Die zwei geistlichen Füße des Mystikers

Photo by Vicky Tran on Pexels.com

Der Mystiker nimmt in bildlicher Vorstellung an, er habe zwei geistliche Füße: den begreifenden Verstand und den liebenden Affekt. Es ist notwendig, auf beiden vorwärtszuschreiten, damit man die geheimen Wege der Beschauung glücklich bis ans Ende zu begehen vermag. Denn der Intellekt hinkt ohne den liebenden Affekt und käme nicht rüstig voran; die Liebesneigung ohne den Verstand aber ist blind; sie fände den Weg nicht und müsste sich verirren.

Hendrik Herp / Harphius (ca. 1400/1410 – 1477/1478) in seiner „Theologia mystica“

Das Vollkommene schmecken

Foto: (c) wak

Was hier gesagt ist, das gehört alles dem auswendigem Leben zu und es ist ein Weg und ein Zugang zu einem wahren inwendigen Leben. Und das inwendige das hebt an nach diesem. Wenn der Mensch das Vollkommene schmecken wird, so viel es möglich ist, so werden alle geschaffenen Dinge dem Menschen zunichte und auch der Mensch selber. Und so man erkennt in der Wahrheit, daß das Vollkommene allein ist alles und über alles, so folgt notwendig daraus, daß man demselben Vollkommenen allein alles Gute zuerkennen muß und keiner Kreatur, z. B. Wesen, Leben, Erkennen, Wissen, Vermögen und desgleichen.

Theologia Deutsch, 53. Capitel von dem Frankfurter Deutschordensherrn unbekannten Namens. Auszug aus: Das andere Wort: „Niemand kommt zu mir, der Vater ziehe ihn denn.“

Der vollständige Text kann hier nachgelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VIII
CII. JAHRGANG WINTER 2021/2022

November 2021: Mystiker, die B.Y.R. empfohlen hat

Mehr auch hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Bestellungen: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Sein ohne Sein

Foto: (c) wak

Die göttliche Liebe gebiert in der vernichtigten Seele, in der freien Seele in der erleuchteten Seele ewiges Wesen, empfangendes Genießen, liebevolle Vereinigung. Aus der ewigen Substanz empfängt das Gedächtnis das Vermögen des Vaters. Aus dem empfangenden Genießen hat der Verstand die Weisheit des Sohnes. Aus der liebenden Vereinigung empfängt der Wille die Güte des Heiligen Geistes. Die Güte des Heiligen Geistes vereinigt die Seele in der Liebe des Vaters und des Sohnes. Diese Vereinigung versetzt die Seele in ein Sein ohne Sein, welches das Sein selbst ist. Dieses Sein ist der Heilige Geist selbst, der die Liebe des Vaters und des Sohnes ist.

Die Begine Margarete Porete (1250-1310) in: Der Spiegel der einfachen Seelen. Wege der Frauenmystik. Aus dem Altfranzösischen übertragen und mit einem Nachwort und Anmerkungen von Louise Gnädinger (Zürich–München, 1987), S. 164 -165

Essenz des Wissens und Fühlens

Foto: (c) wak

Gurdjieffs ursprüngliche Quellen waren größtenteils Tempel, Klöster und abgelegene religiöse Gemeinschaften. Das Material war durch und durch religiös. Er war alles andere als desinteressiert an Religionen und ihren umfassenderen Vorstellungen über das Wesen des Menschen und dessen Verpflichtung – aber an einem bestimmten Punkt seiner Begegnung mit heiligen Tanzritualen muss er erkannt haben, dass das Tanzmaterial, welches er für die tiefergehende Erziehung der Menschen im Westen neu zusammenzustellen beabsichtigte, die darin verschlüsselte Essenz des Wissens und Fühlens auch ohne Worte zu vermitteln vermochte.

Der ganze Beitrag „Die Vorgeschichte der Bewegungen“ von Roger Lipsey zu Georges Gurdjieff (1866 -1949) kann hier nachgelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang Oktober 2021 Heft 10, Thema: DIE MUSIKALISCHE DIMENSION DES JAKOB-BÖHME-BUNDES

Mehr hier:

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Spricht zu den Menschen deren Ohren geöffnet sind

Die Kaaba / Bild: Archiv

Als Abraham in Aegypten in die Mysterien des Lebens eingeweiht worden war, begab er sich nach Mekka, wo er zur Erinnerung an die in der alten esoterischen Schule Aegyptens empfangene Weihe einen Denkstein setzte. Die Stimme, die Abrahams singende Seele in den Stein legte, tönte weiter fort und wurde allen denen vernehmbar, die sie zu hören vermochten. Seit jener Zeit sind Seher und Propheten zu diesem Stein, zur Kaaba gepilgert; die Stimme tönte weiter und lebt noch heute fort. Ein Ort wie Mekka – eine Wüstenei, die nichts Interessantes bietet, wo der Boden nicht fruchtbar und die Menschen nicht hoch entwickelt sind, wo weder Handel noch Industrie blüht, wo Kunst und Wissenschaft nicht zu finden sind – hat Millionen Menschen angezogen, die ihn nur aus einem einzigen Grund, nur als Ziel ihrer Wallfahrt aufsuchten: Was war die Ursache, was ist heute noch die Ursache? Nur die Stimme, die diesem Ort, die einem Stein eingegeben worden ist. Einem Stein ist die Gabe der Sprache verliehen worden, und er spricht noch heute zu den Menschen, deren Ohren geöffnet sind.

Hazrat Inayat Khan (1882 – 1927) in: Die Sprache des Kosmos. Genf; 1945, S. 7-8

Widersprüchlichkeit der Welt und des Menschen

Selbst in dem vollkommensten philosophischen Antipoden Montaignes, dem schwerblütigen und eigensinnigen, dumpfen und dunkeln Jakob Böhme lebt etwas von Montaigneschem Geiste. Denn keiner hat das Prinzip der coincidentia oppositorum, der  Widersprüchlichkeit der Welt und des Menschen, so bohrend durchgedacht und so allseitig beleuchtet wie dieser tiefgründige Schustermeister. Eines Tages bemerkte er ein dummes altes Zinngefäß, in dem sich die Sonne spiegelte, und sagte sich mit Erstaunen: dies ist nur ein schlechter grober Zinnkrug und doch ist in ihm die ganze Sonne! Darauf wurde er, was man „tiefsinnig“ nennt, zog sich zurück und  schrieb eines der schönsten theosophischen Bücher. Es war ihm die plötzliche Einsicht aufgegangen, dass alles auf dieser Welt sich nur an seinem Gegensatze zu offenbaren vermöge: das Licht an der Finsternis, das Gute am Bösen, das Ja am Nein, Gott an der Welt, seine Liebe an seinem Zorn, und dass daher alles Sein nicht nur aus Gegensätzen bestehe, sondern auch durch Gegensätze, denn ihnen allein verdankt es seine Existenz.

Egon Friedell (1878 – 1938) in: Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1969, S. 372

Mehr zu Jakob Böhme findet sich in den „Magischen Blättern“… https://verlagmagischeblaetter.eu/

Die Mauer des Paradieses in dem Du wohnst

Foto: © wak

 

Ich habe den Ort gefunden,
in dem man Dich unverhüllt
zu finden vermag.
Er ist umgeben
von dem Zusammenfall der Gegensätze.
Dies ist die Mauer des Paradieses,
in dem Du wohnst.
Sein Tor bewacht höchster Verstandesgeist.
Überwindet man ihn nicht,
so öffnet sich nicht der Eingang.
Jenseits der Mauer
des Zusammenfalls der Gegensätze
vermag man Dich zu sehen;
diesseits aber nicht.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464)

Erlebte und gelebte Religion

Otto Engelhardt-Kyffhäuser, Portrait von Joseph Schneiderfranken

… Die Lehre aber, die uns Bô Yin Râ, wie ehedem Laotse und Jesus, wiederum gibt, ist nicht eine Philosophie oder eine Mythologie oder eine Religion, sondern sie ist Religion an sich. Sie meint etwas artlich anderes, etwas, das nicht erlernt werden kann, sondern erlebt und gelebt wird, in jedem Individualfall volllständig verschieden und neu, also etwas letztlich Unsagbares. Wenn die menschliche Sprache hier, wie immer von den Meistern in der Fülle der Zeiten gebraucht wird, so vermag sie dennoch nur das Erlebnis zu umgrenzen, zu umringen, ahnen zu machen; wie der Kraterrand das Wesen, das Abgründige, die Leere, die Gewalt des Vulkans nur umschreibt und das einzig wesentliche dazwischen nur nach außen hin abgrenzt. …

Rudolf Schott (1891-1977) , Bô Yin Râ: Ein Lebenswerk und sein Meister.  Vortragsmanuskript für die „Theosophische Gesellschaft“, zitiert nach Werner Erni, der für den Kober-Verlag tätig war. Dort sind die Werke von Bô Yin Râ (1876 – 1943) erschienen.

 Der vollständige Text kann hier nachgelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 11 | Dezember 2020
TITELTHEMA: WEIHENACHT

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Er gebiert seinen Sohn völlig neu und frisch

Foto: © wak

Wenn man mich fragte, was Gott im Himmel täte, ich würde sagen: er  gebiert seinen Sohn und gebiert ihn völlig neu und frisch und hat so große Lust an diesem Tun, dass er sonst nichts tut, als dass er dieses Werk wirkt. Darum sagt er: „ Seht, ich“. Wer da „ich“ sagt, der muss das Werk aufs beste leisten. Niemand kann dieses Wort im eigentlichen Sinne aussprechen als der Vater. Das Werk ist ihm so eigen, dass niemand als der Vater es zu wirken vermag. In diesem Werke wirkt Gott alle seine Werke, und der Heilige Geist hängt darin und alle Kreaturen, denn Gott wirkt dieses Werk, das seine Geburt ist, in der Seele; seine Geburt ist sein Werk, und die Geburt ist der Sohn. Dieses Werk wirkt Gott im Innersten der Seele…

Meister Eckhart (1260 – 1328) in Predigt 31, „Ecce ego mitto angelum meum etc.“ (Mal. 3, 1 f. ) In: Deutsche Werke, Frankfurt/M. 1993, Band 1, S. 349 – 351

Sich in Dich einsenken

Foto: © wak

Erst dann vermag Dein Gott
Sich in Dich einzusenken,
Wenn es Dir selbst gelang
Dich selber ihm zu schenken.

Hast Du Dich dargebracht
Und Dich in Gott verloren, –
Dann wird in Heiliger Nacht
Dein Gott in Dir geboren.“

BÔ YIN RÂ: Ausgleich. In: Leben im Licht. Basel 1934