Kunst ist Wahrnehmungsarbeit

Ein so gereiftes Werk wirkt als Seelennahrung, als Heilmittel. Es wird eine aus zweckfreier Schönheit und kraft­voller Harmonie gebildete Manifestation in der Welt sein, in der sich tiefste Sehnsucht und höchstes Potenzial verbinden.

Der Künstler hat die paradoxe Aufgabe,

das Nichtsagbare zur Sprache zu bringen,

das Unhörbare hörbar zu machen,

das Unsichtbare ins Sichtbare zu heben.

Sein Scheitern ist gewiss,

doch möglicherweise nicht vergeblich.

Kunst, wie ich sie bejahe, ist Wahrnehmungsarbeit.

Sie nährt den (inneren) Menschen, durchleuchtet verworrene Zu­sammenhänge und öffnet jene kostbaren Bereiche, aus denen Lebenssinn und Existenzfreude stammen. Auch wenn diese Durchlichtungsarbeit in der Wüste, in übervölkerten Städten, einsamen Höhlen oder abgelegenen Dörfern schaffend oder betrachtend geschieht, wirkt sie doch unmittelbar gestaltend auf das menschliche Resonanzfeld ein. Die Essenz davon erreicht uns mit unerklärlicher Leichtigkeit – jenseits des Beweisbaren und doch mit absoluter Sicherheit – als leise Hoffnung, frischer Mut und freier, schöpferischer Impuls.

Der vollständige Text von Alfred Bast zu AY kann hier gelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER

CII. Jahrgang, HERBST 2021, Heft 8, August 2021

Thema: ÜBER DAS BILD

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Mehr Informationen zu seiner Arbeit finden sich hier: www.alfred-bast.de

Warum die Zen-Gärten verwelken

Photo by Egor Kamelev on Pexels.com

An einem Tag in der Provinz Mino beobachtete ich eine Zikade, die ihre Haut im den Schatten. Es gelang ihr, ihren Kopf zu befreien, und dann kamen nacheinander ihre Hände und Füße nacheinander heraus. Nur der linke Flügel blieb drinnen, der noch an der alten Haut hing. Es sah nicht so aus, als würde es diesen Flügel jemals den Flügel loszuwerden. Als ich sah, wie es sich abmühte, sich zu befreien, wurde ich von Mitleid bewegt, ihm mit meinem Fingernagel zu helfen. Ausgezeichnet, dachte ich, jetzt bist du frei und kannst deinen Weg fortsetzen. Aber der Flügel, den ich berührt hatte blieb geschlossen und ließ sich nicht öffnen. Diese Zikade konnte nie fliegen wie sie es hätte tun sollen. Als ich sie ansah, schämte ich mich für mich selbst und bereute was ich getan hatte.

Wenn man darüber nachdenkt, handeln heutige Zen-Lehrer auf ähnliche Weise, wenn sie ihre Schüler anleiten. Ich habe gesehen und gehört, wie sie junge Menschen mit außergewöhnlichem  Talent – die dazu bestimmt sind, die Säulen und Pfeiler unserer Schule zu werden – mit ihren äußerst unklugen und unpassenden Methoden zu etwas Halbgarem und Unerreichtem machen. Dies ist eine direkte Ursache für den Niedergang unserer Zen-Schule, der Grund, warum die Zen-Gärten verwelken.

Hakuin Ekaku  (1686 – 1769) in einem Brief an den Laien Kokan

Aus der Tiefe des Herzens

Die Offenheit des Zuhörers
wirkt ansteckend auf den Erzähler,
sodass auch dieser sein Herz öffnen kann,
und ist dies erst einmal geschehen,
so stellt sich auch die Lösung ein.
Diese Lösung kommt dann
aus der Tiefe des Herzens des Betreffenden.

Safi Nidiaye (* 1951) in: Das Tao des Herzens

https://zuhoerer-ruhr.com/

Kontakt: zuhoerer@email.de

Unsere Seele macht beständig Lärm…

Simone Weil ~ Bild: Archiv

Unsere Seele macht beständig Lärm, aber es gibt einen Punkt in ihr, der Schweigen ist und den wir niemals vernehmen. Wenn das Schweigen Gottes Eingang findet in unsere Seele, sie durchdringt und dort sich jenem Schweigen verbindet, das heimlich in uns gegenwärtig ist, dann haben wir hinfort in Gott unseren Schatz und unser Herz; und der Raum öffnet sich uns wie ein Frucht, die sich teilt, denn wir sehen das Universum von einem Punkt, der außerhalb des Raumes gelegen ist.

Simone Weil (1909 – 1943)

Die Mauer des Paradieses in dem Du wohnst

Foto: © wak

 

Ich habe den Ort gefunden,
in dem man Dich unverhüllt
zu finden vermag.
Er ist umgeben
von dem Zusammenfall der Gegensätze.
Dies ist die Mauer des Paradieses,
in dem Du wohnst.
Sein Tor bewacht höchster Verstandesgeist.
Überwindet man ihn nicht,
so öffnet sich nicht der Eingang.
Jenseits der Mauer
des Zusammenfalls der Gegensätze
vermag man Dich zu sehen;
diesseits aber nicht.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464)

Kosmischer Spiegel

Foto: © wak

Wenn du in der Lage bist, dich zu entspannen – dich für eine Wolke öffnen, die du siehst, einen Regentropfen in seiner ganzen Wirklichkeit erfahren –, so kannst du die Unbedingtheit der Wirklichkeit direkt sehen: Sie ist in den Dingen, so wie sie sind, ganz einfach.
Wenn du die Dinge anschauen kannst, ohne zu sagen: “Dies ist für mich, das ist gegen mich”, oder “Hiermit stimme ich überein, damit nicht”, dann erfährst du den Seinszustand des kosmischen Spiegels, die Weisheit des kosmischen Spiegels.
Ob du eine Fliege vorbeisummen oder eine Schneeflocke fallen siehst, ob es Wellen im Wasser sind oder eine scharze Spinne – all das nimmst du einfach wahr, in vollkommener Aufnahmebereitschaft, ohne “Ja” und “Nein”.

Chögyam Trungpa (1940 -1987)

Sich dem Leben öffnen und Kommunikation damit eingehen

Foto: © wak

Vielleicht wird dies einige Leute aus der Fassung bringen, doch ich fürchte, Liebe hat keinesfalls nur mit Erfahrung von Schönheit und romantischem Glück zu tun. Zur Liebe gehört auch Häßlichkeit und Schmerz und Aggression, gemeinsam mit der Schönheit der Welt. Sie ist nicht die Wiedererschaffung eines himmlischen Zustandes. Liebe oder Mitgefühl, der offene Weg, bezieht sich auf das, „was ist“. Damit wir Liebe entwickeln können – universelle Liebe, kosmische Liebe oder wie wir sie sonst bezeichnen wollen -, müssen wir die gesamte Lebenssituation akzeptieren, mit ihren hellen und dunklen, ihren guten und schlechten Seiten. Wir müssen uns dem Leben öffnen und eine Kommunikation damit eingehen.

Chögyam Trungpa (1939 – 1987) in: Spirituellen Materialismus durchschneiden