Klarheit und leuchtenden Glanz empfangen

Gedenktafel im Kloster Helfta | Foto: © wak

Der Fisch kann im Wasser nicht ertrinken,
der Vogel in den Lüften nicht versinken,
das Gold ist im Feuer nie vergangen,
denn es wird dort Klarheit und leuchtenden Glanz empfangen.
Gott hat allen Kreaturen das gegeben,
dass sie ihrer Natur gemäß leben.
Wie könnte ich denn meiner Natur widerstehn?

Mechthild von Magdeburg (ca. 1207/1208 – 1282)

Llewellyn Vaughan-Lee zitiert sie in seinem Artikel „Rückkehr zur Liebe: ein paar einfache Worte für Mystiker*innen und Liebende“ vom Juni 2020 https://goldensufi.org/de/rueckkehr-zur-liebe-ein-paar-einfache-worte-fuer-mystikerinnen-und-liebende/

Nichtwissenheit wissen ist das Höchste

Die Nichtwissenheit wissen
ist das Höchste.
Nicht wissen, was Wissen ist,
ist ein Leiden.
Nur wenn man unter diesem Leiden leidet,
wird man frei von Leiden.
Daß der Berufene nicht leidet,
kommt daher, daß er an diesem Leiden leidet;
darum leidet er nicht.

Laotse (6./7. Jh. v.u.Z.) im Tao Te King, Buch 2: Das Leben, 71

Verloren und wiedergeboren

Foto: © wak

 

Wir gehen immer verloren,
wenn uns das Denken befällt,
und werden wiedergeboren,
wenn wir uns ahnend der Welt

anvertrauen, und treiben
wie die Wolken im hellen Wind,
denn alle Grenzen, die bleiben,
sind ferner als Himmel sind.

Und es will vieles werde,
aber wir greifen es kaum.
Wie lange sind wir auf Erden
Ängstliche noch im Traum.

Fragwürdige noch wie lange,
da alles sich schon besinnt,
da das, was einstens so bange,
schon klarer vorüberrinnt?

Dass uns ein Sanftes geschähe,
wenn uns der Himmel berührt,
wenn seine atmende Nähe
uns ganz zum Hiersein verführt.

Jean Gebser ( 1905 – 1973)

Akzeptieren was ist

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Zu akzeptieren, was ist, ist die Voraussetzung dafür, dass sich etwas ändert. Das Wollen hilft nichts. Wenn wir dagegen erst einmal akzeptiert haben, was ist, stellt sich die Veränderung ein, ohne dass wir sie „wollen“. Das Feuer verzehrt einen nicht mehr, sondern man ist selbst Feuer geworden. Die Kraft kehrt zurück. ~ Also spricht Meister Eckhart.

Heilende Texte. Meister Eckhart. Ausgewählt und kommentiert von Stefan Blankertz. Herausgegeben und eingeleitet von Erhard Doubrawa. 2005, Wuppertal

Es ist in dir…

Der Jünger sprach zum Meister:
Wie mag ich kommen zu dem übersinnlichen Leben, dass ich Gott sehe und höre reden?
Der Meister sprach:
Wenn du dich magst einen Augenblick in das schwingen, da keine Kreatur wohnet, so hörest du, was Gott redet.

Der Jünger sprach:
Ist das nahe oder ferne?
Der Meister sprach:
Es ist in dir, und so du magst eine Stunde schweigen von allem deinem Wollen und Sinnen, so wirst du unaussprechliche Worte Gottes hören…

Jakob Böhme (1621) in: De Vita Mentali oder Vom übersinnlichen Leben

Mehr hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2020/09/30/jacob-boehme-vom-uebersinnlichen-leben-hoerstueck-von-ronald-steckel/

Unseres Daseins bewusst werden

Wir sollten unser Denken dazu benutzen, uns des Undenkbaren bewusst zu werden und uns immer neuen Erfahrungen zu öffnen, so dass wir uns des rätselhaften Charakters der Welt und unseres Daseins bewusst werden. Dann wird alles für uns Bedeutung gewinnen, denn wir werden jedes Ding betrachten, als ob wir es nie zuvor gesehen hätten, und zwar unter jeglichen Verzicht auf alle vorangegangenen Bewusstseinsassoziationen, die wir gewöhnlich mit dem Ausdruck „Wissen“ bezeichnen.

Lama Anagarika Govinda – Schöpferische Meditation und Multidimensionales Bewusstsein, 185 – 189, Aurum-Verlag, Breisgau, 1977

 

Der vollständige Artikel ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 7 | August 2020 | TITELTHEMA: KUNST

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Der leichteste und gerade Weg zur Erlösung…

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Der leichteste und gerade Weg zur Erlösung – ja, man kann sagen: der abschneidende Richtweg – ist das Erfahren des Ergründens mit Fragen. Solch fragendes Ergründen treibt die Denkkraft tiefer und immer tiefer, bis sie ihre Quelle erreicht und in sie taucht und ihrer inne wird. Dann geschieht es, dass du die Antwort von innen erhältst und findest, dass du auf ihr ruhst, die alle eingewurzelten Vorstellungen ein für allemal zerstört.

Ramana Maharshi (1879-1950)

Reden aus dem geformten Wort Gottes

 

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Denn dass der Mensch redet und verstehet, das kommt nicht aus den Sternen und Elementen, sonst könntens andere Creaturen auch: Es kommt dem Menschen aus dem eingeleibten, geformten Worte Gottes her.

Jacob Böhme (1575 – 1624) in: Mysterium Magnum, 36, 85, 1623

Gefunden habe ich diesen Gedanken von Böhme hier: https://www.nootheater.de/menu.html

Ich sag‘ es jedem daß er lebt

 

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Ich sag‘ es jedem, daß er lebt
Und auferstanden ist,
Daß er in unsrer Mitte schwebt
Und ewig bei uns ist.

Ich sag‘ es jedem, jeder sagt
Es seinen Freunden gleich,
Daß bald an allen Orten tagt
Das neue Himmelreich…

Novalis (1772–1802) in: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Band 1, Stuttgart 1960–1977, S. 169-170

 

Sehnsucht nach der Einheit von Diesseits und Jenseits

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Der Mystiker aber liebt diese Welt, liebt den Nächsten, tut alles für ihn, aber schon nicht mehr um Lohn, nicht um Dankbarkeitserweise zu erhalten. Er tut umsonst, er weiß nicht einmal, daß er es tut. Es freut ihn, wenn der andere sich freut, daß er für ihn da ist, ohne es zu wissen. Es bedeutet eine Sanftmut, eine Liebe zur Welt, zu den Menschen, und nicht nur zum „Nächsten“, wie man sagt; jeder Mensch ist „der Nächste“, jedes Tier, jede Pflanze. Es ist die Sehnsucht nach anderen Welten, die Sehnsucht nach der großen Einheit von Diesseits und Jenseits, Erde und Himmel, wo alle Generationen in einem da sind, alle deine Wünsche, deine Gedanken, deine Hoffnungen erfüllt sind. Wenn du dich danach sehnst, kann der Weg beginnen.

Friedrich Weinreb (1910 – 1988)