Ich sah in beiden Welten Eines

Was soll ich tun, o ihr Muslime? Denn ich kenn‘ mich selber nicht:
Weder Christ noch bin ich Jude, und auch Pars‘  und Muslim nicht:
Nicht von Osten, nicht von Westen, nicht vom Festland, nicht vom Meer,
nicht stamm‘ ich vom Schoß der Erde und nicht aus Himmels Licht.
Nicht aus Staube, nicht aus Wasser, nicht aus Feuer, nicht aus Wind,
nicht vom Throne, nicht von der Gosse und auch aus Seien und Werden nicht.
Nicht vom Diesseits, nicht vom Jenseits, nicht von Eden, nicht von der Hölle
nicht von Adam, nicht von Eva, auch vom Engel stamm‘  ich nicht.
Mein Raum ist raumlos, mein Zeichen die Zeichenlosigkeit,
ist weder Körper noch Seele,  ich bin nur ein Teil von Seinem Licht.
Die Zweiheit habe ich verworfen, ich sah in beiden Welten Eines
Einen such‘  ich, Einen ruf‘ ich, einen kenn‘ ich, Einen nenn‘  ich.
Wenn in meinem Leben nur ein Hauche ohne Dich vergeht,
Ab diesem Tag und dieser Stunde, für dieses Leben schäm‘ ich mich.

Dschelaluddin Rumi / Mevlana (1207-1273)

Mehr dazu hier:

http://www.deutschlandfunk.de/der-persische-mystiker-rumi-in-harmonie-mit-sich-selbst-und.2540.de.html?dram:article_id=333134

Was füllt, das rührt an alle Enden

Bei der Wahrheit, die Gott ist: Hast du es auf irgend etwas denn allein auf Gott abgesehen oder suchst du irgend etwas anderes als Gott, so ist das Werk, das du wirkst, nicht dein noch ist es fürwahr Gottes. Worauf deine Endabsicht in deinem Werke abzielt, das ist das Werk. Was in mir wirkt, das ist mein Vater, und ich bin ihm untertänig. Es ist unmöglich, daß es in der Natur zwei Väter gebe; es muß stets ein Vater sein in der Natur. Wenn die anderen Dinge heraus und „erfüllt« sind, dann geschieht diese Geburt. Was füllt, das rührt an alle Enden, und nirgends gebricht es an ihm; es hat Breite und Länge, Höhe und Tiefe. Hätte es Höhe, aber nicht Breite noch Länge noch Tiefe, so würde es nicht füllen. Sankt Paulus spricht: „Bittet, daß ihr zu begreifen vermöget mit allen Heiligen, welches sei die Breite, die Höhe, die Länge und die Tiefe« (Eph.3,18).

Diese drei Stücke bedeuten dreierlei Erkenntnis. Die eine ist sinnlich: Das Auge sieht gar weithin die Dinge, die außerhalb seiner sind. Die zweite ist vernünftig und ist viel höher. Mit der dritten ist eine edle Kraft der Seele gemeint, die so hoch und so edel ist, dass sie Gott in seinem bloßen, eigenen Sein erfaßt. Diese Kraft hat mit nichts etwas gemein; sie macht aus nichts etwas und alles. Sie weiß nichts vom Gestern noch vom Vorgestern, vom Morgen noch vom Übermorgen, denn in der Ewigkeit gibt es kein Gestern noch Morgen, da gibt es (vielmehr nur) ein gegenwärtiges Nun; was vor tausend Jahren war und was nach tausend Jahren kommen wird, das ist da gegenwärtig und (ebenso) das, was jenseits des Meeres ist.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Das Bild des Himmels

Wenn das Meer
all seine Kräfte anstrengt,
so kann es das Bild des Himmels
gerade nicht spiegeln;
auch nur die mindeste Bewegung
so spiegelt es den Himmel nicht rein;
doch wenn es still wird und tief,
senkt sich das Bild des Himmels
in sein Nichts.

Søren Kierkegaard (1813 – 1855)