Überall ist Mittelpunkt und Wende und im Nu die Ewigkeit

Weder Anfang hat die Welt noch Ende,
Nicht im Raum noch in der Zeit;
Überall ist Mittelpunkt und Wende,
Und im Nu die Ewigkeit.

Wie du lebst von einem Nu zum andern,
Ewig eines lebest du;
Laß die Welt vorüber ruhlos wandern,
Und sieh‘ aus der Ruh‘ ihr zu.

Nicht mit unzulänglichen Gedanken
Machst du das Geheimnis klar,
Doch in schwanken Schranken, Wortes Ranken,
Stellt es dir sich bildlich dar.

Friedrich Rückert (1788-1866) in: Gesammelte poetische Werke, Band VII, 1868, S. 468-469

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Geh in deinen Grund

Foto :© wak

Da kommen denn viele Leute und erdenken sich mancherlei Wege,
um zu diesem Ziel zu gelangen:
Die einen wollen ein Jahr lang von Wasser und Brot leben,
die anderen eine Wallfahrt machen,
bald dies, bald das.
Ich nenne dir den einfachsten und kürzesten Weg:
Geh in deinen Grund und prüfe, was dich am meisten hindert,
dich am meisten von der Erreichung des Zieles zurück hält;
darauf richte deinen Blick.
Diesen Stein dann wirf in eines Flusses Grund.

Johannes Tauler (um 1300 – 1361

Geh ein in deinen Grund…

Foto: © wak

 

Da kommen denn viele Leute und erdenken sich mancherlei Wege,
um zu diesem Ziel zu gelangen:
Die einen wollen ein Jahr lang von Wasser und Brot leben,
die anderen eine Wallfahrt machen,
bald dies, bald das.
Ich nenne dir den einfachsten und kürzesten Weg:
Geh in deinen Grund und prüfe, was dich am meisten hindert,
dich am meisten von der Erreichung des Zieles zurück hält;
darauf richte deinen Blick.
Diesen Stein dann wirf in eines Flusses Grund.

Johannes Tauler  (* um 1300 – 1361)

Mehr zu Johannes Tauler am 6. Januar im Kölner Mystikkreis: https://mystikaktuell.wordpress.com/2018/12/03/seine-sprache-ist-wie-ein-bergquell-johannes-tauler-im-mystikkreis-am-6-januar-2019/

Gib acht auf diesen Tag…

Foto: © wak

Gib acht auf diesen Tag!
Denn er ist das Leben.
Das wahre Leben des Lebens.
In seiner kurzen Dauer
Ruht alle Wahrheit
Und alle Wirklichkeit deiner Existenz:
Die Seligkeit des Wachseins,
Der Ruhm der Tat,
Die Herrlichkeit der Leistung.

Denn Gestern ist nur ein Traum
Und Morgen nur eine Vision.
Aber heute gut gelebt
Macht jedes Gestern
Zu einem Traum des Glücks
Und jedes Morgen
Zu einer Vision der Hoffnung.

Darum gib acht auf diesen Tag.
Dies sei dein Gruß an jede neue Sonne.

Kalidasa (5. Jahrhundert)

Diese Version des Textes „Achte gut auf diesen Tag…“ fand ich in Henning von der Osten: Über die Welt und über Gott. Zeitgemäße Antworten auf 11 Grundfragen des Lebens. Bielefeld 1993, S. 164