Ohne Übertreibung: ließe einer ein Königreich, ja die ganze Welt, und behielte sich, er hätte gar nichts gelassen! Ja, und gibt er sich auf, so kann er behalten, was er will, Reichtum, Ehre oder was immer: er hat alles aufgegeben. Ein Heiliger bemerkt zu dem Ausspruch Sankt Peters: „Sieh, Herr, wir haben alles gelassen“ – und er hatte doch weiter nichts gelassen als ein armes Netz und seinen Kahn –, der Heilige sagt: wer das Kleine willig lässt, der lässet nicht nur dieses, er lässet alles, was die Kinder der Welt gewinnen, ja sich auch nur wünschen mögen. Denn wer seinen Willen, wer sich selber lässt, der hat die ganze Welt gelassen, so gut, als ob sie sein freies Eigen wär und er sie zu voller Gewalt besessen hätte. Alles, was du ausdrücklich nicht begehrst, des hast du dich begeben, hast es gelassen um Gott. Selig sind die Armen im Geist, hat unser Herr gesagt; es bedeutet, die arm sind am Willen. Und daran soll niemand zweifeln: gäb es einen bessern Weg, unser Herr hätt ihn uns gewiesen. Wie er auch sagt: Wer mir nachfolgen will, der verzichte zuerst auf sich selber! Darauf allein kommt’s an. Fahnde auf dich, und wo du dich findest, da gibt dich auf! Das ist das Heilsamste. Und lass dir sagen: es hat sich noch nie einer in diesem Leben so darangegeben, er findet immer, wie er sich noch mehr begebe. Derer sind wenige, die das recht wahrnehmen und darin sicher stehn. Es ist recht ein gleich mit gleich vergelten und ein gerechter Kauf: so weit du selber ausgehst aus den Dingen, genau so weit, keinen Schritt weniger oder mehr, geht Gott ein mit allem, was sein ist. Hier heb an und lass dich’s kosten, was du nur leisten kannst, so findest du wahren Frieden! Und anders nicht.

Meister Eckhart (1260 – 1328)