Achte gut auf diesen Tag…

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Achte gut auf diesen Tag,
denn er ist das Leben –
das Leben allen Lebens.

In seinem kurzen Ablauf
liegt alle Wirklichkeit
und Wahrheit des Daseins,
die Wonne des Wachsens,
die Herrlichkeit der Kraft.

Denn das Gestern ist nichts als ein Traum
und das Morgen nur eine Vision.

Das Heute jedoch – recht gelebt –
macht jedes Gestern
zu einem Traum voller Glück
und das Morgen
zu einer Vision voller Hoffnung.

Drum achte gut auf diesen Tag.

Aus dem Sanskrit / 5. Jahrhundert – Kalidasa zugeschrieben

Yoshida Kenkô: Betrachtungen aus der Stille ~ Hörbuch von Andreas Brehmer und Ronald Steckel

CD von nootheater & Organisation zur Umwandlung des Kinos

Der Autor Yoshida Kenkô (1283–1350) stammt aus einer alten japanischen Priester- und Gelehrtenfamilie und war Hofmeister, Offizier der kaiserlichen Palastwache und Dichter, bevor er sich mit etwa vierzig Jahren aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzog und in den Mönchsstand eintrat. Seine Aufzeichnungen wurden erst nach seinem Tod in seinen zwei Hütten auf an den Wänden haftenden Papieren entdeckt und gesammelt; ein Teil war von seinem Diener zusammengetragen worden.

Oskar Benl, der die Betrachtungen aus der Stille ins Deutsche übertragen hat, schreibt in seinem Nachwort: „Kenkô besaß in hervorragendem Ausmaß die ganze Bildung seiner Zeit. Er war mit dem Konfuzianismus nicht weniger als mit dem Taoismus von Lao-tse und Chuang-tse und deren Ideal des ’Nicht-Handelns‘ (wu-wei) vertraut. Er ist zutiefst den sinnlosen Hasten und Jagen dieser Welt abgeneigt und sehnt sich nach der friedlichen, ganz dem Erleben der Schönheit hingegebenen Heian-Zeit zurück, für die der berühmte, aber kaum übersetzbare Begriff des „mono no aware“ bezeichnend ist. Mono no aware begreifen, heißt: sich von den Dingen der Welt bewegen lassen, die Erscheinungen der Jahreszeiten innig miterleben und in der Liebe unbedingt der Stimme des Herzens folgen.“

Das Werk enthält in 243 Kapiteln von sehr unterschiedlicher Länge, bunt aneinandergereiht, Betrachtungen über die mannigfachen Dinge des Lebens, über das Glück der Einsamkeit, über Tempel und seltsame Mönche, über die Liebe, alte Bräuche, Gedichte, über Einfalt und Leichtsinn der Menschen.

Wie ein roter Faden zieht sich durch dies alles die Erkenntnis vom Unbestand allen Daseins und von der Notwendigkeit, sich in rechter Weise auf das Sterben vorzubereiten. Hierin liegt kein wehleidiger Pessimismus, sondern das Wissen um die wahre Beschaffenheit menschlicher Existenz. Alles in diesem Leben muss unter dem Blickwinkel des Todes betrachtet werden. ’Ein Tag im Leben ist wertvoller als ein Berg Gold… Jeden Tag sollte er (das heißt der Mensch) über das Glück des bloßen Daseins in Jubel ausbrechen.‘ Auch von Kenkô gilt wohl Nietzsches Wort über Montaigne: „Dass ein solcher Mensch gelebt habt, dadurch ist wahrlich die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden.“

Andreas Brehmer und Ronald Steckel haben aus der Übertragung Oskar Benls eine Hörbuchfassung destilliert; die Sprachaufnahmen entstanden 2019/2020 in Berlin in einer Produktion des nootheaters und der Organisation zur Umwandlung des Kinos; der Sprecher ist Ulrich Gerhardt.

Hier gibt es eine Hörprobe: https://irp-cdn.multiscreensite.com/0c970045/files/uploaded/KENKO%CC%82%20MB.mp3

Bestellt werden kann das Hörbuch hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu subject: Bestellen:KENKO

Zahlungen an das Konto Verlag MAGISCHE BLÄTTER mit der IBAN DE5725 05000 00151 804747. Bitte hinterlassen Sie als Verwendungszweck Ihre Lieferadresse.

Alle Gegensätze aufgehoben

Der Ochse und sein Hirte ~ Bild 8 | Archiv

Im Zen-Buddhismus hat man die ganze Entwicklung vom Zustand vor der Erleuchtung bis zur Erleuchtung und ihrer vollen Auswirkung durch die sog. „Zehn Bilder des Rindes“ (jugyuzu) symbolisch dar gestellt. Der Verlauf ist kurz folgender: Die Bilder stellen einen Bauern dar, der sein Rind sucht, das ihm davongelaufen ist. Nach vielem Suchen entdeckt er die Fußspuren und schließlich auch das Rind selbst. Mit vieler Mühe legt er ihm den Zügel an, aber das Tier sträubt sich noch, ihm zu folgen. Endlich gelingt es ihm, das Rind wieder zu gewöhnen, und er sitzt nun, vergnügt die Flöte spielend, auf seinem Rücken. Das Tier geht, wohin er will. Das sind die ersten sechs Bilder. Das Rind ist das wahre Selbst, das der Mensch verloren hat. Er sucht lange und findet es. Das ist der Augenblick des Satori. Aber die Leidenschaften sind noch widerspenstig, bis er schließlich seiner selbst Herr wird und zur wahren Freiheit gelangt. Auf dem siebten Bilde ist er allein. Das heißt, das Ich und sein Herz sind eins geworden. Das achte Bild stellt nur einen leeren Kreis dar: alle Gegensätze sind aufgehoben, selbst der von Erleuchtung und Nicht-Erleuchtung. Das neunte Bild stellt eine Landschaft dar. In der Außenwelt hat sich nichts geändert, aber der Erleuchtete sieht sie mit anderen Augen als vorher. Auf dem zehnten und letzten Bild sehen wir, wie er sich bemüht, auch seinen Mitmenschen den Weg aufzuzeigen, auf dem er selbst das wahre Glück gefunden hat.

Hugo M. Enomiya-Lassalle: Erleuchtungsweg des Zen-Buddhismus und christliche Mystik. In: Wilhelm Bitter (Hrsg.) Abendländische Therapie und östliche Weisheit. Stuttgart 1968, S. 90/91

Das Wahre und das Heilige sind wie Lichtstrahlen

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Alles, was jetzt existiert, ist nur der Griff in die Vergangenheit und der Zukunft – bodenlos, reich und unsichtbar…Ich bin nicht glücklich, denn das Glück kommt vom Menschen. Ich bin nicht unglücklich, denn auch das Unglück kommt vom Menschen. Ich bin alles, denn das ist es, was von Gott kommt. Nichts in der Welt ist einsam, alles ist miteinander verbunden. Das Wahre und das Heilige sind wie Lichtstrahlen, die jeden treffen, dessen Augen offen sind; sehen und gesehen werden ist ein und dasselbe.

Clemens Brentano (1778-1842)

Wie wir Dinge betrachten sollten

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Wie eine Sternschnuppe, ein Trugbild, eine Flamme, eines Magiers Zauberkunststück, einen Tautropfen, eine Luftblase, wie einen Traum, einen Blitz oder eine Wolke
– so solltet ihr alle Dinge betrachten.

Aus einer Unterweisung des Buddha.
Gefunden habe ich dieses Zitat in dem Buch „Glück“ von Matthieu Ricard. München 2009, S. 133

Als sprächest Du zu Dir selber

Welches Glück,
welche Geborgenheit,
welche Seligkeit,
wenn jemand Dir zuhört,
zu dem Du zu sprechen wagen darfst,
als sprächest Du zu Dir selbst.

Aelred von Rievaulx (1110 – 1167)

https://zuhoerer-ruhr.com/

Kontakt: zuhoerer@email.de

Möge ich… – Das Metta-Suttra

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Möge ich friedvoll, glücklich und leicht in Körper und Geist
sein.
Möge ich sicher und beschützt sein.
Möge ich frei von Ärger, Kummer, Furcht und Angst sein.
Möge ich lernen, mich selbst mit Augen des Verstehens
und der Liebe anzuschauen.
Möge ich fähig sein, die Samen der Freude und des Glücks
zu erkennen und zu berühren.
Möge ich lernen, die Gründe von Ärger, Begehren und
Unwissenheit in mir zu erkennen und zu sehen.
Möge ich erkennen wie ich die Samen von Freude in mir
jeden Tag nähren kann.
Möge ich fähig sein, frisch, gefestigt und frei zu leben.
Möge ich frei von Anhaftung und Abneigung sein –
ohne gleichgültig zu werden.

Visuddhi Magga (5. Jh.) / neue Fassung  von Thich Nhat Hanh (*1926) ~ gefunden habe ich diese Version des Metta-Sutta hier: https://www.quelle-des-mitgefuehls.de/

Vom Dichter und drei Steineklopfern

Gustave Courbet: Die Steineklopfer | Bild: wikimedia, gemeinfrei

Auf dem Weg nach Chartres, so wird erzählt, sieht der Schriftsteller Charles Péguy (1873-1914) einen Mann am Straßenrand, der Steine klopft. Der Gesichtsausdruck des Steineklopfers ist gezeichnet von Elend und seine Gesten beim Schlagen sind voller Wut.
Péguy bleibt vor dem Mann stehen und fragt ihn:
„Was tun Sie da?“
„Siehst du,“ antwortet der Mann Péguy, „ich habe nichts anderes als diese dumme und schmerzhafte Arbeit gefunden.“

Péguy geht weiter und  sieht einen anderen Mann, der ebenfalls Steine zerschlägt. Doch dessen Gesicht ist heiter und seine Schläge auf die Steine sehen harmonisch aus.
„Was machen Sie, Monsieur?“
„Nun,  ich verdiene meinen Lebensunterhalt und ernähre meine Familie“, antwortet der Mann Péguy.

Etwas weiter erscheint ein dritter Steineklopfer, der geradezu vor Glück strahlt. Er lächelt beim Zertrümmern der Steinmasse und schaut zufrieden auf die von ihm abgeschlagenen Steinstücke.
„Was machst du da?“, fragt Péguy auch diesen Mann.
„Ich“, antwortet der Mann dem Literaten,
„Ich baue eine Kathedrale!“

Nacherzählt von w.a.k. ~ Berichtet wird die Geschichte von Boris Cyrulnik (* 1937). Mehr zu ihm hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Cyrulnik