Das Herz ist kein einsamer Ort

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Im Innersten unseres Herzens finden wir uns in einem Bereich, in dem wir nicht nur auf das Innigste mit uns selbst, sondern ebenso mit anderen vereint sind, mit allen anderen. Das Herz ist kein einsamer Ort. Es ist der Bereich, in dem Alleinsein und Beisammensein zusammentreffen. Ist es nicht so, dass unsere ureigenste Erfahrung uns das lehrt? Kann man jemals sagen „Jetzt bin ich wirklich bei mir, obwohl ich anderen entfremdet bin“? Oder: „Ich bin wirklich eins mit anderen, oder auch nur mit einer anderen Peson, die ich liebe, und doch bin ich mir entfremdet“? Undenkbar! Im selben Moment, da wir eins sind mit uns selbst, sind wir mit allen anderen eins. Dann haben wir die Entfremdung überwunden. Und das Herz steht für jenen Kern des Seins, wo lange vor der Entfremdung ursprüngliche Zusammengehörigkeit herrschte.

David Steindl-Rast (*1926) in: Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik. 1968, S. 29

Im heiligen Nicht-Wissen präsent sein

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Das Abhandenkommen jeglicher Planbarkeit und das Nicht-Wissen wie und wann diese Pandemie zu einem Ende kommt, verunsichern uns. Mir hilft es, mich freiwillig in das Nicht-Wissen zu stellen. Die kreisenden, bohrenden Gedanken kommen zur Ruhe und ich finde mich wieder im JETZT. Das Nicht-Wissen – vor allem da, wo man nicht wissen kann! – ist ein heiliger Ort im Geist. Genau hier finden wir zurück zur ursprünglichen Klarheit, und von dort zu einer neuen Sicht.

Pyar (*1960) ~ mehr hier:  https://pyar.de/

Der Wille der Weisheit

 

Wenn ich betrachte, was Gott ist, so sage ich: Er ist das Eine gegenüber der Kreatur, wie ein ewig Nichts; er hat weder Grund, Anfang noch Stätte und besitzet nichts, als nur sich selber: er ist der Wille des Ungrundes, er ist in sich selber nur Eines: er bedarf keines Raums noch Orts: er gebäret von Ewigkeit zu Ewigkeit sich selber in sich. Er ist keinem Dinge gleich oder ähnlich, und hat keinen sonderlichen Ort, da er wohne: die ewige Weisheit oder Verstand ist seine Wohne: er ist der Wille der Weisheit, die Weisheit ist seine Offenbarung.

Jakob Böhme (1575 – 1624) in: Mysterium Magnum

Aller Dinge Grund und Anfang

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Ich bekenne Einen ewigen Gott, der da ist das ewige, unanfängliche, einige, gute Wesen, das da außer aller Natur und Kreatur in sich selber wohnet, und keines Orts noch Raumes bedarf, auch keiner Meßlichkeit, vielweniger einigem Begriff der Natur und Kreatur unterworfen ist. Und bekenne, dass dieser einige Gott dreifältig in Personen sei, in gleicher Allmacht und Kraft, als Vater, Sohn und heiliger Geist. Und bekenne, dass dieses dreieinige Wesen auf einmal zugleich alle Dinge erfülle, und auch aller Dinge Grund und Anfang sei gewesen, und noch sei. Mehr glaube und bekenne ich, dass die ewige Kraft, als das göttliche Hauchen oder Sprechen, sei ausgeflossen und sichtbar worden; in welchem ausgeflossenen Worte der innere Himmel und die sichtbare Welt stehet, samt allem kreatürlichen Wesen, dass Gott habe alle Dinge durch sein Wort gemacht.

Zitat von Jakob Böhme (1575 – 1624) in der „Einführung zu ‚Das Böhme-Lesebuch‘“ von Paul Hankamer

Der vollständige Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Schweigen: Ort der Leere und Erfüllung

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Das Schweigen wird der Mystik ebenso sehr zum Ort der Leere wie der Erfüllung. Die Einübung in das Schweigen ist nicht das bloße Heraustreten aus dem öffentlichen Gespräch, sondern auch ein Leerwerden, ein Freiwerden vom inneren Reden, vom Lärm des Denkens, der das Wort, das uns gegeben ist, nicht hören lässt. In gesteigerter Form kann die, Unsagbarkeit, sogar, jenseits der Grenze des Sagenkönnens, auf eines verweisen, wo sich das Sprechen verbietet: auf eines, das unantastbar ist, das nicht gesagt, vor der Sprache geschützt werden soll.

Emil Angehrn (*1946)

Über den Urgrund des Alls

 

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Der Urgrund des Alls, über alles hinaus, was Schöpfung heißt, kann nicht Stoff sein, nicht Geist, nicht Wesen, nicht Leben, nicht Bewusstsein; nicht Körper, Figur, Form, Bild, Idee, Qualität oder Quantität oder Masse. Er kann nicht an einem Orte mehr sein als an einem anderen, kann also nicht konturenhaft gesehen oder überhaupt durch abgrenzende Sinne oder Gedanken erfasst werden; also kann Er auch weder Sinne erregen noch durch Sinne erregt werden, kann überhaupt nicht gestört werden, entzieht sich jeder Ordnung oder Unordnung und schon gar jedem Verstricktsein in materielle Unterscheidungen. Kein Zufall und keine Beziehung und kein Misslingen kann Ihn je betreffen oder gar Seine Allmacht beschränken, ebenso wenig wie ein Mangel an Licht – und keine Veränderung oder Wandlung oder Entwertung, keine Vernichtung, keine Teilung, keine Entbehrung, kein Abströmen oder was sonst noch dem geschaffenen Bereich der Sinne angehört, hat je bei Ihm Statt.

Dionysius Areopagita (5. Jh.)

 

Direkte Verbindung mit dem Göttlichen

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Es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen Religion und Mystik. Es gibt Religionen ohne Spiritualität, und es gibt Spiritualität ohne Religion. Die kirchlich organisierte Religion kann gar nicht umhin, ihre Mitglieder zu der Überzeugung zu bringen, dass sie regelmäßig zu einem bestimmten Ort kommen und sich mit dem System in Beziehung setzen zu müssen, um das richtige Verhältnis zum Göttlichen zu haben. Für die Mystiker übernehmen die Natur und ihr eigener Körper die Rolle eines Tempels. Ihre Verbindung mit dem Göttlichen ist direkt und braucht keinerlei Vermittlung, besonders nicht von seiten jener, die selbst nicht die Erfahrungen gemacht haben und nichts als ernannte Beamte sind. Was für Mystiker von Nutzen sei kann, ist eine sie unterstützende Gemeinschaft von Mitsuchern und Lehrern, die auf dem Weg schon fortgeschrittener sind als sie.

Stanislav Grof (* 1931) in: Die Bewusstseins-Revolution. o.O. 1999, S. 75 (zusammen mit Ervin Laszlo und Peter Russell)

Du bist der Herzknoten mir

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In meinem Herzen kreisen
alle Gedanken um Dich,
nichts anderes spricht die Zunge
als meine Liebe zu Dir.

Wenn ich nach Osten mich wende,
strahlst Du im Osten mir auf.
Wenn ich nach Westen mich wende,
stehst vor den Augen Du mir.

Wenn ich nach oben mich wende,
bist Du noch höher als dies.
Wenn ich nach unten mich wende,
bist Du das Überall hier.

Du bist, der allem den Ort gibt,
aber Du bist nicht sein Ort.
Du bist in allem das Ganze,
doch nicht vergänglich wie wir.

Du bist mein Herz, mein Gewissen,
bist mein Gedanke, mein Geist,
Du bist der Rhythmus des Atems,
du bist der Herzknoten mir.

Husain ibn Mansur al-Halladsch (857-913)