Gott kann geliebt aber nicht gedacht werden

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Jetzt wirst du mich fragen: „Wie soll ich an Ihn denken, und was ist Er?“ Darauf kann ich dir nur antworten: Ich weiß es auch nicht. Denn du hast mich mit deiner Frage in die gleiche Dunkelheit und in die gleiche Wolke des Nichtwissens versetzt, in der ich dich selbst gern sähe. Denn alle anderen Geschöpfe und ihre Werke ja sogar die Werke Gottes selbst kann man durch Gnade zur Gänze erkennen, und es ist gut möglich, sich mit ihnen in Gedanken zu beschäftigen. Aber Gott selbst kann kein Mensch gedanklich erfassen. Und daher will ich alles, was ich denken kann, hinter mir lassen und zum Gegenstand meiner Liebe das erwählen, das nicht gedacht werden kann. Denn Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden. Von der Liebe läßt er sich fassen und halten, vom Intellekt jedoch nicht. Und wenn es darum auch zuweilen gut ist, an die Güte und Erhabenheit Gottes im besonderen zu denken und wenn das auch den Geist erleuchtet und einen Teil der mystischen Kontemplation bildet, müssen doch solche Gedanken bei diesem Werk abgeworfen und mit einer Wolke des Vergessens bedeckt werden.

Wolke des Nichtwissens, 14. Jahrhundert, Kapitel 6

Es ist in dir

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Der Jünger sprach zum Meister: „Wie mag ich kommen zu dem übersinnlichen Leben, dass ich Gott sehe und höre reden?“ Der Meister sprach: „Wenn du dich magst einen Augenblick in das schwingen, da keine Creatur wohnet, so hörest du, was Gott redet“.

Der Jünger sprach: „Ist das nahe oder ferne?“ Der Meister sprach: „Es ist in dir; und so du magst eine Stunde schweigen von allen deinen Wollen und Sinnen, so wirst du unaussprechliche Worte Gottes hören.“

Der Jünger sprach: „Wie mag ich hören, so ich von Willen und Sinnen stille stehe?“ Der Meister sprach: „Wann du von Sinnen und Wollen deiner Selbheit stille stehest, so wird in dir das ewige Hören, Sehen und Sprechen offenbar und höret und siehet Gott durch dich; dein eigen Hören, Wollen und Sehen verhindert dich, dass du Gott nicht siehest und hörest.“

Jakob Böhme (1575 – 1624) in: Christosophia: oder Der Weg zu Christo

In die Tiefen des eigenen Seinsgrundes hinabsteigen

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Eckeharts Imperativ „Stirb und werde!“, was besagt er nach alledem anderes als: „Mensch, werde wesentlich!“, erkenne dich selbst und werde, der du bist! d. h.: erfülle und vollende dein innerstes und wahrstes Wesen! Steig auf dem Wege der Abgeschiedenheit und der Gelassenheit hinab in die Tiefen deines eigenen Seinsgrundes, indem du die sterilen Hüllen und Schalen deines kleinen Ich durchbrichst. Dort unten aber in deinem Seelengrunde wohnt das Göttliche, hegt des Gottes eigne Kraft.

Aus der Einleitung zu: Meister Eckhart. Deutsche Predigten und Traktate. Herausgegeben und übersetzt von Josef Quint. München 1963, S. 48

Unsere Seele macht beständig Lärm…

Simone Weil ~ Bild: Archiv

Unsere Seele macht beständig Lärm, aber es gibt einen Punkt in ihr, der Schweigen ist und den wir niemals vernehmen. Wenn das Schweigen Gottes Eingang findet in unsere Seele, sie durchdringt und dort sich jenem Schweigen verbindet, das heimlich in uns gegenwärtig ist, dann haben wir hinfort in Gott unseren Schatz und unser Herz; und der Raum öffnet sich uns wie ein Frucht, die sich teilt, denn wir sehen das Universum von einem Punkt, der außerhalb des Raumes gelegen ist.

Simone Weil (1909 – 1943)

Wahrheit ist die Spur Gottes in der Welt

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Mein Freund, suche Gott in den Wahrheiten des Christentums, aber suche ihn auch in den ewigen Wahrheiten der Anderen, der Juden und der Muslime! Denn jeder, der nach Wahrheit strebt, in welcher Form es auch sei mag, ist auf dem rechten Weg zu Gott, von dem alle Wahrheit stammt, auch die der Andersgläubigen. Wahrheit ist die Spur Gottes in der Welt.

Raimundus Lullus (1232-1316)

Eins mit Gott sein: Franz Jalics (1927 – 2021)

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Wenn ich hellwach bewusst bin, aber mein Bewusstsein leer ist, bin ich in meiner Mitte. Dort sind wir nur Geist und befinden uns am nächsten zu Gott, der reiner Geist ist. Es ist ein einfaches Bewusst-Sein, ein bewusstes Da-Sein. Dort ist der Mensch im höchsten Grad Ebenbild Gottes. Dort kann er eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet, eins mit Gott zu sein. Verweilt der Mensch dabei, ist er in reiner Anbetung. Es ist die Anbetung im Geist.

Franz Jalics (1927 – 2021) In: Der kontemplative Weg

Mehr zu Franz Jalics hier: https://web.archive.org/web/20171201041208/https://www.jesuiten.org/aktuelles/details/article/pater-franz-jalics-sj-wird-90-jahre-alt.html

Der Seele Göttlichstes ins Auge fassen

 

Die Seele und der Seele Göttlichstes muss ins Auge fassen, wer den Geist erkennen will, und was er ist. Das nun kann vielleicht auch auf die Weise geschehen, dass du vom Menschen, und zwar natürlich von dir selbst, zuerst den Leib abstreifst; dann auch die Seele, die ihn formt, aber auch fein säuberlich die Wahrnehmung, dazu Begierde, Zorn und all diese Narrenpossen, die sich doch nur dem, was sterblich ist, zuneigen, erst recht: und das, was dann von der Seele übrig bleibt, das ist jenes Stück, welches wir Abbild Gottes nannten, das ein wenig Licht von Jenem in sich bewahrt, so wie bei der Sonne das Licht, das über die Kugel ihrer Masse hinaus um sie und aus ihr erstrahlt.

Plotin (203 – 269)

Die Zeit ist das Warten Gottes

Simone Weil ~ Foto: Archiv

Gott wartet wie ein Bettler,
der reglos und schweigend
vor jemandem steht,
der ihm vielleicht ein Stück Brot geben wird.
Die Zeit ist dieses Warten.
Die Zeit ist das Warten Gottes,
der um unsere Liebe bettelt.

Simone Weil (1909 – 1943)

Jegliche Kreatur ist Gottes voll

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Je mehr die Seele
über irdische Dinge erhaben ist,
um so kräftiger ist sie.
Wer weiter nichts
als die Kreaturen erkennen würde,
der brauchte an keine Predigt zu denken,
denn jegliche Kreatur ist Gottes voll
und ist ein Buch.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in Predigt 10, in: Josef Quint, Deutsche Predigten und Traktate,  München 1991, S. 200

Alles durchdringende Nähe

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Gott ist Dir wirklich nahe dort,
wo Du bist, wenn Du offen bist
auf dieses Unendliche hin.
Dann nämlich ist die Ferne Gottes
zugleich seine unbegreifliche,
alles durchdringende Nähe.

Karl Rahner S.J. (1904 – 1984)