Vergangenheit und Zukunft

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Vergangenheit und Zukunft
verschleiern Gott vor unseren Augen.
Verbrenne sie beide.

Wie lange lässt du dich noch
wie ein Schilfrohr in Abschnitte teilen?
Solange das Rohr geteilt bleibt,
wird es nicht in Geheimnisse eingeweiht
und antwortet nicht
mit hellen Tönen
auf die Kunst von Lippe und Atem

Rumi (1207 – 1273)

Inkonsequent

Foto: © wak

Frag hundert Katholiken
was das Wichtigste ist
in der Kirche.
Sie werden antworten:
Die Messe.

Frag hundert Katholiken
was das Wichtigste ist
in der Messe.
Sie werden antworten:
Die Wandlung.

Sag hundert Katholiken
dass das Wichtigste in der
in der Kirche die Wandlung ist.
Sie werden empört sein:
Nein, alles soll bleiben,
wie es ist!

Lothar Zenetti (* 1926)

Das Wort aus dem Mund nehmen

Foto: © wak

Es kann sehr wohl während eines Vaterunsers
oder eines andern mündlichen Gebetes geschehen,
dass uns der Herr zu vollkommener Kontemplation erhebt.
So zeigt seine Majestät, dass er den Sprechenden hört
und ihm in seiner Grösse antwortet:
Er hebt ihm die Denkfähigkeit auf,
indem er den Lauf der Gedanken anhält
und ihm, wie man so sagt,
das Wort aus dem Mund nimmt.

Teresa von Ávila (1515 – 1582)

Teilhaben an der Stille

Foto: © wak

Fragt mich jemand, wo er wohl nach der Buddha-Natur suchen solle, so begegne ich ihm mit meiner Buddha-Natur. Fragt mich jemand nach Bodhisattvas, so zeige ich ihm echtes Mitgefühl, die Eigenschaft jedes Bodhisattvas. Fragt mich jemand nach der Erleuchtung, dann antworte ich ihm durch Nicht-Antworten und zeige ihm somit Unaussprechlichkeit. Fragt mich schließlich jemand nach Nirvana, dann lasse ich ihn teilhaben an der Stille, der Funktion des Nirvana.

Rinzai Gigen Zenji alias Lin-chi (um 850)

Die Welt der Beziehung errichten

Martin Buber-Denkmal in Heppenheim | Foto: © wak

Drei sind die Sphären, in denen sich die Welt der Beziehung errichtet.

Die erste: das Leben mit der Natur. Da ist die Beziehung im Dunkel schwingend und untersprachlich. Die Kreaturen regen sich uns gegenüber, aber sie vermögen nicht zu uns zukommen, und unser Du-Sagen zu ihnen haftet an der Schwelle der Sprache.

Die zweite: das Leben mit den Menschen. Da ist die Beziehung offenbar und sprachgestaltig. Wir können das Du geben und empfangen.

Die dritte: das Leben mit den geistigen Wesenheiten. Da ist die Beziehung in Wolke gehüllt, aber sich offenbarend, sprachlos, aber sprachzeugend. Wir vernehmen kein Du und fühlen uns doch angerufen, wir antworten – bildend, denkend, handelnd: wir sprechen mit unserm Wesen das Grundwort, ohne mit unserm Munde Du sagen zu können.

Martin Buber  (1878 – 1965)  in „Ich und Du“

 

Schaffe Schweigen!

Der heutige Zustand der Welt, das ganze Leben ist krank.
Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte, was rätst Du?
Ich würde antworten: Schaffe Schweigen!
Bringe die Menschen zum Schweigen. Gottes Wort kann so nicht gehört werden. Und wenn es unter der Anwendung lärmender Mittel geräuschvoll hinausgerufen wird, dass es selbst im Lärm gehört werde, so ist es nicht mehr Gottes Wort.
Darum schaffe Schweigen.

Søren Kierkegaard (1813 – 1855)

Das Unaussprechliche zeigen

Fragt mich jemand, wo er wohl nach der Buddha-Natur suchen solle,
so begegne ich ihm mit meiner Buddha-Natur.

Fragt mich jemand nach Bodhisattvas,
so zeige ich ihm echtes Mitgefühl,
die Eigenschaft jedes Bodhisattvas.

Fragt mich jemand nach der Erleuchtung,
dann antworte ich ihm durch Nicht-Antworten
und zeige ihm somit Unaussprechlichkeit.

Fragt mich schließlich jemand nach Nirvana,
dann lasse ich ihn teilhaben an der Stille, der Funktion des Nirvana.

Rinzai Gigen Zenji alias Lin-chi (um 850)

Auf dem geistigen Weg

„Sir, werde ich jemals den geistigen Weg aufgeben?“ hat ein Schüler gefragt, den Zweifel plagten.
Der Meister antwortete ihm jedoch: „Wie könntest du? Jeder Mensch auf der Welt befindet sich auf dem geistigen Weg.“

Paramanahansa Yogananda (1893 – 1952)

Zwischen Erde und Himmel

Als guter Chinese glaube ich an den Atem – den Atem inbegriffen, der die Bewegungen der Erde beseelt. Und ich bin dem Atem der Erdbewegungen dafür dankbar, dass er den guten Einfall hatte, die Oberfläche der Erde nicht glatt und platt wie ein Brett zu lassen. Das wäre entsetzlich monoton und langweilig gewesen, entsetzlich ‚platt‘, wie man so treffend sagt. Ich bin ihm also dafür dankbar, dass er das wunderbare Ding ‚Berg‘ hervorgerufen hat – den Berg, der das Leben zur Höhe bringt und auf dem sich der Atem der Erde und der Atem des Himmels besser vermischen können. Aus dem Inneren des Berges entspringt die Quelle, sie fließt hinab, wird breiter und bildet einen Fluss. Berg und Fluss verkörpern dann besser als alles andere die beiden Lebensprinzipien yang und yin. Der Fluss fließt, macht die Ebenen fruchtbar; er symbolisiert auch das Fließen der Zeit, das scheinbar in gerader Linie und ohne Wiederkehr verläuft. Aber nein, die Zeit ist zirkulär und nicht linear: Das Wasser des Flusses verdunstet nach und nach beim Fließen; der Dunst steigt auf, wird zu Wolken und fällt als Regen auf den Berg nieder, um wiederum den Fluss an seiner Quelle zu nähren. Über dem ‚erdnah-nüchternen‘ Fließen in einer Richtung wirkt also eine kreisförmige Bewegung zwischen Erde und Himmel. Der Berg schickt seinen Ruf hinaus zum Meer, das Meer antwortet dem Berg – in diesem Lebensgesetz liegt Schönheit…

Francois Cheng, Fünf Meditationen über die Schönheit, München 2013, S. 52/53