Wachstum eines Gedankens in die Tiefe des geistigen Raums

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… ein FILM ist nicht nur der Ablauf eines Geschehens in der Zeit. Er ist zugleich auch das Wachstum eines Gedankens in die Tiefe des geistigen Raums. Und nach Auffassung der Poetologie ist er vor allem das. Der Ablauf der Geschehnisse in der Zeit ist dabei nur ein weiteres Hilfsmittel.

Der Ablauf der Geschehnisse in der Zeit ermöglicht es, den Zuschauer in der Zeit festzuhalten, in jener Zeit, die gebraucht wird, um die Tiefendimension des geistigen Raums sich entfalten zu lassen. Die Erzeugung einer solchen geistigen Tiefenentwicklung ist nach Auffassung der Poetologie der eigentliche Sinn des Geschichtenerzählens und der Grund für das, was wir als spezifisches Filmvergnügen kennen: der Zuschauer erfährt sich im Ausnahmezustand der Filmrezeption als geistiges Wesen. Er erfährt sich als Mensch auf eine Art und Weise und in einer Größenordnung, wie ihm das in seinem alltäglichen Leben niemals möglich ist. Dafür lieben wir FILME!

Die Bestandteile eines Films sind: Bewegte Bilder, stehende Bilder, Schrift, Sprache, Geräusche, Musik….

Aus: Wolf Otto Pfeiffer, Bigger than Life, Grundzüge einer Poetologie des Films, aus: Organisation zur Umwandlung des Kinos, Texte zum Geistigen im Film, S. 80-88, Ronnenberg, 2017

Der ganze Beitrag „Der geistige Raum und die Heldenreise des Zuschauers“ von Wolf Otto Pfeiffer ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CII. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 1 | Januar 2021
TITELTHEMA: FILM

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Jakob Böhme: Neues Sein und neues Leben

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Das Geheimnis liegt in der Menschwerdung Christi, die nicht nur als ein historisches Faktum, sondern vor allem als eine mystisch-existentielle Tatsache erfahren wird. Die Menschwerdung hat in jedem einzelnen zu geschehen, und zwar allen Widerständen und Hindernissen zum Trotz…
Alles zielt darauf hin, dass die Wiedergeburt als ein Akt einer tiefgreifenden, geistig-seelischen Erneuerung Ereignis wird. Eine nur äußerliche, auch im Sinne der Reformation Luthers „zugerechnete Gerechtigkeit“, die den „alten Adam“ unverändert läßt, nimmt Böhme mehrmals aufs Korn. Böhme möchte, dass Christi Licht und Kraft in jedem einzelnen wirksam wird. Sein christlich-esoterisches Streben soll der Intensivierung des Christus-Bewusstseins dienen und einen Zustrom an spiritueller Energie in Gang bringen, um schließlich ein neues Sein und ein neues Leben, das allein Christus schenkt, erfahrbar zu machen. Doch damit ist der Geisteslehrer längst zu einem spirituellen Meister und zum Seelenführer geworden, der in Wort und Schrift den Suchern auf dem Weg der Christusnachfolge entgegengeht, um ihnen Führung und Geleit zu geben.

Gerhard Wehr in: „Jakob Böhme – Der Geisteslehrer und Seelenführer“ zum christosophischen Aspekt Böhmes. Freiburg/Br. 1979, S. 70 – 71

Erkenne dich selbst…

Ramana Maharshi | Bild Archiv

 

In einem Gespräch mit Schülern berichtete Ramana Maharshi (1879-1950) von seinem Rat: Erkenne dich selbst.
Und er erzählte ihnen von einer Schrift über die „Quintessenz der achtgliedrigen Wissenschaft“, die er gefunden hat. Darin heißt es, dass die „Stätte der Lebenskraft“ auf der rechten Seite der Brust liegt. Dort sei die „Stätte des Bewusstseins, des Sichselbergewahrseins“.
Auf die Frage eines Schülers, ob es sicher sei, dass „die Alten diese Stätte als ‚Herz‘ bezeichneten“ antwortete Ramana:
„Ja, das taten sie. – Aber du solltest lieber versuchen, diese Erfahrung zu haben, als sie irgendwo mit deiner Vorstellung zu suchen. Niemand braucht zu suchen, wo seine Augen sitzen, wenn er sehen will. Das ‚Herz‘ ist immer offen, wenn du wirklich hinein willst; es trägt alle Regungen und Bewegungen in dir, ohne dass du dessen gewahr wirst. Vielleicht sollte man lieber sagen: das Selbst ist das ‚Herz‘ selber, als dass es ‚im Herzen‘ sei. Fürwahr, das Selbst ist die Stätte und Mitte selber. Es ist immerdar seiner selbst inne als ‚Herz‘, als Selbstgewahrsein.“

Heinrich Zimmer: Der Weg zu Selbst. Lehre und Leben des Shri Ramana Maharshi. Kreuzlingen/München, 9. Aufl. 2001. S. 123

 

Äußerer und innerer Mensch

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Die Schrift lehrt über die Menschen, es gäbe einen äußeren Menschen und neben ihm einen inneren Menschen. Zum äußeren Menschen gehören jene Dinge, die zwar von der Seele abhängen, jedoch mit dem Fleisch verbunden und vermischt sind, und auch die zusammenwirkenden Funktionen der verschiedenen Glieder, wie Auge und Ohr, Zunge, Hand und dergleichen. Das nennt die Schrift den alten Menschen, den irdischen, äußeren Menschen, den Feind, den Knecht. In uns allen ist der andere, der innere Mensch. Den nennt die Schrift den neuen Menschen, den himmlischen Menschen, den Jungen, den Freund, den Edlen.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Alle Menschen lesen

Thomas Müntzer – Denkmal in Memleben / Foto: wak

 

Wo der Same auf den guten Acker fällt, das ist in die Herzen, die der Furcht Gottes voll sind, das ist dann das Papier und das Pergament, darein Gott nicht mit Tinte, sondern mit seinem lebendigen Finger schreibt als in die rechte heilige Schrift, die die äußere Bibel dann recht bezeugt.
Und es ist auch kein gewisseres Gezeugnis, das die Bibel wahr macht, als die lebendige Rede Gottes, da der Vater den Sohn im Herzen des Menschen anspricht. Diese Schrift können alle auserwählten Menschen lesen, die mit ihren geistlichen Pfunden wuchern.

Thomas Müntzer (ca. 1490 – 1525)

 

Ich weiß es nicht

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Einmal kamen Altväter zum Altvater Antonios, und unter ihnen war auch der Altvater Joseph. Antonios wollte sie prüfen, legte ihnen ein Wort der Schrift vor und begann sie, von den Jüngeren angefangen, zu fragen, was das Wort bedeute. Jeder gab Antwort, je nach seinem Vermögen. Der Greis sagte zu jedem: „Du hast es noch nicht gefunden.“ Zuletzt von allen sprach er zum Altvater Joseph: „Was sagst denn du, dass dieser Spruch bedeute?“ Seine Antwort war: „Ich weiß es nicht.“ Da sprach der Altvater Antonios: „Wahrhaftig, Altvater Joseph hat den Weg gefunden, indem er sagte: ‚Ich weiß es nicht.’“

Gefunden habe ich diesen Text hier: http://www.kontemplation.at/cms/?id=128