Alle Menschen lesen

Thomas Müntzer – Denkmal in Memleben / Foto: wak

 

Wo der Same auf den guten Acker fällt, das ist in die Herzen, die der Furcht Gottes voll sind, das ist dann das Papier und das Pergament, darein Gott nicht mit Tinte, sondern mit seinem lebendigen Finger schreibt als in die rechte heilige Schrift, die die äußere Bibel dann recht bezeugt.
Und es ist auch kein gewisseres Gezeugnis, das die Bibel wahr macht, als die lebendige Rede Gottes, da der Vater den Sohn im Herzen des Menschen anspricht. Diese Schrift können alle auserwählten Menschen lesen, die mit ihren geistlichen Pfunden wuchern.

Thomas Müntzer (ca. 1490 – 1525)

 

Grundlegendes Sein

Foto: © wak

Wir können weder von Vater, Sohn und Heiligem Geist noch von irgendeinem Geschöpf sprechen, sondern nur von einem Wesen, das die ureigenste Substanz der göttlichen Personen ist.

Vor unserer Erschaffung waren wir dort alle eins, denn es ist unser grundlegendstes Sein. Dort existiert die Gottheit als einfaches Sein ohne jegliche Tätigkeit.

Jan van Ruysbroeck (1293 – 1381)

Unsichtbares in unserem Innersten

© wak

 

Ein Vater reicht seinem Sohn einen großen Brocken Salz:
“Nimm dieses Salz, Shvetaketu,
und lege es in eine Schale Wasser.”

Einige Stunden später folgt eine zweite Bitte:
“Bring mir das Salz,
das du ins Wasser gelegt hast.”

So sehr der Junge auch nach dem Salzbrocken tastet,
er kann ihn nicht mehr finden.

“Koste nun von diesem Wasser, Shvetaketu.
Wie schmeckt es?”

“Es schmeckt salzig!”

“Wahrlich, lieber Sohn.
was in diesem Wasser enthalten ist,
du kannst es nicht mit den Händen greifen,
du kannst es nicht mit deinen Fingern fassen,
und dennoch ist es da.”

Wie das im Wasser verborgene Salz,
so will diese alt-ehrwürdige Erzählung sagen,
befindet sich in unserem Innersten etwas Unsichtbares.

“Jenes Feinste, Shvetaketu, das ist die Seele der ganzen Welt,
das ist das Wahre, das ist das Selbst –
das bist du.”

Aus der Chandogya Upanishad

Es kommt ein Schiff geladen…

Foto: © wak

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein’ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft’ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Gott’s Wort tut uns Fleisch werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muss es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
Ewigs Leben zu erben,
wie an ihm ist geschehn.

 

Das Lied wird Johannes Tauler zugeschrieben, einem Schüler von Meister Eckhart.

Mehr zu dem Lied und seiner Geschichte hier: http://www.liederlexikon.de/lieder/es_kommt_ein_schiff_geladen

Der Hasen und der Löffel drei…

Illustration aus dem u.a. Textdokument aus Paderborn

 

Der Hasen und der Löffel drei,
und doch hat jeder Hase zwei.

Aus Asien und China über Rom soll das Motiv der drei Hasen nach Europa gekommen sein, im spätgotischen Kreuzgang des Doms von Paderborn dann in das „Drei-Hasen-Fenster“. Das Symbol für die Dreieinigkeit Gottes (Vater, Sohn, Heiliger Geist / Trinität) ist ihm wohl erst später zugesprochen worden im Zusammenhang einer christlichen Zahlenmystik. Die ursprüngliche Bedeutung soll unklar sein.

Ausführlicher beschrieben findet sich etwas zur Geschichte hier:

https://www.paderborn.de/freizeit/download/Hasengeschichte.pdf

Im ehemaligen Zisterzienserkloster Haina findet sich das Motiv auf der sogenannten „Hasenglocke“…

In den einfachen Grund, in die stille Wüste

Ich sage in guter Wahrheit, dieses Licht begnügt sich nicht mit dem einfachen stillstehenden göttlichen Wesen, das weder gibt noch nimmt, sondern es will wissen, woher dieses Wesen kommt, es will in den einfachen Grund, in die stille Wüste, wohin nie etwas Unterschiedenes, weder Vater noch Sohn noch heiliger Geist, gedrungen ist; in dem Innigsten, wo niemand heimisch ist, da begnügt es sich in einem Lichte, und da ist es einiger als in sich selbst; denn dieser Grund ist eine einfache Stille, die in sich selbst unbeweglich ist, und von dieser Unbeweglichkeit werden bewegt und da empfangen ihr ganzes Leben alle Dinge, die vernünftig leben und sich in sich selbst versenkt haben.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seiner Predigt „Von der Einheit der Dinge“
In: Meister Eckharts mystische Schriften. Berlin 1903, S. 87-91