Weltweisheit

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Weltweisheit ist ein Wort, hat weder Sinn noch Kraft;
Der Weisheit höchster Hort ist Gotteswissenschaft.
Weltweisheit aber soll, damit sie Sinn erhält,
Die Weisheit Gottes nur im Spiegel schaun der Welt.

Friedrich Rückert (1788 – 1866) in: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4. Leipzig, 1838., S 236

Im innersten Grunde vollkommenste Weisheit

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Es gibt drei Weisen des Schweigens: die erste ist das Stillschweigen der Worte; die zweite das Schweigen des Begehrens und die dritte das Schweigen der Gedanken. Die erste ist vollkommen, vollkommener noch die zweite und am vollkommensten die dritte. Bei der ersten Weise, dem Schweigen der Worte, wird Tugend erlangt; bei der zweiten, dem Schweigen des Begehrens, erreicht man die Ruhe; bei der dritten Weise, dem Schweigen der Gedanken, kommt man zur inneren Sammlung. Nicht sprechend, nicht begehrend und nicht denkend gelangt man zum wahren und vollkommenen mystischen Schweigen, in welchem Gott mit der Seele spricht, sich ihr mitteilt und sie in ihrem innersten Grunde die vollkommenste und höchste Weisheit lehrt.

Miguel de Molinos (1628 -1696) in: Geistliches Weggeleit. 17. Kapitel: Vom inneren, mystischen Schweigen, Nr. 129. Freiburg Br. 2018, S. 126

Du führst meinen Geist ins Weite

Hildegard von Bingen / Bild: wikimedia~gemeinfrei

O heilende Kraft, die sich Bahn bricht! Alles durchdringst du, die Höhen, die Tiefen, den Abgrund. Du fügest und schließest alles in eins.

Durch dich fluten die Wolken, fliegen die Lüfte. Die Steine träufeln vom Saft, die Quellen sprudeln ihre Bäche hervor. Durch dich quillt aus der Erde das erfrischende Grün.

Du führst auch meinen Geist ins Weite, wehest Weisheit in ihn, und mit der Weisheit die Freude. Die Seele ist wie ein Wind, der über die Kräuter weht, und wie ein Tau, der auf die Gräser träufelt, und wie die Regenluft, die wachsen macht.

Genauso ströme der Mensch sein Wohlwollen aus  auf alle, die da Sehnsucht tragen. Ein Wind sei er, indem er den Elenden hilft, ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet, und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet, und sie mit der Lehre erfüllt wie Hungernde, indem er ihnen seine Seele gibt.

Hildegard von Bingen (1098-1179) zugeschrieben

Diesen Garten mit dem Herzen betreten

Halte aber dieses Paradies der inneren Wonne nicht für einen körperlichen Ort. Diesen Garten betritt man nicht mit Füßen, sondern mit dem Herzen. Auch wird dir nicht der Reichtum an irdischen Bäumen angerühmt, sondern eine liebliche, herrliche Pflanzung überirdischer Tugenden. Es ist der verschlossene Garten, der versiegelte Quell, der sich in vier Ströme verzweigt und wo aus der einen Ader der Weisheit die Tugend vierfach sich entfaltet.

Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153)

Vollendung

Mehr von und über Josef Anton Schneiderfranken / Bô Yin Râ – hier:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: JOSEPH SCHNEIDERFRANKEN

Heft 7, Juli 2021

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Universeller Strom der Ideen

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Der verborgene Fluss der Gnosis ist Teil des universellen Stroms der Ideen, der unter der Oberfläche des menschlichen Bewusstseins verläuft. Die Absicht der antiken Schriftsteller wie auch unserer eigenen zeitgenössischen Suche nach Bedeutung entspringt der gleichen Quelle;  nämlich dem Wunsch, die Funken der Göttlichkeit zu befreien, die von Anfang an in die natürliche Welt eingebettet waren. Diese schimmern manchmal in der Weisheit der alten Väter, manchmal in den frühreifen Fragen eines unschuldigen Kindes. Die Funken wandern durch die Jahrhunderte, tauchen als  Faust in der poetischen Imagination Goethes auf, leuchtend in den Sinfonien des Kindes Mozart, beleben die denkwürdigen Fantasien, die aus der Feder von William Blake fließen.

June Singer (1920 – 2004) in ihrem Vorwort zu „The Gnostic Book of Hours“ (2003)

Zwiegespräch mit seiner Seele

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Wer den Weg nach innen fand,
Wer in glühndem Sichversenken
Je der Weisheit Kern geahnt,
Daß sein Sinn sich Gott und Welt
Nur als Bild und Gleichnis wähle:
Ihm wird jedes Tun und Denken
Zwiegespräch mit seiner eignen Seele,
Welche Welt und Gott enthält.

Hermann Hesse, 1918

Und Kamadeva lachte…

Am Anfang griff Kamadeva nach einem unentwickelten Kosmos und formte das das Vorstellbare aus dem Unvorstellbaren. Die Weisen, die mit Weisheit in ihre Herzen blickten, sahen die alles durchdringende Kraft als allmächtigen Gott Gestalt annehmen – Kamadeva.

Sie verneigten sich vor der Gottheit, sangen Lobeshymnen und brachten feierliche Opfer dar. Aber Kamadeva lehnte ihre Opfergaben und Lieder ab und lachte. Als er sie so mit schallendem Gelächter verhöhnte, waren sie verwirrt und fragten nach dem Grund dafür.

Kamadeva schmiedete sein Lachen in Worte:

„Wenn ein Mensch, der fromm ist, Verdienst durch heilige Handlungen sucht, lache ich über ihn.

Wenn ein Mensch, der intelligent ist, durch Wissen Verständnis sucht, lache ich ihn aus.

Wenn ein Mensch, der rechtschaffen ist, Ehre durch tugendhafte Taten sucht, so lache ich ihn aus.

Wenn ein Mensch, ob weise oder töricht, tugendhaft oder verdorben, Befriedigung in der Liebe sucht, lache ich auch über ihn.

Wenn er sich einbildet, mein Verbündeter zu sein, lache ich besonders über ihn.“

„Aber warum?“, fragten die Weisen.

Und Kamadeva lachte über ihre Frage.

Aus dem Hasyalapa Brahmana

Kosmischer Spiegel

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Wenn du in der Lage bist, dich zu entspannen – dich für eine Wolke öffnen, die du siehst, einen Regentropfen in seiner ganzen Wirklichkeit erfahren –, so kannst du die Unbedingtheit der Wirklichkeit direkt sehen: Sie ist in den Dingen, so wie sie sind, ganz einfach.
Wenn du die Dinge anschauen kannst, ohne zu sagen: “Dies ist für mich, das ist gegen mich”, oder “Hiermit stimme ich überein, damit nicht”, dann erfährst du den Seinszustand des kosmischen Spiegels, die Weisheit des kosmischen Spiegels.
Ob du eine Fliege vorbeisummen oder eine Schneeflocke fallen siehst, ob es Wellen im Wasser sind oder eine scharze Spinne – all das nimmst du einfach wahr, in vollkommener Aufnahmebereitschaft, ohne “Ja” und “Nein”.

Chögyam Trungpa (1940 -1987)

Schluss-Steine von Meister Eckhart

„Wer diese Predigt verstanden hat, dem vergönne ich sie wohl. Wäre niemand hier gewesen, ich hätte sie diesem Opferstock predigen müssen“. So Meister Eckhart (1260 – 1328) am Ende der Aussagen von Predigt 26. Diese fast sprichwörtlich gewordenen Zeilen sind hier wie bei anderen seiner Predigten Schlusspunkte, Schlusssteine. Sie führen Vorhergegangenes zu einem Ende: sehr direkt, kurz und knapp. Manche der Schlussätze sind ähnlich wie Affirmationen, bei denen eine Aussage, Situation oder Handlung positiv bewertet wird. Andere wirken wie Aufrufe oder Weckrufe zur Transformation. Bei nur wenigen der Sätze sind sie teilweise unverständlich, wenn der vorige Predigttext nicht gekannt ist. Bei den meisten von ihnen jedoch sind sie oft wie eigene meditative Artefakte, kontemplative Kleinode. Auf jeden Fall zu schade dafür, dass sie in der Fülle der Predigtgedanken unbeachtet untergehen. Ist doch auch daran zu erinnern, was Gustav Landauer in seinem Vorwort zu „Meister Eckharts Mystische Schriften“ schrieb. Er hatte sie 1903 herausgegeben, 1920 dann noch einmal sprachlich bearbeitet von  Martin Buber.  Landauer war der Überzeugung: “ Meister Eckhart ist zu gut für historische Würdigung; er muss als Lebendiger auferstehen.“ (w.a.k.)

 

1 Dass Jesus auch in uns kommen und hinauswerfen und wegräumen möge alle Hindernisse und uns Eins mache, wie er als Eins mit dem Vater und dem heiligen Geiste ein Gott ist, auf dass wir so mit ihm eins werden und ewig bleiben, dazu helfe uns Gott. Amen.

4 Dass wir bereitet werden, die beste Gabe zu empfangen, dazu helfe uns der Vater der Lichter. Amen.

5 Dass wir nicht dahin gelangen, wo dieses Gut empfangen wird, das liegt nicht an ihm, sondern an uns.

6 Dass wir in solcher Weise wahrhaft drinnen bleiben mögen, dass wir alle Wahrheit unmittelbar und ohne Unterschiedenheit in rechter Seligkeit besitzen, dazu helfe uns Gott! Amen.

7 Dass wir die Gerechtigkeit um ihrer selbst willen und Gott ohne Warum lieben, dazu helfeuns Gott. Amen.

8 … Was die Seele in ihrem Grunde sei, davon weiß niemand etwas. Was man davon wissen kann, das muss übernatürlich sein, es muss aus Gnade sein: dort wirkt Gott Barmherzigkeit. Amen.

11 Dass wir uns innen finden im Tage und in der Zeit der Vernunft und im Tage der Weisheit undim Tage der Gerechtigkeit und im Tage der Seligkeit, dazu helfe uns der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

13 … Der Mensch, der gelassen hat und gelassen ist und der niemals mehr nur einen Augenblick auf das sieht, was er gelassen hat, und beständig bleibt, unbewegt in sich selbst und unwandelbar, – der Mensch allein ist gelassen. Dass wir so beständig bleiben und unwandelbar wie der ewige Vater, dazu helfe uns Gott und die ewige Weisheit. Amen.

15 Wir sollen Gottes Bild in uns tragen, und sein Licht soll in uns leuchten, wenn wir »Johannes« sein wollen.

16 Dass wir Eins werden, dazu helfe uns Gott. Amen.

18 Dass wir ebenso dahin gelangen, in dem ewigen Worte zu antworten, dazu helfe uns Gott. Amen.

19 Wir bitten Gott, unsern lieben Herrn, dass er hier mit uns wohne, auf dass wir ewiglich mit ihm wohnen mögen; dazu helfe uns Gott. Amen.

21 Darum spricht Sankt Lukas: »Ein Mensch hatte bereitet ein großes Abendmahl« (Luk. 14, 16). Dieser Mensch ist Gott und hat keinen Namen. Dass wir zu diesem Gastmahl kommen, dazu helfe uns Gott. Amen.

22 Dass wir so eins werden mit Gott, dazu helfe uns »ein Gott, Vater aller«. Amen.

23 Dass wir zu dieser Wahrheit kommen, dazu helfe uns die Wahrheit, von der ich gesprochen habe. Amen.

24 Nun, dass wir zu diesem ewigen Lichte kommen, dazu helfe uns Gott. Amen

26 Wer diese Predigt verstanden hat, dem vergönne ich sie wohl. Wäre hier niemand gewesen, ich hätte sie diesem Opferstocke predigen müssen. Es gibt manche arme Leute, die kehren wieder heim und sagen: »Ich will an einem Ort sitzen und mein Brot verzehren und Gott dienen!« Ich sage bei der ewigen Wahrheit, diese Leute müssen verirrt bleiben und können niemals erlangen noch erringen, was die anderen erlangen, die Gott nachfolgen in Armut und in Fremde. Amen.

27 Dass auch wir gut werden mögen und getreu, auf dass auch uns unser Herr eingehen heiße und ewig inne bleiben, wir mit ihm und er mit uns, dazu helfe uns Gott! Amen.

29 Dass wir so eins seien in der Einheit, die Gott selbst ist, dazu helfe uns Gott. Amen.

31 Dass wir eben diese Einheit seien und diese Einheit bleiben mögen, dazu helfe uns Gott. Amen.

32 Dass wir so leben mögen, dass wir es ewig erfahren, dazu helfe uns Gott. Amen.

33 Dass wir Gott so folgen, dass er uns in sich versetzen könne, damit wir mit ihm vereint werden, auf dass er uns mit sich selbst lieben könne, dazu helfe uns Gott. Amen.

35 Dass uns dies widerfahre, dazu helfe uns Gott. Amen.

36 Dass wir ihm alle folgen, auf dass er uns bringe in sich, wo wir ihn wahrhaft erkennen, dazu helfe uns Gott. Amen.

37 Bitten wir unsern Herrn, dass wir in die Erkenntnis kommen mögen, die da ganz ohne Weise und ohne Maß ist. Dazu helfe uns Gott. Amen.

38 Dass wir ebenso mit Gott vereint werden, dazu helfe uns die Wahrheit, von der ich gesprochen habe! Amen.

39 Wir bitten Gott, unsern lieben Herrn, dass wir Eins und innen – wohnend werden. Dazu helfe uns Gott. Amen.

40 Dass wir dies begreifen und ewiglich selig werden, dazu helfe uns der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

42 Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts. Dazu helfe uns Gott. Amen.

44 Dass wir mit Gott ein Geist werden und wir in der Gnade erfunden werden, dazu helfe uns Gott. Amen.

45 Dass wir die göttliche Gleichheit göttlicher Ruhe so suchen und bei Gott finden mögen, dazu helfe uns Gott. Amen.

46 Dass wir in solcher Weise der Gerechtigkeit in der Weisheit nachfolgen und nach ihr hungern und dürsten, auf dass wir gesättigt werden, dazu helfe uns Gott. Amen.

48 Darum soll man der ersten Eingebung folgen und so voranschreiten; dann kommt man dahin, wohin man soll, und so ist‘s recht.

50 Und dass wir zu dieser Frucht kommen, dazu helfe uns die ewige Wahrheit, von der ich gesprochen habe. Amen.

52 Da ist Seligkeit, wo die Seele Gott nimmt, wie er Gott ist. Bitten wir unsern Herrn, dass wir so mit ihm vereint werden. Amen.

53 Dass wir zu diesem Erkennen kommen, dazu helfe uns Gott. Amen.

54 Dass wir zu dieser Vollkommenen Liebe gelangen, dazu helfe uns Gott. Amen.

56 Dass wir allem dem entwachsen, was nicht Gott ist, dazu helfe uns Gott. Amen.

57 In diese Geburt helfe uns der Gott, der von neuem als Mensch geboren ist. Dass wir schwache Menschen in ihm auf göttliche Weise geboren werden, dazu helfe er uns ewiglich. Amen.

(Die Ziffern vor den Schlusssätzen beziehen sich auf die Nummerierung der Predigten, die Josef Quint herausgegeben und übersetzt hat. Mir liegt die Ausgabe von 1963 vor, die 1995 in der siebten Auflage im Carl Hanser Verlag München / Wien erschienen ist. Anm.: w.a.k.)