Sich der tieferen Dimension öffnen

Es dürfte heute kaum noch ein Zweifel mehr darüber bestehen, dass der Übungspraxis des Zen ein Prinzip menschlichen Werdens zugrunde liegt, über dessen Richtigkeit sich nicht mehr streiten lässt: Dass es dem Menschen gegeben und aufgegeben ist, sich auf Grund bestimmter Erlebnisse, Einsichten und Übungen von der Herrschaft des ihn vom Sein trennenden, statischen Ichbewusstseins zu befreien, sich einer tieferen Dimension der Wirklichkeit zu öffnen und auf sie hin transparent zu werden.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988)

Ganz zum Hiersein verführt

Wir gehen immer verloren,
wenn uns das Denken befällt,
und werden wiedergeboren,
wenn wir uns ahnend der Welt

anvertrauen, und treiben
wie die Wolken im hellen Wind,
denn alle Grenzen, die bleiben,
sind ferner als Himmel sind.

Und es will vieles werde,
aber wir greifen es kaum.
Wie lange sind wir auf Erden
Ängstliche noch im Traum.

Fragwürdige noch wie lange,
da alles sich schon besinnt,
da das, was einstens so bange,
schon klarer vorüberrinnt?

Dass uns ein Sanftes geschähe,
wenn uns der Himmel berührt,
wenn seine atmende Nähe
uns ganz zum Hiersein verführt.

Jean Gebser (1905 – 1973)

Der Tropfen und das Weltmeer

Der Tropfen hat ob seiner Trennung vom Weltmeer geklagt,
Drauf hat lächelnd das Weltmeer zum Tropfen gesagt:
Wir sind Eins in der Gottheit, in Wahrheit untrennbar,
Was zu trennen uns scheint, ist ein Punkt kaum erkennbar.

Omar Chayyam (1048 – 1131)