Jeden Morgen soll die Schale unseres Lebens hingehalten werden

Foto: © wak

Jeder Tag der erste –
jeder Tag ein Leben.
Jeden Morgen soll die Schale unseres Lebens
hingehalten werden,
um aufzunehmen, zu tragen und zurückzugeben.

Leer hinreichen –
denn was vorher war,
soll sich nur spiegeln
in ihrer Klarheit, ihrer Form und Weite.

Dag Hammerskjöld (1905 – 1961) in: Zeichen am Weg, München 1965, S.80f.

Werbeanzeigen

Warum nicht heute Morgen aufwachen?

 

Foto: © wak

Mein Innerstes,
höre mir zu,
der größte Geist,
der Lehrer ist nah,
wache auf, wache auf!

Renne zu seinen Füßen –
er steht gerade jetzt
ganz nah bei dir.

Millionen von Millionen
von Jahren hast du geschlafen.
Warum nicht
heute Morgen aufwachen?

Kabir (1440-1518)

 

Gefunden habe ich das Zitat in dem Buch von Vincento Kavod Altepost: Grundlegende Gutheit – Innere Freude – Ein beschenktes Leben:

https://mystikaktuell.wordpress.com/2018/01/24/grundlegende-gutheit-innere-freude-buchtipp-v/

Nichts – als die Liebe

I

Die vier Rabbiner
weilten im siebten Himmel.
Was sahen sie dort?

*

Sie sahen: Alles!
Das Antlitz Gottes! Das Rad
Hesekiels! Und dann?

*

Was geschah ihnen
nach ihrer Vision? Wie
lebten sie – weiter?

II

Einer stritt sich nun
mit den Gelehrten – über
seine Vision!

*

Einer vergaß sie.
Ein anderer wurde irr.
Und der vierte? Schrieb!

*

Verse zum Dank für
die Sterne der Nacht schrieb er.
Und Liebes-Verse!

III

Er suchte keinen
Streit! Er vergaß: nichts! Verrückt
wurde er – auch nicht!

*

Er fasste seine
Vision – behutsam – ins Wort:
wieder – und wieder!

*

Vielleicht wurde er
niemals verstanden – doch das
spielt keine Rolle!

IV

Er pries: die Sterne,
pries: die Gnade Gottes, pries:
die Morgenröte!

*

Er pries: die Liebe,
pries: das Licht, das dem Dunkel
tagtäglich – entsprang!

*

Unermüdlich pries
er die Nacht, den Tag, das Licht –
und Gottes Liebe!

V

Im Samtblau der Nacht
und im Gold des Morgens pries
er nichts – als die Liebe!

*

Im Sonnenaufgang
wie im Sonnenuntergang
sah er: die Liebe!

*

In jeder Blüte,
in jedem Licht, jedem Lied
fand er: die Liebe!

VI

Achtsam und dankbar
fasste er diese Liebe
in seine Worte!

*

Sein ganzes Leben
lang beschrieb er: die Liebe –
und nur: die Liebe!

*

Und während das Gold
der Sonne den Wald erfaßt,
denke ich: an ihn!

VII

Kannte ich ihn denn?
Wir alle kennen ihn! Er
lebt: in uns allen!

*

In jedem, der schreibt –
über die Schönheit der Welt –
und über das Licht!

*

In uns allen lebt
der dichtende Rabbiner
weiter – und weiter!

VIII

Er sucht keinen Streit,
er sucht und findet: gar nichts,
nichts – als die Liebe!

*

Er preist: die Liebe –
in jedem Licht, jedem Lied –
nichts – als die Liebe!

*

Er preist: die Sonne,
den Mond, jeden Stern! Er preist
nichts – als die Liebe!

XIV

Ein jedes Gedicht,
das er schreibt, preist: die Liebe,
die ihm innewohnt!

*

Uns allen wohnt sie
inne, diese Liebe – des
vierten Rabbiners!

*

Wir müssen sie nur
entdecken – und besingen:
in jedem Gedicht!

 

Hannah Buchholz

3.11.2018

 

Zuerst veröffentlicht hier: https://hannahbuchholz.wordpress.com/2018/11/03/nichts-als-die-liebe/

Weitere Gedichte von Hannah Buchholz hier: https://hannahbuchholz.wordpress.com/

Gib acht auf diesen Tag…

Foto: © wak

Gib acht auf diesen Tag!
Denn er ist das Leben.
Das wahre Leben des Lebens.
In seiner kurzen Dauer
Ruht alle Wahrheit
Und alle Wirklichkeit deiner Existenz:
Die Seligkeit des Wachseins,
Der Ruhm der Tat,
Die Herrlichkeit der Leistung.

Denn Gestern ist nur ein Traum
Und Morgen nur eine Vision.
Aber heute gut gelebt
Macht jedes Gestern
Zu einem Traum des Glücks
Und jedes Morgen
Zu einer Vision der Hoffnung.

Darum gib acht auf diesen Tag.
Dies sei dein Gruß an jede neue Sonne.

Kalidasa (5. Jahrhundert)

Diese Version des Textes „Achte gut auf diesen Tag…“ fand ich in Henning von der Osten: Über die Welt und über Gott. Zeitgemäße Antworten auf 11 Grundfragen des Lebens. Bielefeld 1993, S. 164

Erkenne den Meister in dir

Foto: © wak

 

Nimm dich selbst in Liebe an
und sei wachsam –
heute, morgen, immer.

Finde zuerst den Weg,
dann belehre andere
und besiege so das Leid.

Bevor du andre geradebiegst,
musst du zuerst etwas viel Schwierigeres vollbringen –
dich selbst geradebiegen.

Du bist dein eigener Herr.
Wer sonst?
Bezwinge dich selbst,
und erkenne den Meister in dir.

Jack Kornfield (*1945)  in: „Die Lehren Buddhas“ nach dem Dhammapada

Was füllt, das rührt an alle Enden

Bei der Wahrheit, die Gott ist: Hast du es auf irgend etwas denn allein auf Gott abgesehen oder suchst du irgend etwas anderes als Gott, so ist das Werk, das du wirkst, nicht dein noch ist es fürwahr Gottes. Worauf deine Endabsicht in deinem Werke abzielt, das ist das Werk. Was in mir wirkt, das ist mein Vater, und ich bin ihm untertänig. Es ist unmöglich, daß es in der Natur zwei Väter gebe; es muß stets ein Vater sein in der Natur. Wenn die anderen Dinge heraus und „erfüllt« sind, dann geschieht diese Geburt. Was füllt, das rührt an alle Enden, und nirgends gebricht es an ihm; es hat Breite und Länge, Höhe und Tiefe. Hätte es Höhe, aber nicht Breite noch Länge noch Tiefe, so würde es nicht füllen. Sankt Paulus spricht: „Bittet, daß ihr zu begreifen vermöget mit allen Heiligen, welches sei die Breite, die Höhe, die Länge und die Tiefe« (Eph.3,18).

Diese drei Stücke bedeuten dreierlei Erkenntnis. Die eine ist sinnlich: Das Auge sieht gar weithin die Dinge, die außerhalb seiner sind. Die zweite ist vernünftig und ist viel höher. Mit der dritten ist eine edle Kraft der Seele gemeint, die so hoch und so edel ist, dass sie Gott in seinem bloßen, eigenen Sein erfaßt. Diese Kraft hat mit nichts etwas gemein; sie macht aus nichts etwas und alles. Sie weiß nichts vom Gestern noch vom Vorgestern, vom Morgen noch vom Übermorgen, denn in der Ewigkeit gibt es kein Gestern noch Morgen, da gibt es (vielmehr nur) ein gegenwärtiges Nun; was vor tausend Jahren war und was nach tausend Jahren kommen wird, das ist da gegenwärtig und (ebenso) das, was jenseits des Meeres ist.

Meister Eckhart (1260 – 1328)