In-sich-gehen zum Centrum des Grundes

Titelkupfer

Das In-sich-gehen zum Centrum des Grundes ist Geist, denn es ist der Finder, der da seit Ewigkeit immer findet, wo nichts ist; dieser gehet wiederum aus dem Centro des Grundes aus, und suchet in dem Willen. Jetzt wird der Spiegel des Auges, als des Vaters und Sohnes Weisheit, offenbar. Und steht die Weisheit also vor dem Geist Gottes, der den Ungrund in ihr offenbaret. …

Jakob Böhme 1621 / Von sechs theosophischen Punkten 1,16

Das Titelkupfer fand ich hier: https://www.jacob-boehme.org/index.php/einzelwerke/27-von-sechs-punkten

Im Garten deines Herzens

Fresko mit Katharina von Siena / wikipedia gemeinfrei

Wir waren eingeschlossen,
oh ewiger Vater,
im Garten deines Herzens.
Du hast uns aus deinem heiligen Geist herausgezogen
wie eine Blume
die mit den drei Kräften unserer Seele erblüht,
und in jede Kraft
hast du die ganze Pflanze gesetzt,
damit sie in deinem Garten Früchte tragen,
damit sie zu dir zurückkehren
mit den Früchten, die du ihnen gegeben hast.
Und du würdest zu der Seele zurückkommen,
um sie mit deiner Glückseligkeit zu erfüllen.
Dort verweilt die Seele –
wie der Fisch im Meer
und das Meer in den Fischen.

Katharina von Siena (1347 – 1380)

Sein ohne Sein

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Die göttliche Liebe gebiert in der vernichtigten Seele, in der freien Seele in der erleuchteten Seele ewiges Wesen, empfangendes Genießen, liebevolle Vereinigung. Aus der ewigen Substanz empfängt das Gedächtnis das Vermögen des Vaters. Aus dem empfangenden Genießen hat der Verstand die Weisheit des Sohnes. Aus der liebenden Vereinigung empfängt der Wille die Güte des Heiligen Geistes. Die Güte des Heiligen Geistes vereinigt die Seele in der Liebe des Vaters und des Sohnes. Diese Vereinigung versetzt die Seele in ein Sein ohne Sein, welches das Sein selbst ist. Dieses Sein ist der Heilige Geist selbst, der die Liebe des Vaters und des Sohnes ist.

Die Begine Margarete Porete (1250-1310) in: Der Spiegel der einfachen Seelen. Wege der Frauenmystik. Aus dem Altfranzösischen übertragen und mit einem Nachwort und Anmerkungen von Louise Gnädinger (Zürich–München, 1987), S. 164 -165

Der Unendliche

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Die heilige Unwissenheit hat uns einen Geist gelehrt, der unaussprechlich ist; und zwar weil er durch sein Unendlichsein größer ist als alles, was benannt werden kann. Und weil dies absolut wahr ist, sprechen wir wahrer von ihm durch Abtun und Verneinen. Wie auch der große Dionysius wollte, dass Gott für ihn weder Wahrheit noch Vernunft, noch Licht, noch irgendetwas sei, das man aussagen kann. Ihm folgen Rabbi Salomon (Moses Maimonides) und alle Weisen. Daher ist Gott nach der negativen Theologie weder Vater noch Sohn, noch Heiliger Geist, Nach ihr ist er nur der Unendliche.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464) in „Die wissende Unwissenheit“

Mildes Licht

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Mildes Licht heiliger Herrlichkeit, des unsterblichen, himmlischen Vaters, des heiligen, seligen Jesus Christus, am Untergang der Sonne angelangt, das abendliche Licht betrachtend, besingen wir den Vater, den Sohn und Heiligen Geist als Gott. Würdig bist du, zu aller Zeit besungen zu werden von heiligen Stimmen, Sohn Gottes, Spen-der des Lebens; darum verherrlicht dich das All.

Der Lichthymnus Phos hiloaron, Mildes Licht, stammt vermutlich aus dem 2. Jahrhundert

Jakob Boehme, Tieck und Novalis

Heidelberg, 1904

Ein Gleichniss nimm an dir selber! Deine Seele in dir gibt dir 1. Vernunft, dass du kannst sinnen, das bedeutet Gott den Vater; 2. das Licht, so in deiner Seele scheinet, dass du die Kraft erkennest und dich leitest, bedeutet Gott den Sohn oder Herz, die ewige Kraft. Und 3. das Gemüte, welches ist des Lichtes Kraft und der Ausgang vom Lichte, damit du den Leib regierest, das bedeutet Gott den heiligen Geist.

Edgar Ederheimer zitiert diesen Text von Jakob Böhme in seinem Buch „Jakob Boehme und die Romantiker. Jakob Boehmes Einfluss auf Tieck und Novalis“. Heidelberg 1904, S. 19 – 20

Heilig ist Gott der Vater des Alls…

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Heilig ist Gott, der Vater des Alls.
Heilig ist Gott, dessen Wille durch seine eigenen Kräfte erfüllt wird.
Heilig ist Gott, der erkannt werden will und von den Seinen erkannt wird.
Heilig bist du, der du durch das Wort das Seiende hast entstehen lassen.

Heilig bist du, dessen Abbild die gesamte Natur ist.
Heilig bist du, dem nicht die Natur seine Gestalt gegeben hat.
Heilig bist du, der du jeder Kraft überlegen bist.
Heilig bist du, der du erhabener als alles Erhabene bist.
Heilig bist du, der du alles Lob übersteigst.

Nimm in heiligen Worten dargebrachte Opfer an
von meiner Seele und meinem Herzen, das sich dir zuwendet.
Du Unaussprechlicher, Unsagbarer, in Schweigen Angerufener.

Aus dem Corpus Hermeticum (2. – 3. Jh. u.Z.) / A. Hermes Trismegistos: Poimandres

Unteilbare Einheit

Radzeichen von Bruder Klaus in der Feldkapelle ~ Foto: (c) wak

Den Pilgern erklärt Bruder Klaus sein Buch – das Radzeichen: Aus dem innersten Geheimnis geht Gott aus, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er umfasst und durchdringt die ganze Schöpfung und kehrt wieder zurück in die unteilbare Einheit. Der Dreifaltige Gott wird zum Drei-einen Gott. Das ist ein ausdrucksstarkes Zeichen für Frieden.

In der heutigen Zeit kann man das Rad-Symbol auch so deuten: Die drei Strahlen, die vom äußeren Rand zum Zentrum zeigen, verweisen auf die drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Sie alle führen zu dem einen Gott.

So kann die Wachendorfer Feldkapelle als Friedenskapelle dem interreligiösen Dialog dienen. Sie möge den Menschen ein Ort der Ruhe und des Gebetes sein.

Aus dem Flyer der Feldkapelle. Mehr hier: https://www.feldkapelle.de/

Gnosis nenn‘ ichs

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Urprinzipium aller Dinge, erster Grund des Seins und Leben ist der Geist,

Zweites Wesen, ausgegossen von dem ersten Sohn des Geistes, ist das Chaos,

und das dritte, das von beiden Sein und Bildung hat empfangen, ist die Seele.

Und sie gleicht dem scheuen Wilde,

das gehetzt wird auf der Erde,

Von dem Tod, der seine Kräfte,

Unentwegt an ihr erprobt.

Ist sie heut im Reich des Lichtes,

Morgen ist sie schon im Elend,

Tief versenkt in Schmerz und Thränen,

Der Freude folgt die Thräne,

der Thräne folgt der Richter,

dem Richter folgt der Tod –

Und im Labyrinthe irrend, sucht vergebens sie den Ausweg.

Da sprach Jesus: „Schau, o Vater,

Auf dies heimgesuchte Wesen,

Wie es, fern von deinem Hauche,

Kummervoll auf Erden irret,

Will entfliehn dem bittren Chaos,

Aber weiß nicht, wo der Aufstieg.

Ihm zum Heile sende, Vater,

Mich, dass ich herniedersteige,

Mit den Siegeln in den Händen,

Die Äonen all durchschreite,

Die Mysterien all eröffne,

Götterwesen ihm entschleire,

Und des heilgen Wegs Geheimnis,

Gnosis nenn‘ ichs, ihm verkünde.“

Naassenischer Hymnus oder Naassenischer Psalm /120 – 140 u.Z.

Übersetzer Adolf von Harnack (1851 – 1930)

Sprechen ohne Wort und ohne Laut

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Das Fließen ist in der Gottheit eine Einheit der drei Personen ohne Unterscheidung. In demselben Fluss fließt der Vater in den Sohn, und der Sohn fließt zurück in den Vater und sie beide fließen in den heiligen Geist, und der heilige Geist fließt zurück in sie beide. Darum spricht der Vater seinen Sohn und spricht sich in seinem Sohne allen Kreaturen, alles in diesem Fließen. Wo sich der Vater wieder in sich zurückwendet, da spricht er sich selbst in sich selbst. Auf diese Weise ist der Fluss in sich selbst zurückgeflossen, wie Sankt Dionysius sagt. Darum ist dieser Fluss in der Gottheit ein Sprechen ohne Wort und ohne Laut, ein Hören ohne Ohren, ein Sehen ohne Augen. Darum spricht sich jede Person in der andern ohne Wort in dem Flusse. Darum ist es ein Fluss ohne Fließen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in dem Traktat „Von den Stufen der Seele“. In: Meister Eckharts Mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer. 2. Auflage 1920 (bei dieser Ausgabe hat Martin Buber mitgearbeitet.) S. 97