… wie der Klang der Seele

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Im Geist und im Willen zeigt sich die Vernunft wie der Klang der Seele. Sie vollendet Gottes- oder Menschenwerk. Der Klang hebt nämlich das Wort in die Höhe, wie der Wind den Adler aufhebt, um fliegen zu können. Ebenso entsendet auch die Seele im Gehör und Intellekt des Menschen den Ton der Vernunft, so daß seine Kräfte Einsicht erlangen und jedes Werk zur Vollendung geführt wird. Der Leib aber ist das Gezelt und die Hilfe für alle Seelenkräfte.

Hildegard von Bingen (1098 – 1179)

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Das Wort aus dem Mund nehmen

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Es kann sehr wohl während eines Vaterunsers
oder eines andern mündlichen Gebetes geschehen,
dass uns der Herr zu vollkommener Kontemplation erhebt.
So zeigt seine Majestät, dass er den Sprechenden hört
und ihm in seiner Grösse antwortet:
Er hebt ihm die Denkfähigkeit auf,
indem er den Lauf der Gedanken anhält
und ihm, wie man so sagt,
das Wort aus dem Mund nimmt.

Teresa von Ávila (1515 – 1582)

Teilhaben an der Stille

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Fragt mich jemand, wo er wohl nach der Buddha-Natur suchen solle, so begegne ich ihm mit meiner Buddha-Natur. Fragt mich jemand nach Bodhisattvas, so zeige ich ihm echtes Mitgefühl, die Eigenschaft jedes Bodhisattvas. Fragt mich jemand nach der Erleuchtung, dann antworte ich ihm durch Nicht-Antworten und zeige ihm somit Unaussprechlichkeit. Fragt mich schließlich jemand nach Nirvana, dann lasse ich ihn teilhaben an der Stille, der Funktion des Nirvana.

Rinzai Gigen Zenji alias Lin-chi (um 850)

Hier bin ich, Gott vor dir…

Hier bin ich, Gott vor dir,
so wie ich bin —
mit meiner Sehnsucht,
meiner Hoffnung,
meiner Freude,
meinem Ärger,
meiner Müdigkeit.
Hilf mir zu sehen,
was du mir jetzt zeigen möchtest,
zu hören,
was du mir jetzt sagen möchtest,
zu spüren, dass du mit mir gehst,
und bei mir bleibst
so bin ich jetzt vor dir.

Dag Hammerskjöld (1905 – 1961)

Liebe bewegt das Universum

Wir alle sind Natur als Körper,
sind Klarheit als Geist
und sind Liebe als Seele.
Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Liebe bewegt das Universum.
Liebe durchdringt alle Dinge.
Liebe wohnt in unserem Herz.
Liebe nährt uns.
Liebe zeigt sich groß und zeigt sich klein.

Liebe strahlt in jeder ihrer Ausdrucksformen mit gleichem Wert.
Liebe zu unserem Partner, unseren Kindern, die Liebe zu Freunden und weit Entfernten, die Liebe zu den kleinen Dingen des Alltags und die Liebe zur Natur, die Liebe zu Gott und die Liebe der Erde zu uns – all das und noch viel mehr sind die Strahlen der großen Liebe.
Liebe ermöglicht unserem Herz sich zu weiten und alles was uns begegnet, sei es freudig oder schmerzlich mit unserem Herzen zu umschließen.

Pyar Rauch (*1960)

Sieben Empfehlungen von Rumi

Sei wie ein Fluss bei tätiger Freigiebigkeit und Hilfe.
Sei wie die Sonne im Verbreiten von Erbarmen und Güte.
Sei wie die Nacht im Verdecken der Fehler von anderen.
Sei wie ein Toter hinsichtlich Fanatismus und Harschem.
Sei wie der Erdboden in Bescheidenheit und Genügsamkeit.
Sei wie das Meer in Geduldsamkeit.
Zeig dich entweder so, wie du bist oder sei so, wie du dich zeigst.

Dschelaluddin Rumi / Mevlana / Muhammad Dschelaleddin Rumi (1207-1273) zugeschrieben

Landkarten mystischer Wege

Religionen sind Landkarten. Jeder mystische Weg ist ein Weg heraus aus dem engen konfessionellen Religionsverständnis. Das muss nicht einen Abschied von der Konfession bedeuten, wohl aber sprengt und übersteigt die Mystik alles, was Religion verdinglichen und festschreiben will. Religion ist nur eine Landkarte, die den Weg in die mystische Erfahrung zeigen soll. Leider aber lehrt die Religion ihre Anhänger im allgemeinen nur, mit dem Finger auf der Landkarte zu fahren, statt sie auf ihren eigenen Weg durch die Landschaft zu entlassen.

Willigis Jäger (*1925)