Vollkommenheit und Leere

Thomas Merton in der Trappistenabtei Gethsemani / Bild: Archiv

Das vollkommene Tun ist leer. Wer kann es sehen? Derjenige, der die Form vergisst. Jenseits der Form tritt das ungeformte, das leere Tun mit der eigenen Form hervor. Vollkommene Form ist das Geschehen eines Augenblicks. Seine Vollkommenheit vergeht sofort. Vollkommenheit und Leere gehen zusammen, denn sie sind dasselbe: der Zusammenfall einer Augenblicksform mit dem ewigen Nichts. Form: der Schein des Nichts. Vergiss die Form, und sie wird plötzlich sichtbar, umstrahlt und glänzend im eigenen Licht, das das Nichts ist. Dann aber suche nicht mehr. Lass es geschehen. Lass es kommen und gehen. Was denn? Alles und jedes, das meint: Nichts.

Thomas Merton (1915-1968)

Notwendigkeit Gott neu zu suchen

Foto: © wak

Der Mensch ist nicht lange zufrieden mit dem, was ihm diese Zeit als Nahrung bietet. Es müssen sich schließlich Hunger und Durst einstellen, die einige Menschen dazu zwingen werden, nach tieferer Befriedigung zu suchen. Schon jetzt gibt es hier und da Menschen auf der Erde, die aufgehört haben, ein Leben leben zu wollen, das keine Ewigkeit in sich birgt. Sie fühlen die Notwendigkeit, Gott neu zu suchen. Es gibt innerhalb und außerhalb der Kirchen viele solcher Menschen. Das, was sie verbindet, ist, dass Worte und Abstraktionen nichts mehr für sie bedeuten. Vergangene Auffassungen haben nur dann Bedeutung für sie, wenn sie entweder mit ihrer Vorstellung vom Leben übereinstimmen oder aber Basis für eine Weiterentwicklung sind und dadurch ihr Leben kraftvoller machen. Am besten bleiben wir gleich bei denen, die sich, ohne sich in das Gewand einer bestehenden Religion zu hüllen, auf einen einsamen Streifzug begeben; bei denen, die die Fülle des Lebens nicht in Tempeln, Synagogen oder Kirchen suchen, sondern unter Gottes offenem Himmel, bei welchem Wetter auch immer. Mitten in ihrer täglichen gehetzten Existenz haben sie einen Augenblick umher geschaut und das Leben aufs Neue mit derselben tiefen Verwunderung wie der primitive Mensch gesehen. Sie schauen nach dem Leben um sie herum, belauschen seine Schwingungen in sich selbst und fragen sich: »Wer bin ich und woher komme ich? Wohin gehe ich?« Aber sie bekommen keine Antwort.

Johannes Anker Larsen (1874 – 1957) in einem Vortrag in Amersfoort 1927. Zunächst erschienen hier: Vom wirklichen Leben. Drei Vorträge gehalten in Amersfoort, Berlin und Zürich erschienen im mym- Verlag, Berlin, 2004

 

Der vollständige Vortrag ist hier nachzulesen, weitere Vorträge werden noch folgen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 7 | August 2020 | TITELTHEMA: KUNST

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Abhändiges Entstehen lehren können

 

Ohne Vergehen und ohne Entstehen,
ohne Ende und ohne Ewigkeit,
ohne Einheit und ohne Vielheit,
ohne Kommen und ohne Gehen;
Wer so das Abhängige Entstehen lehren kann,
Das Zurruhekommen illusorischer Verdinglichung:
Vor Ihm, dem Erleuchteten,
dem besten aller Lehrer,
Verneige ich mich.

Nâgârjuna (ca. 150 – 250)

Wohlgewillten Herzens sprechen

Vom Herzen gehn die Dinge aus,
Sind herzgeboren, herzgefügt:
Wer bösgewillten Herzens spricht,
Wer bösgewillten Herzens wirkt,
Dem folgt notwendig Leiden nach,
Gleichwie das Rad dem Hufe folgt.

Vom Herzen gehn die Dinge aus,
Sind herzgeboren, herzgefügt:
Wer wohlgewillten Herzens spricht,
Wer wohlgewillten Herzens wirkt,
Dem folgt notwendig Freude nach,
Dem untrennbaren Schatten gleich.

Aus dem Dhammapada in der Übersetzung von Karl Eugen Neumann, die 1893 erschien.

 

Die Illustration stammt aus dem Buch: Lama Anagarika Govinda – Schöpferische Meditation und Multidimensionales Bewusstsein, 178 f., Aurum-Verlag, Breisgau, 1977

Jetzt aktuell nachzulesen in: Magische Blätter. Monatsschrift für geistige Lebensgestaltung.CI. Jahrgang, Juni 2020, Heft 5, S. 162

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/

Fang zuallererst bei dir selber an und lasse dich

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Du selber in den Dingen bist es, was dich hindert, denn du hältst dich zu den Dingen nicht in der rechten Weise. Darum fang zuallererst bei dir selber an und lasse dich! Fürwahr, wenn du nicht zuerst dich selber fliehst, so magst du fliehen wohin du willst, du findest da nur Erschwerung und Unfrieden, es sei, was es sei. Die Leute, die Frieden suchen an äußeren Dingen, es sei an Orten oder Weisen oder Menschen oder Werken oder Heimatlosigkeit oder Armut und Verachtung – wie groß sich das auch ausnehme oder was es sei, das ist doch alles nichts und gibt keinen Frieden. Sie suchen alles verkehrt, die so suchen: Je weiter weg sie wandern, je weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer, der den Weg verfehlt: Je weiter er geht, je mehr er irrt. Ja, was soll er aber tun? Vor allem, er soll sich selber lassen, so hat er alle Dinge gelassen

Meister Eckhart (1260 – 1328) in: „Reden der Unterweisung“

Tiefster Grund des Universums

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Es gibt einen Platz im Herzen, worin das ganze Universum enthalten ist – Himmel wie auch Erde, das Feuer, die Luft, Sonne, Mond und das Leuchten der Sterne. Alles ist darin enthalten. Wenn wir über unseren Verstand mit seinen Möglichkeiten des Messens und seinen Kategorien von Raum und Zeit hinausgehen, finden wir den tiefsten Grund des Universums. Dort sind Leben und Intelligenz.

Bede Griffiths (1906-1993)

Vollkommene Freiheit genießen

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Wenn die Jünger des Zen über die Welt ihrer Sinne und Gedanken hinaus nicht zu gehen vermögen, dann ist all ihr Tun und Lassen bedeutungslos. Aber wenn ihre Sinne und Gedanken vernichtet sind, bleiben alle Durchgänge zum Allumfassenden Geist verstopft und unbegehbar. Der Urgeist muss erkannt werden, solange die Sinne und Gedanken arbeiten. Er gehört ihnen nicht, ist aber von ihnen auch nicht unabhängig. Bauet eure Ansichten nicht auf euren Sinnen und Gedanken auf. Aber suchet nicht den Geist weitab von euren Sinnen und Gedanken, trachtet nicht danach, dadurch die Wirklichkeit zu erfassen, dass ihr eure Sinne und Gedanken verwerfet. Wenn ihr weder daran haftet noch davon losgelöst seid, dann werdet ihr eure vollkommene, unbehinderte Freiheit genießen, dann werdet ihr eure Quelle der Erleuchtung besitzen.

 Huang-Po (+ um 800)

Mystik lesen – Pfade zum Selbst | work in progress…

Es gibt so viele Definitionen von Mystik, wie es Menschen gibt, die sich damit beschäftigen. Denn in der Mystik geht es um den Sinn des Lebens. Und deshalb bringt jeder seine persönliche Lebenshaltung mit ein.

Friedrich Heiler (1892 – 1967)

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Sehen mit dem Dritten Auge ist die Sichtweise der Mystiker. Sie lehnen das Erste Auge nicht ab. Die sinnlichen Wahrnehmungen bedeuten ihnen etwas. Aber sie wissen, es gibt mehr. Sie lehnen auch das Zweite Auge nicht ab. Aber sie verwechseln Wissen nicht mit Tiefe und bloße korrekte Information nicht mit der Transformation des Bewusstseins selbst. Der mystische Blick baut auf das Erste und Zweite Auge auf – aber er reicht weiter. Er ereignet sich immer dann, wenn aufgrund eines wunderbaren „Zufalls“ der Raum unseres Herzens, der Raum unseres Verstandes sowie unsere Körperwahrnehmung gleichzeitig geöffnet und nicht-resistens sind. Ich nenne dies gern Präsenz. Präsenz wird als ein Moment tiefer innerer Verbundenheit erfahren und sie zieht uns unweigerlich in das nackte und ungeschützte Hier und Jetzt hinein.

Richard Rohr (*1943) in: Pure Präsenz. Sehen lernen wie die Mystiker. München, 2010

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Der Fromme von morgen wird ein ‚Mystiker‘ sein, einer, der etwas ‚erfahren‘ hat, oder er wird nicht mehr sein, weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch die im Voraus zu einer personalen Erfahrung und Entscheidung einstimmige, selbstverständliche öffentliche Überzeugung und religiöse Sitte aller mitgetragen wird, die bisher übliche religiöse Erziehung also nur noch eine sehr sekundäre Dressur für das religiöse Institutionelle sein kann. Die Mystagogie muss von der angenommenen Erfahrung der Verwiesenheit des Menschen auf Gott hin das richtige ‚Gottesbild‘ vermitteln, die Erfahrung, dass des Menschen Grund der Abgrund ist: dass Gott wesentlich der Unbegreifliche ist; dass seine Unbegreiflichkeit wächst und nicht abnimmt, je richtiger Gott verstanden wird, je näher uns seine ihn selbst mitteilende Liebe kommt.“

Karl Rahner: Frömmigkeit früher und heute. In: Schriften zur Theologie VII, Einsiedeln 1971, S. 22-23

 

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Die Mystiker haben immer wieder betont, dass höhere Erkenntnis und das gelebte höhere Wissen die große Befreiung bewirken. Befreiung wovon? Es ist die Befreiung von den zahllosen Fesseln, die unser Ich davon abhalten, dem Selbst entgegenzugehen, um mit diesem eins zu werden. Höhere Erkenntnis, das heißt Erkenntnis der Existenz einer absoluten Wirklichkeit, ist das sicherste Mittel für eine solche Befreiung.

René Bütler (1923 – 2016)

 

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Ein Buch aufschlagen
und die Worte finden,
die mich be/treffen.

w.a.k.

 

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Mystik lesen – Pfade zum Selbst. Überschrift über einen Text, der für jede und jeden mit anderem Inhalt gefüllt wird.
w.a.k.

 

Umstrahlt und glänzend im eigenen Licht

Thomas Merton / Bild: Archiv

Das vollkommene Tun ist leer. Wer kann es sehen? Derjenige, der die Form vergisst. Jenseits der Form tritt das ungeformte, das leere Tun mit der eigenen Form hervor. Vollkommene Form ist das Geschehen eines Augenblicks. Seine Vollkommenheit vergeht sofort. Vollkommenheit und Leere gehen zusammen, denn sie sind dasselbe: der Zusammenfall einer Augenblicksform mit dem ewigen Nichts. Form: der Schein des Nichts. Vergiss die Form, und sie wird plötzlich sichtbar, umstrahlt und glänzend im eigenen Licht, das das Nichts ist. Dann aber suche nicht mehr. Lass es geschehen. Lass es kommen und gehen. Was denn? Alles und jedes, das meint: Nichts.

Thomas Merton (1915-1968)