Wahrheit ist tot ohne den Weg zur Wahrheit

Photo by RODNAE Productions on Pexels.com

Wahrheiten, einst tief und machtvoll, von den größten Genies durch tiefes Leiden und unsägliches Mühen entdeckt, werden seicht und oberflächlich, sobald sie in die Diskussion des Alltags hineingezogen werden. Wie kommt es zu dieser Tragik? Sie ist unvermeidlich, weil es keine Tiefe geben kann ohne den Weg, der zur Tiefe führt. Wahrheit ist tot ohne den Weg zur Wahrheit; ohne ihn führt sie nur zur Oberfläche der Dinge.

Paul Tillich (1886 – 1965) in: Religiöse Reden. Berlin / New York 1987, S. 53

Geheimnisvoll schweigendes Verstehen

Alles Denken muss zum Irrtum führen.
Es gibt nur die eine Wirklichkeit,
die nicht zu erfahren
und nicht zu erlangen ist.
Es gibt eben nur ein
geheimnisvoll schweigendes Verstehen
und nichts anderes.

Huang Po / Huangbo Xiyun ( + 850)

Alkohol und mystisches Bewusstsein

Foto: (c) wak

Die Herrschaft des Alkohols über die Menschen liegt zweifellos in seiner Macht, die mystischen Fähigkeiten der menschlichen Natur anzuregen, die gewöhnlich durch die kalte Wirklichkeit und die unerbittliche Kritik der nüchternen Stunden erstickt werden. Die Nüchternheit verengt, trennt, verneint. Trunkenheit weitet, eint, bejaht. Sie bildet in der Tat einen mächtigen Antrieb zur Bejahung im Menschen. Sie führt von der kalten Außenseite in das Herz der Dinge hinein; sie eint für den Augenblick mit der Wahrheit. Nicht aus reiner Verderbtheit gehen die Menschen ihr nach. Den Armen und Ungebildeten ersetzt sie Symphonie-Konzerte und literarische Genüsse. Das trunkene Bewusstsein ist also nur eine bestimmte — freilich pathologisch bedingte — Teilerscheinung des mystischen Bewusstseins.

William James (1842 – 1910) in: Die Religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit. Leipzig 1907, S. 362-363

Mehr zu Alkohol und Spiritualität hier: https://alkoholundspirit.wordpress.com/

Die Lesung führt quasi die feste Speise zum Mund…

Die „Himmelstreppe“ von Hermann Prigann + | Foto: © wak

 

Die Lesung führt quasi die feste Speise zum Mund;
die Meditation kaut und zerkleinert sie;
das Gebet gewinnt den Geschmack;
die Kontemplation ist die Wonne selbst, die erfreut und belebt.

Guigo II. / Guigo der Kartäuser († 1193) in der „Scala claustralium“ (vermutlich vor 1150)

Ausgehend von dem Vers: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Mt 7,7 EU) erläutert Guigo die vier Stufen des Gebets, die er als „Leiter zu Gott“ versteht.

Im Heiligtum in der Tiefe deines Herzens

Foto: © wak

 

Brich auf! Du bist für den Weg geboren.
Brich auf! Du hast ein Treffen einzuhalten.
Wo? Mit wem? Vielleicht mit dir selbst.
Brich auf! Deine Schritte werden deine Worte sein,
der Weg dein Lied, die Müdigkeit deine Gebete.
Und am Ende wird deine Stille zu dir sprechen.
Brich auf! Alleine oder mit anderen.
Aber komm heraus aus dir selbst!
Du wirst Begleiter finden, Schwestern und Brüder.
Brich auf! Dein Kopf weiß nicht, wohin deine Füße dein Herz führen.
Brich auf! Jemand ist unterwegs, dich zu treffen,
sucht dich im Heiligtum am Ende des Weges,
im Heiligtum in der Tiefe deines Herzens.
Er ist dein Friede. Er ist deine Freude.
Geh! Gott ist schon mit dir unterwegs.

Anonym / Santuari de Santa Maria de Lluc auf Mallorca

O mein gott vnd mein herr…

Detail aus der Bruder Klaus-Kapelle in Mechernich/Eifel ~ Foto: © wak

O mein gott vnd mein herr,
nym mich mir,
vnd gib mich gantz zw aygen dir.

O mein gott vnd mein herr,
nym von mir alles
das mich hindert gegen dir.

O mein gott vnd mein herr,
gib mir alles,
das mich fürdert zw dir.  Amen.

 

Gebet des Bruder Klaus (1417 – 1487). Diese Version des Textes stammt aus einem Prager Manuskript des 15./16. Jahrhundert. Gefunden habe ich sie hier: http://www.con-spiration.de/german/klaus.html

Pfeiler der Hoffnung

Foto: © wak

Wenn die innere und äußere Welt zusammentreffen und mit der Sicherheit der Liebe zusammengehalten werden können, dann wird diese jetzige Phase des Übergangs zu einem Aufblühen der Weltseele führen. Im Zentrum dieser Welt müssen Seine Liebenden als Pfeiler der Hoffnung stehen, denn sie kennen die Bedeutung der Vereinigung. Ihre Hoffnung wird die Furcht des Kollektivs ausgleichen, das sich so sehr mit der äußeren Welt identifiziert hat, dass der Gedanke der Vereinigung mit der inneren Welt den Schrecken des Unbekannten zusammen mit der Dunkelheit des Schattens hervorruft. Furcht lässt uns Schutz im Ego suchen, während Hoffnung uns für die Seele öffnet. Furcht betont die Polarisierung, Hoffnung fügt uns zusammen. Hoffnung gibt der Zukunft Raum zur Entfaltung.

Llewellyn Vaughan-Lee (* 1953)in: Der Liebesbund. Psychologische und spirituelle Aspekte des mystischen Weges. Interlaken 1993, S. 57

Engagement im alltäglichen Leben

Interreligiös im Kloster Maulbronn / Foto: © wak

 

Die größten Religionen sind tatsächlich alle ganz einfach. Sie bleiben ohne Zweifel alle sehr wesentlich verschieden voneinander, aber in ihrer inneren Realität sind Christentum, Buddhismus, Islam und Judentum äußerst einfach… und sie führen alle schließlich zu dem einfachsten und überraschendsten Endpunkt der unmittelbaren Konfronation mit dem Absoluten Sein, der Absoluten Liebe, der Absoluten Barmherzigkeit oder der Absoluten Leere durch ein unmittelbares und hellwaches Engagement im alltäglichen Leben.

Thomas Merton (1915 – 1968)

Das Radzeichen des Bruder Klaus

Das Rad-Symbol von Bruder Klaus / Foto: © wak

Aus dem innersten Geheimnis geht Gott aus, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er umfasst und durchdringt die ganze Schöpfung und kehrt wieder zurück in die unteilbare Einheit. Der Dreifaltige Gott wird zum Drei-einen Gott. Das ist ein ausdrucksstarkes Zeichen für Frieden.

In der heutigen Zeit kann man das Rad-Symbol auch so deuten: Die drei Strahlen, die vom äußeren Rand zum Zentrum zeigen, verweisen auf die drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Sie alle führen zu dem einen Gott.

So kann die Wachenheimer Feldkapelle als Friedenskapelle dem interreligiösen Dialog dienen. Sie möge den Menschen ein Ort der Ruhe und des Gebetes sein.

Erläuterung zum Rad-Symbol in der Feldkapelle