In allem will Gott Begegnung feiern

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Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen
und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir immer gesucht haben.

Alfred Delp (1907 – 1945) hat diese Zeilen am 17. November 1944 mit gefesselten Händen in seiner Zelle im Gefängnis Berlin-Tegel geschrieben. Gefunden habe ich den Text hier: http://www.sankt-peter-koeln.de/wp/veranstaltungen/elemente-ignatianischer-spiritualitat/

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Frage und Antwort

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Nur weil Gott auch im Menschen ist, kann der Mensch nach Gott fragen und kann Gottes Antwort vom Menschen vernommen weden. Die Begriffe innen und außen verlieren ihren Gegensatz in der Beziehung von Gott und Mensch.

Paul Tillich (1886 – 1965)

Ich weiß es nicht

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Einmal kamen Altväter zum Altvater Antonios, und unter ihnen war auch der Altvater Joseph. Antonios wollte sie prüfen, legte ihnen ein Wort der Schrift vor und begann sie, von den Jüngeren angefangen, zu fragen, was das Wort bedeute. Jeder gab Antwort, je nach seinem Vermögen. Der Greis sagte zu jedem: „Du hast es noch nicht gefunden.“ Zuletzt von allen sprach er zum Altvater Joseph: „Was sagst denn du, dass dieser Spruch bedeute?“ Seine Antwort war: „Ich weiß es nicht.“ Da sprach der Altvater Antonios: „Wahrhaftig, Altvater Joseph hat den Weg gefunden, indem er sagte: ‚Ich weiß es nicht.’“

Gefunden habe ich diesen Text hier: http://www.kontemplation.at/cms/?id=128

… dies ist die Antwort

Wir fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.

Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) in: Tractatus Logico-Philosophicus, 1922, 6.52

Ständiger Hypnose unterworfen

Die Welt ist etwas ganz anderes, als unsere Wahrnehmung uns vormacht. Unser Tagesbewusstsein zeigt uns keine objektive Welt. In Wirklichkeit gibt es keine Farben, Töne, Gerüche, keine Temperatur und keinen Geschmack. Wir sind einer ständigen Hypnose unterworfen. Der Osten nennt die Welt des Tagesbewusstseins „Maya“ – Trugbild. Warum sind wir so weit von unserem wahren Wesen getrennt? Warum halten wir ein Seil in der Dunkelheit für eine Schlange? Darauf gibt es keine befriedigende intellektuelle Antwort.

Willigis Jäger (*1925)

Antwort

der Mandelbaum blühte
im Winter

als Franz von Assisi
ihn berührte.

Vielleicht
berührte er ihn

mit seiner Frage,
mit seiner Bitte

zu ihm zu sprechen
von Gott.

Tief genug
hatten sie einander

berührt,
einander verstanden,

und so standen sie
beide

in voller Blüte,
mitten

im Winter:

der Heilige
und der Baum

 

(Hannah Buchholz 2009 / 2014)

Erschienen in:

hb_schlaflos

Hannah Buchholz: Schlaflos. Gedichte. München 2014, S. 151

http://linden.kutv.de/Lyrik-Kunst-und-Text/Buchholz-Hannah-Schlaflos::2.html

Von Spiegeln, Zazen und Buddha werden

 

ziegel_poliert

 

Von Meister Nangaku wird erzählt, dass er seinen Schüler Baso besuchte, der später selbst ein großer Zen-Meister werden sollte.
Nangaku fragte seinen Schüler, was er gerade mache, und dieser antwortete:
„In diesen Tagen mache ich Zazen und nichts anderes.“
Darauf fragte der Meister seinen Schüler Baso: „Was ist das Ziel in Zazen zu sitzen?“
Der Schüler antwortete: „Das Ziel des Sitzens in Zazen ist Buddha zu werden.“
Darauf nahm Nangaku einen Ziegel und schliff und rieb und polierte ihn an einem Felsen. Als Baso dies sah, fragte er verwundert, was der Meister tue. Und Nangaku antwortete:
„Ich poliere einen Ziegel.“
Der Schüler benutzte darauf eine gleich klingende Formulierung wie es vorher sein Meister getan hatte und sagte diesen:
„Was ist der Nutzen, einen Ziegel zu polieren?“
Nangaku antwortete: „Ich poliere ihn zu einem Spiegel.“
Erstaunt fragte der Schüler: „Wie kann das Polieren eines Ziegels ihn zu einem Spiegel machen?“
Der Meister antwortete mit einer Gegenfrage: „Wie kann das Sitzen im Zazen dich zu einem Buddha machen?“

Eine Zengeschichte