Religionen sind vergleichbar mit Glasfenstern

Glasfenster in der Abtei Münsterschwarzach / Foto: © wak

Religionen sind vergleichbar mit Glasfenstern. Sie bleiben dunkel, wenn sie nicht von hinten durch das Licht erhellt werden. Dieses Urlicht ist dem Verstand und den Sinnen nicht greifbar. Im Glasfenster aber bekommt es Struktur und wird für jeden Menschen erkennbar. Wir sollten jedoch nie vergessen, dass nicht das Glasfenster das Letzte ist, sondern das Licht, das dahinter leuchtet. Religion hat oft die Tendenz, ihre Anhänger auf die Strukturen des Fensters festzulegen. Nur wenige sagen ganz offen, dass heilige Schriften, Symbole und Riten nur die Finger sind, die auf den Mond zeigen, aber nicht der Mond (die Wahrheit) selbst. Die Einheit der Religionen kann nie in ihren Aussagen, Bildern, Symbolen und Liturgien liegen, sie liegt in der Erfahrung dessen, was Worte, Bilder und Riten kundtun wollen. Darum ist die wahre Einheit nur in der Mystik der Religionen zu finden. Nur wer hinter all den Strukturen die Erste Wirklichkeit erfährt, hat Sinn und Ziel der Religion verwirklicht. Es bleibt daher für die Religionen wichtig, ihre Begriffe, Symbole und Bilder durchsichtig zu halten, damit sie das, was sie offenbaren wollen, nicht verdecken.

Willigis Jäger (1925 – 2020) in: Geh den inneren Weg.Texte der Achtsamkeit und Kontemplation. Herausgegeben und eingeleitet von Willigis Jäger, Freiburg/Br. 1999, S. 10-11

Frieden stiften in kleinen Schritten

Foto: © wak

 

Impuls im Geiste von Bruder Klaus

Text eines in der Feldkapelle ausliegenden Flyers

Bruder Klaus – Worte des Friedens

Aufeinander horchen und Einander gehorchen ist akueller denn je – und dringend erfordert in Familie und Gemeinde, Wirtschaft und Politik, unter Rassen und Völkern, Kulturen und Religionen.

Darum setzen wir uns ein für…

Eine Kultur des Hinhörens,
nicht des Behauptens.

Eine Kultur des Wohlwollens,
nicht des Verurteilens.

Eine Kultur des Vertrauens,
nicht des Misstrauens.

Eine Kultur des Einladens,
nicht des Ausgrenzens.

Eine Kultur des Verstehens,
nicht des Verdrehens.

Eine Kultur des Aufbauens,
nicht des Niederreißens.

Eine Kultur des Annehmens,
nicht des Ablehnens.

Eine Kultur des Verzeihens,
nicht des Nachtragens.

Eine Kultur des Gehorchen,
nicht des Verweigerns.

Eine Kultur der offenen,
nicht der verschlossenen Herzen

Eine Kultur der Liebe,
nicht des Hasses.

Flyer in der Bruder-Klaus-Kapelle, Mechernich

Mehr hier: www.feldkapelle.de

Eugen Drewermann: Hermann Hesse – Der lange Weg zu sich selbst / Buchtipp I /2020

 

Eugen Drewermann

Hermann Hesse: Der lange Weg zu sich selbst.

Zur Sprengkraft eines literarischen Denkers

 Mit einem Vorwort von Volker Michels / Mit einer Einleitung von Karl-Josef Kuschel

Patmos-Verlag Ostfildern, 2019, ISBN: 978-3-8436-1196-1, 160 Seiten,  20 Euro

„Pädagogisch, psychologisch, politisch, moralisch, religiös – in fünf Bereichen mindestens hat Hermann Hesse in den Auseinandersetzungen seines Lebens etwas Exemplarisches durchlitten und erstritten, das unwiderleglich und kostbar ist: das Recht und die Rechtfertigung, ein Individuum zu sein.“ So fasst der Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann zusammen, was für ihn Person und Werk von Hermann Hesse auf dessen „langen Reise zu sich selbst“ ausmacht.

Unter dem Obertitel „Der lange Weg zu sich selbst“ sind in dem Buch vier Texte von Drewermann zu finden, die durchaus unabhängig voneinander gelesen werden können.

„Mein Dank an Hermann Hesse“ ist jener Text überschrieben, mit dem sich Drewermann für die Verleihung des Hermann-Hesse-Preises an ihn bedankt. Drewermann sieht Hesse als einen apolitisch Politischen, der einem „hellsichtigen Humanismus“ verpflichtet ist. Geprägt sieht er Person und Werk durch Eigensinn, Überzeugung und Verweigerung. Anhand von „Klein und Wagner“, vor allem aber mit „Narziß und Goldmund“ verweist Drewermann auf das Problem der Spannung von Selbstsein und innerer Zerspaltenheit. Und mit dem „Steppenwolf“ auf den Weg ins Unerschaffene, in die Menschwerdung. Drewermann ergänzt seine Ausführungen mit eigenen Erfahrungen, die er überschreibt: Das Existieren als Einzelner, innere Freiheit in absoluter Bindung, Religion als Therapie, einfühlendes Zuhören.

„Das Individuelle gegen das Normierte verteidigen“ ist der zweite Text von Drewermann überschrieben. Deutlich verweist Drewermann darauf, dass der Einzelne und seine politische Dimension bei Hesse überall vor allem an den Fragen um Krieg und Frieden erhellt wird. So schreibt Hesse: „Das Brudergefühl, das dadurch genährt wird, dass man zu Tausenden marschiert und Waffen trägt, ist mir sowohl in der militärischen wie revolutionären Form nicht annehmbar.“

„Gedanken über Hermann Hesses ‚Narziß und Goldmund‘“ greift noch einmal Gedanken aus dem „Dank an Hermann Hesse“ auf und vertieft sie aus psycholanalytischer Sicht. Probleme sind für Hesse die verbannte Mutter, die Polarität von Geist und Gefühl, die Spannung von Freiheit und Ausdruck sowie die Sehnsucht nach der Urmutter.

„Hermann Hesse: Die Orientreise – Der lange Weg zu sich selbst“ beschließt Drewermanns Texte; es ist die Nachschrift eines von Drewermann frei gehaltenen Vortrages. Er sieht Hesse bei einer „Pilgerreise“ zu sich selbst nicht als Reiseleiter oder Tourismus-Berater sondern als Begleiter an der Seite von Wandernden, niemals Ruhenden, wie in der „Morgenlandfahrt“ aus verschiedenen Facetten deutlich wird.

Ergänzt werden die Beiträge von Eugen Drewermann durch eine Einleitung des Tübinger Theologen Karl-Josef Kuschel und den Herausgeber der Schriften und Briefe Hermann Hesses, Volker Michels. Kuschel setzt Drewermann in Kontakt zu seinem Gespräch mit Literaturen und Religionen. So seine Beschäftigung mit Dostojewski und mit Hermann Melville. Aber auch zu den Erfahrungen von Hesse und Drewermann mit Tiefenpsychologie und nichtchristlichen Religionen. Volker Michels sieht Drewermann als einen „streitbaren Mutmacher“.

Diesem hier zusammengefassten Blick Drewermanns aus verschiedenen Perspektiven auf den „streitbaren Mutmacher“ Hermann Hesse sind viele Leser zu wünschen.

 © Werner A. Krebber

Das Licht, das dahinter leuchtet…

Foto: © wak

Gott hat viele Namen und Religionen sind mit Glasfenstern vergleichbar, so Willigis Jäger: „Sie bleiben dunkel, wenn sie nicht von hinten durch Licht erhellt werden. Dieses Urlicht ist dem Verstand und den Sinnen nicht greifbar. Im Glasfenster aber bekommt es Struktur und wird für jeden Menschen erkennbar. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass nicht das Glasfenster das Letztendliche ist, sondern das Licht, das dahinter leuchtet.“

Bruno Schnetzer in: Betrachtungen zum Radbild des Bruder Klaus

Tanz: Brücke zwischen Himmel und Erde

Foto: © wak

Die Magie des heiligen oder sakralen Tanzes baut eine Brücke zwischen Himmel und Erde. Wenn man sie sich in einem Flammenkreis vorstellt, versinnbildlicht sie das Dasein, das, wenn aufgehoben, im Leben mündet.
So führt zum Beispiel der Tanz der Derwische in kreisartiger Bewegung von der Peripherie zum Zentrum, also zum Wesen des spirituellen Daseins, in einem Wort: zur Brücke.
Der Tanz überträgt auf seine Weise die geheimnisvollen Werte der Religionen, weshalb man behauptete, er sei göttlichen Ursprungs. Er ist die Sprache des Unbewussten und drückt Werte aus die sich im tiefsten Grunde des Wesens verbergen.
Durch den Tanz offenbart sich die Poesie des Rhythmus, denn die Poesie ist eine Gabe des Lebens. Kriegerisch, kraftvoll, erotisch, mystisch versucht der Tanz auszudrücken, dass Energien auf allen Ebenen des Universums schwingen. Er übermittelt eine Boschaft, die erhebt, weil sie Botschaft der Harmonie ist.

Frédéric Lionel (1908 – 1999)

 

Wir gehören alle Gott an

Hazrat Inayat Khan – Foto wikimedia / gemeinfrei

Jegliche Disharmonie in der Welt, die durch religiöse Unterschiede hervorgerufen wird, ist ein Resultat des menschlichen Unvermögens, zu verstehen, dass in Wirklichkeit alle Religionen eins, die Wahrheit eins, Gott eins sind. Jenseits der engen Grenzen von Rasse und Religionszugehörigkeit können wir alle in Eintracht leben, denn wir gehören alle Gott an.“

Hazrat Inayat Khan (1882 – 1927), der den Sufismus als „Religion des Herzens“ bezeichnet hat.

Das Zitat fand ich in dem Beitrag „Spiritualität und Isalam: Sufismus für alle“ von Tanja Mancinelli, der in dem Tagungsband „Spiritualität der Zukunft“ erschienen ist. Dazu später mehr.

Erlösung durch das Liebesfeuer der Erkenntnis

Foto: © wak

Alle echten Religionen in ihrem Reinheitszustande, alle wirklich Wissenden meinten geistige Erkenntnis. Taoismus meinte Erkenntnis durch selbstlos unbeschwerte Übereinstimmung mit dem Ganzen. Buddhismus meinte Erkenntnis durch Erbarmen und Loslösung. Christentum meinte Erkenntis durch das dank der Liebe in der Seele erwachte Himmelreich. Die Apolloniker Sokrates und Platon meinten Erkenntnis durch Schönheit und Güte. Die Kabbalisten und Chassidim meinten Erkenntnis durch Betrachtung und anbetende Bewunderung der Hypostasen oder Eigenschaften Gottes. Bo Yin Ra lehrte liebende Erkenntis durch richtige Vorstellungen, Selbstvertrauen und entsprechende Lebensführung. So machte er dem Erdenmenschen den eigenen Lebensgrund erfahrbar, als Religion an sich. Alle meinen das gleiche: Erlösung durch das Liebesfeuer der Erkenntnis.

Rudolf Schott in seinem Vortrag Symbolform und Wirklichkeit in den Bildern des Malers Bo yin Ra, gehalten am 6. Juli 1957 in Darmstadt

Landkarten mystischer Wege

Religionen sind Landkarten. Jeder mystische Weg ist ein Weg heraus aus dem engen konfessionellen Religionsverständnis. Das muss nicht einen Abschied von der Konfession bedeuten, wohl aber sprengt und übersteigt die Mystik alles, was Religion verdinglichen und festschreiben will. Religion ist nur eine Landkarte, die den Weg in die mystische Erfahrung zeigen soll. Leider aber lehrt die Religion ihre Anhänger im allgemeinen nur, mit dem Finger auf der Landkarte zu fahren, statt sie auf ihren eigenen Weg durch die Landschaft zu entlassen.

Willigis Jäger (*1925)

 

Den Nektar der Unsterblichkeit gewinnen

Der Streit unter den Religionen
gleicht einem Zank zwischen Schalen,
von denen jede ganz allein
den Nektar der Unsterblichkeit
enthalten will;

lass sie sich streiten;
wir wollen
den Nektar
und die Unsterblichkeit
gewinnen,
gleichgültig aus welcher Schale.

Sri Aurobindo (1872 – 1950)