Böhmes geistige Leistung kann man kurz so bezeichnen…

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Böhmes geistige Leistung kann man kurz so bezeichnen: er ist der erste und größte religiöse deutsche Denker des Barock. Die erschütternde geistige Bewegung Europas im 17. Jahrhundert, die von Spanien bis weit nach Russland hinein eine tiefe geistige Wandlung hervorruft, hat keinen gleich großen schöpferischen Deuter und Künder gefunden wie ihn. Bis zu Leibniz ist er nach der Reformation der erste und einzige Deutsche gewesen, der über den Bereich deutscher Sprache hinaus europäisch gewirkt hat.

Paul Hankamer (1891 – 1945) in der „Einführung zu ‚Das Böhme-Lesebuch‘“

Der vollständige Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Teilhabe am göttlichen Leben ermöglichen

Gedenktafel für Meister Eckhart (um 1260 – 1328) am Erfurter Predigerkloster | Foto: © wak

Das Schaffen Meister Eckharts gehört in den Kontext von Geistesentwicklungen, die mit folgenden Stichworten gekennzeichnet werden können:

– Frauenmystik, Beginentum
– Armutsstreit
– erwachende bürgerliche Frömmigkeit
– Spannung zwischen Kaiser und Papst, z.B. Ludwig der Bayer und Papst Johannes XXII in Avignon.

Eckhart als bedeutender Philosoph steht in der Tradition der arabischen Philosophie und ihrer Rezeption in der Hochscholastik. Eckhart als bedeutender Theologe schließt sich häufig an Augustinus an, ist aber auch von Dionysius Areopagita (6. Jh.) beeinflusst. Seine zentralen Themen sind die Schöpfung im Ursprung und die Gottesgeburt, sowie eine besondere Bildtheologie. Eckhart als spiritueller „Lebemeister“ erreicht es, auch „Ungelehrte“ in der Volkssprache zuinteressieren… Es gelingt ihm mit einer Sprache, die voller Bilder ist, andere, falsche Bilder abzulösen, auch mit der starken Wahrheitsergriffenheit des Predigers, und schließlich damit, dass in der Predigt ein besonderer Austausch entstand, der die Teilhabe am göttlichen Leben ermöglichte.

Leicht gekürzter Hinweis auf Meister Eckhart unter „Biographisches“ auf der Seite der Erfurter Predigergemeinde. Der vollständige Text findet sich hier: https://www.meister-eckhart-erfurt.de/biographisches/

Herz und Dhamma

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Lust und Leid wohnen im Herzen. Die Handlungen, welche Lust und Leid erschaffen, werden im Herzen ersonnen. Das Herz kennt die Folgen, welche als Lust und Leid erscheinen; das Herz trägt die Bürde der Ergebnisse seiner eigenen Gedanken. Daher passen das Herz und der Dhamma* so perfekt zueinander. Gleich welche Sprache oder Nationalität, wir können alle den Dhamma verstehen, weil das Herz und der Dhamma ein natürliches Paar sind.

Ajaan Maha Boowa (1913 – 2011)

*Dhamma bzw. Dharma. Die wörtliche Bedeutung ist: „das, was trägt, stützt“. Das Wort wird überwiegend für die Lehre von Buddha in Wort und Schrift verwandt

Schweigen: Ort der Leere und Erfüllung

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Das Schweigen wird der Mystik ebenso sehr zum Ort der Leere wie der Erfüllung. Die Einübung in das Schweigen ist nicht das bloße Heraustreten aus dem öffentlichen Gespräch, sondern auch ein Leerwerden, ein Freiwerden vom inneren Reden, vom Lärm des Denkens, der das Wort, das uns gegeben ist, nicht hören lässt. In gesteigerter Form kann die, Unsagbarkeit, sogar, jenseits der Grenze des Sagenkönnens, auf eines verweisen, wo sich das Sprechen verbietet: auf eines, das unantastbar ist, das nicht gesagt, vor der Sprache geschützt werden soll.

Emil Angehrn (*1946)

Tat tvam asi

Cover des Wörterbuches von Fritz Mauthner


Auch der abgründigste Satz der buddhistischen Mystik ist kaum noch Sprache, ist kaum noch grammatisch faßbar. Tat tvam asi. Das du bist. Man könnte auch sagen: Ich ist Du. Das heilige Wort, das Brahma (der Brahmane ist nur der Kenner des Brahma), war schon vor Buddha unerforschlich: der Âtman, der spiritus, das Ich (atta). Als einer einen Brahmanen nach dem Wesen des Brahma fragte, antwortete er nicht; der zweiten Frage entgegnete er: »Ich lehre es dich ja, aber du verstehst es nicht. Dieser Âtman ist Stille.

Stichwort Mystik in: Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Leipzig 21923, Band 2, S. 362-388

Ungenannter Gott der Stummen des Himmels


In Wahrheit wissen wir von Tao ebenso wenig wie von logos, womit Tao gern wiedergegeben wird; wenn das Wort ursprünglich Weg bedeutet hat, so mag das ein Wandertitel für moralische Bücher gewesen sein, den wir im Orient wie im Abendlande oft finden. Was Lao-Tse und Tschuang-Tse dann in das Wort hineinlegten, war die uralte und immer noch lebendige Sehnsucht der Mystik, das Unaussprechliche mit einem Worte auszusprechen. Das Wort sagt nichts, durchaus nichts, was nicht die chinesischen Mystiker aus ihrer (genialischen oder überkommenen) Seelensituation hineingelegt, hineingeheimnißt haben. Das Wort ist nicht nur für das Abendland unübersetzbar, es ist auch für China positiv nicht definierbar, höchstens negativ zu umschreiben: es ist nach Buber (S. 105) das Unerkennbare, im Werden die Ungeschiedenheit, die Ungeschiedenheit auch im Sein, in den Dingen. Wer sich im Abendlande zum Taoismus bekennt, der bekennt sich zu einem suggestiv neuen Namen für den ungenannten Gott der Stummen des Himmels. Und nachdem ich eben zwischen Tao und unserem Gottesbegriff unterschieden habe, möchte ich jetzt hinzufügen, daß wir dennoch Tao religiös, fast theologisch wiedergeben könnten, wenn wir uns von der Sprache befreien und sagen wollten: »Das Gott«. Was wieder noch unpersönlicher mir klänge als etwa: »das Göttliche«.

Stichwort Tao in: Fritz Mauthner. Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erste Ausgabe: München 1910. Hier nach der zweiten, vermehrten Auflage, Leipzig 1923

Vor Weisheitsfülle schweigen – Fritz Mauthners Meister Eckhart-Zitat zu Skepsis und Mystik

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Hier aber, wo ich notgedrungen von dem Verhältnisse zwischen Sprachkritik und dem Begriffe Religion reden muß, möchte ich einige Sätze des edlen Meisters Eckart voraufschicken.

„Einer unserer ältesten Meister, der die Wahrheit schon lange und lange vor Gottes Geburt gefunden hat, den dünkte es, dass alles, was er von den Dingen sprechen könnte, etwas Fremdes und Unwahres in sich trüge; darum wollte er schweigen. Er wollte nicht sagen: Gebt mir Brot, oder gebt mir zu trinken. Aus dem Grunde wollte er nicht von den Dingen sprechen, weil er von ihnen nicht so rein sprechen könnte, wie sie aus der ersten Ursache entsprungen wären; darum wollte er lieber schweigen, und seine Notdurft zeigte er mit Zeichen der Finger. Da nun er nicht einmal von den Dingen reden konnte, so schickt es sich für uns noch mehr, dass wir allzumal schweigen müssen von dem, der da ein Ursprung aller Dinge ist.“ Und wieder: „Das Schönste, was der Mensch von Gott sprechen kann, das ist, dass er vor Weisheitsfülle schweigen kann.“ Und wieder: „Die Seele ist eine Kreatur, die alle genannten Dinge empfangen kann; und ungenannte Dinge kann sie nur empfangen, wenn sie so tief in Gott empfangen wird, dass sie selbst namenlos wird.“

Ich meine es kaum viel anders; nur die Sprache ist etwas verschieden, weil sechs Jahrhunderte dazwischen liegen.

Fritz Mauthner (1849-1923) in: Sprache und Logik. Beiträge zu einer Kritik der Sprache.Dritter Band (1913)
Der vollständige Text ist hier zu finden: https://www.textlog.de/mauthner-logik-skepsis-mystik.html

Meister Eckhart: Tröster im Geist – Tröster im Herzen

1956 gab Friedrich Heer eine Sammlung mit Texten von Meister Eckhart heraus

Gott ist Geist; also muß der Geist des Menschen sich so sehr weiten, daß er Gott-Geist vernehmen kann. So fallt Eckhart von zwei Seiten her eine riesenhafte Aufgabe zu: Tröster im Geist, Tröster im Herzen, Tröster in der Verfolgung beider soll er sein. Die innige, untrennbare Verbindung von Spekulation und Seelsorge in seinem Werk, in seinem ganzen Denken und Schaffen kommt von daher. Eckhart, der Seelsorger, und Eckhart, der Spekulator, der in die tiefsten Tiefen der Gottheit schauen will, sind eine Person. Die ihm eigentümliche Mächtigkeit seiner Sprache und die ihm eigentümliche Fragwürdigkeit seines Denkens beruhen auf dieser Mischung von zwei großen Anliegen, die kaum jemals in Einem aufbereitet, aufgearbeitet werden können. Sauberes, reines Denken fordert Härte, Selbstzucht, strengste Disziplin vom Denker und den Mit-Denkenden. Das Herz aber sucht Milde, Weichheit, Wärme, Trost. Eckhart will beides vereinen: er will stahlharter Denker sein, der rücksichtslos die bunte Welt zurückdenkt in den Einen, reinen Begriff, und er weiß sich als Tröster berufen bekümmerter Herzen.

Friedrich Heer (1916 – 1983) in: Meister Eckhart. Predigten und Schriften. Ausgewählt und eingeleitet von Friedrich Heer. Frankfurt/M. / Hamburg, 1956, S. 19

Unsere eigene Weisheit

Graphik: Archiv

Was wir im Zustand der Kontemplation mit unseren eigenen Augen sehen, ist unsere eigene Weisheit. Nach den Lehren des Bön-Dzogchen sind die Augen die Pforten der Weisheit. In der hermetischen Sprache …  gibt es einen großen Berg, auf dem es fünf Einsiedler und zwei Höhlen gibt. Der große Berg ist der Körper, die fünf Einsiedler sind die fünf Weisheiten*, und die beiden Höhlen sind die Augen.

Tenzin Wangyal (*1961)

 

*Weisheit des allumfassenden Raums, Spiegelgleiche Weisheit, Weisheit der Wesensgleichheit, Weisheit der Unterscheidung und Allesvollendende Weisheit

Im Angesicht des Schweigens begreifen

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Schweigen spricht immer. Es ist ein ewiger Fluss von Mitteilung, der durch das Sprechen unterbrochen wird. Die Worte, die ich jetzt ausspreche, überdecken diese schweigende Sprache. Da fließt zum Beispiel Strom durch einen Draht; trifft er auf einen Widerstand, glüht er auf in einer Glühbirne oder bewegt er sich in einem Ventilator. Im Draht aber bleibt er bloße elektrische Energie. Genauso ist Schweigen der ewige Fluss der Sprache, der durch Worte unterbrochen wird. Was man durch jahrelanges Gerede nicht erfasst, kann im Schweigen oder im Angesicht des Schweigens sofort begriffen werden.

Ramana Maharshi (1879-1950)