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Stille: Nähe, Tiefe, Fülle

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Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

 

Foto: © wak

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) | 22.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Die läuternde Quellkraft der Stille

Foto: © wak

In der Eckhart-Legende „von dem guten Morgen“, die von der Begegnung Meister Eckharts mit dem armen Menschen berichtet, heißt es:
„Du magst wohl heilig sein, (doch) wer hat dich heilig gemacht, Bruder?“
Die Antwort lautet:
„Das tat mein Stillesitzen und meine hohen Gedanken und meine Vereinigung mit Gott.“
Das erste also, das hier genannt wird, ist das Stillesitzen!
Das Mittelalter wußte noch um die nie auszuschöpfende läuternde Quellkraft der Stille, die allein im Stillesitzen aufgeht.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988) in: Der Alltag als Übung

Stille ins menschliche Herz bringen

Foto: © wak

Was wirklich von Bedeutung ist, für jede Methode des Sufitums, ist die fortwährende Erinnerung an einen der Namen Gottes. Das bringt Stille ins menschliche Herz; dies ist der erste Schritt. Der zweite ist die Öffnung einer Pforte im Innern des Herzmuskels; hier, nicht im Gehirn, liegen die verborgenen Fähigkeiten der Seele, und genau auf dieses Zentrum richtet ein Sufi seine Aufmerksamkeit. Und auf der Leiter des Herzschlags reist er über den Ozean des Daseins, um die Perle des wahren Selbst zu finden.

Seyed Mostafa Azmayesh (* 1952)

Die Stille ist der Wegweiser

Foto: © wak

Wir suchen Gott fast immer auf eine intellektuelle Weise. Wir wollen ihn verstehen und wissen, wer er ist und wo er ist. So kann man Gott nicht finden. Gott ist in unseren Herzen. Nur die Stille mit der Ausrichtung nach innen führt dorthin. Die Stille hält die Seele fern von Gedanken und Vorstellungen. In dieser heiligen Stille begegnen wir Christus in uns. Der Friede, der alles Verstehen übersteigt, führt zu Christus in uns. Gottes Gegenwart kann nur aufleuchten, wenn der Verstand still ist. Gott existiert jenseits von Doktrinen. Die Stille ist der Wegweiser. Beständig zum Einen schauen, der immer gegenwärtig ist. Mehr braucht man nicht.

Franz Jalicz (*1927) in: Die Geistliche Begleitung im Evangelium