Obgleich’s bei Nacht ist

Im Lied vom Urquell singt die Seele wieder von etwas, was sie selbst im Innersten bewegt, wie in der „Dunklen Nacht“ und in der „Liebesflamme“. Aber was sie bewegt, ist nicht wie dort ihr eigenes Geschick, sondern das innerste Leben der Gottheit, wie es ihr der Glaube offenbart: der ewige flutende Quell, dem alle Wesen entstammen, der ihnen allen Licht und Leben spendet; der aus sich seinen ihm gleichen Strom gebiert und mit dem zweiten gemeinsam einen dritten von gleicher Fülle hervorbringt. Das Lied, das von diesen Wahrheiten singt, ist durchaus keine „Gedankendichtung“. Es „singt“ wirklich, in reinsten musikalischen Klängen. Die Glaubenslehre ist darin fließendes Leben geworden: das ewige Meer wogt in ruhigem Wellenschlag in der Seele und singt sein Lied darin. Und jedesmal, wenn es an das Ufer schlägt, gibt es einen dunklen Widerhall: „Aunque es de noche“ („Obgleich’s bei Nacht ist“). Die Seele ist begrenzt – sie kann das unendliche Meer nicht fassen. Ihr Geistesauge ist dem himmlischen Licht nicht angepaßt – es erscheint ihr als Dunkel. Und so lebt sie mitten in der Vereinigung mit dem Dreieinigen, selbst im Genuß des Lebensbrotes, worin Er sich ihr mitteilt, ein Leben der Sehnsucht: „Porque es de noche“ („weil es bei Nacht ist“). Das Wesen der dunklen Beschauung ist in diesen Versen ausgesprochen.

Edith Stein / Sr. Teresia Benedicta a Cruce (1891 – 1942) in: Kreuzeswissenschaft – Studie über Johannes vom Kreuz

Und Kamadeva lachte…

Am Anfang griff Kamadeva nach einem unentwickelten Kosmos und formte das das Vorstellbare aus dem Unvorstellbaren. Die Weisen, die mit Weisheit in ihre Herzen blickten, sahen die alles durchdringende Kraft als allmächtigen Gott Gestalt annehmen – Kamadeva.

Sie verneigten sich vor der Gottheit, sangen Lobeshymnen und brachten feierliche Opfer dar. Aber Kamadeva lehnte ihre Opfergaben und Lieder ab und lachte. Als er sie so mit schallendem Gelächter verhöhnte, waren sie verwirrt und fragten nach dem Grund dafür.

Kamadeva schmiedete sein Lachen in Worte:

„Wenn ein Mensch, der fromm ist, Verdienst durch heilige Handlungen sucht, lache ich über ihn.

Wenn ein Mensch, der intelligent ist, durch Wissen Verständnis sucht, lache ich ihn aus.

Wenn ein Mensch, der rechtschaffen ist, Ehre durch tugendhafte Taten sucht, so lache ich ihn aus.

Wenn ein Mensch, ob weise oder töricht, tugendhaft oder verdorben, Befriedigung in der Liebe sucht, lache ich auch über ihn.

Wenn er sich einbildet, mein Verbündeter zu sein, lache ich besonders über ihn.“

„Aber warum?“, fragten die Weisen.

Und Kamadeva lachte über ihre Frage.

Aus dem Hasyalapa Brahmana

Aus dem Wesen der Gottheit gemacht

https://absolutmedien.de/film/582

Es ist aber der Geist des Menschen nicht allein aus den Sternen und Elementen herkommen, sondern es ist auch ein Funke aus dem Licht und Kraft Gottes darinnen verborgen. Es ist nicht ein leer Wort, das in Genesis (1,21) stehet, Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, ja zum Bilde Gottes schuf er ihn; denn es hat eben den Verstand, daß er aus dem ganzen Wesen der Gottheit ist gemacht worden.

Jacob Böhme (1575 – 1624) Morgenröte im Aufgang, Vorrede 96

Texte aus der Langen Nacht über Jacob Böhme von Ronald Steckel sind hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Das Buch des Wesens aller Wesen

Foto: (c) wak

Also habe ich nun geschrieben, nicht von Menschen-Lehre oder Wissenschaft aus Bücher-Lernen, sondern aus meinem eigenen Buche, das in mir eröffnet ward. Denn das Buch der edlen Bildnis – das Ebenbild Gottes – ward mir vergönnet zu lesen. Mein Buch hat nur drei Blätter. Das sind die drei Principia der Ewigkeit. Darinnen kann ich alles finden. Ich kann der Welt Grund und alle Heimlichkeit darinnen finden. Ich bedarf kein ander Buch dazu. Dann das Buch, da alle Heimlichkeit innen lieget, ist der Mensch selber: Er ist selber das Buch des Wesens aller Wesen, dieweilen er die Gleichnis der Gottheit ist; das grosse Arcanum lieget in ihme, allein das Offenbaren gehöret dem Geiste Gottes. Gott hat meine Seele in eine wunderliche Schule geführet, und ich kann mir in Wahrheit nichts zumessen, dass meine Ichheit etwas wäre oder verstünde. Denn das Werk meiner Arbeit ist nicht mein, ich habe es nur nach dem Maß, als mir es vom Herrn vergönnet wird. Ich bin nur sein Werkzeug, mit dem Er tut, was Er will.“

Jacob Böhme (1575 – 1624) in:, „Theosophische Sendbriefe“, Kap. 12 u. 20

Texte aus der Langen Nacht über Jacob Böhme von Ronald Steckel sind hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

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Sprechen ohne Wort und ohne Laut

Foto: (c) wak

Das Fließen ist in der Gottheit eine Einheit der drei Personen ohne Unterscheidung. In demselben Fluss fließt der Vater in den Sohn, und der Sohn fließt zurück in den Vater und sie beide fließen in den heiligen Geist, und der heilige Geist fließt zurück in sie beide. Darum spricht der Vater seinen Sohn und spricht sich in seinem Sohne allen Kreaturen, alles in diesem Fließen. Wo sich der Vater wieder in sich zurückwendet, da spricht er sich selbst in sich selbst. Auf diese Weise ist der Fluss in sich selbst zurückgeflossen, wie Sankt Dionysius sagt. Darum ist dieser Fluss in der Gottheit ein Sprechen ohne Wort und ohne Laut, ein Hören ohne Ohren, ein Sehen ohne Augen. Darum spricht sich jede Person in der andern ohne Wort in dem Flusse. Darum ist es ein Fluss ohne Fließen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in dem Traktat „Von den Stufen der Seele“. In: Meister Eckharts Mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer. 2. Auflage 1920 (bei dieser Ausgabe hat Martin Buber mitgearbeitet.) S. 97

Jüdische Mystik: Gerschom Scholems Erforschung der Kabbala

Abbildung aus dem Buch „Portae Lucis“ – Die Pforten des Lichts / Archiv

 

Gershom Scholem: Die Erforschung der Kabbala

Originaltonaufnahmen 1967
Herausgegeben von Thomas Knoefel und Klaus Sander

Produktion: supposé 2006

2-CD-Set, 110 Minuten
Booklet, 8 Seiten, mit einem biografischen Essay von Andreas Kilcher
ISBN-10: 3-932513-66-5
ISBN-13: 978-3-932513-66-4
EUR 24,80

Ein Jude, geboren 1897, mit einem Lebenslauf, quer durch die Katastrophen des Jahrhunderts, den es durch die Welt, von Berlin nach Jerusalem getrieben hat: Gershom Scholem – Historiker und Philosoph. Früh widersetzt er sich allen Formen der Assimilation, lernt Hebräisch, wendet sich dem Zionismus zu. Und vor allem: Er dringt vor ins Innerste, ins Herz der jüdischen Mystik, macht die Kabbala zum lebenslangen Objekt seiner Forschung. Scholem holt die Kabbala, diese, wie ein Fremdkörper, in der jüdischen Geschichte ruhende Überlieferung, aus der Vergessenheit ans Licht der Philologie. In ihr begegnet Scholem einer jüdischen Theosophie: den Mysterien der Gottheit und seiner Schöpfung. Er sucht ihre philosophische Dimension für die Moderne fruchtbar zu machen, indem er die Verluste offenbart, die mit einer verlorenen, vergessenen Tradition so schmerzlich groß werden können.

In diesen Tonaufnahmen, in denen Scholem die Geschichte seines Lebens, aber auch die des Judentums erzählt, sind die Unruhen, die Brüche, die Ausschreitungen, einer dunklen Zeit immer gegenwärtig – in einem Atemzug mit den Kräften des Zusammenhalts, der Erneuerung und des Glaubens, die Scholem aus der Tradition heraus ins Bewusstsein hebt: freilegt, pflegt und wachsen lässt. Eine Stimme, wie sie eindringlicher, zärtlicher, beschwörender nicht sein könnte!

CD 1

1 Kindheit in Berlin
2 Brotlose Künste
3 Erste Kabbala-Studien
4 Philosophische Interessen
5 Die Blindheit der Juden
6 Jerusalem
7 Die zionistische Bewegung
8 Hebräische Universität
9 In die Tiefe der Sache selbst
10 Geburtswehen
11 Nachkriegsdeutschland
12 Die rabbinischen Fabeln
13 Die jüdische Mystik

https://archive.org/details/Scholem/Scholem1.mp3#

CD 2

1 Die Tradition des Judentums
2 Abtrünnige Geister: Marx, Freud, Bergson
3 Heilige der Chassidim
4 Mythische, häretische und unbürgerliche Aspekte
5 Verschüttete Überlieferung
6 Mystik oder historisches Bewußtsein
7 Die Welt der Kabbala
8 Werkzeuge der Erkenntnis
9 Die jüdische Zukunft
10 Ein lebendiger Organismus
11 Die siebzig Gesichter der Offenbarung
12 Augen, um zu sehen
13 Mut und etwas Demut

https://archive.org/details/Scholem/Scholem2.mp3#

Mehr hier: https://archive.org/details/Scholem

Kein Unterschied

Foto: © wak

 

Zwischen dem gestaltlosen Urprinzip,
der überpersönlichen Gottheit
und dem persönlichen Gott
ist kein Unterschied.

Denkt man sich das allerhöchste Wesen untätig,
dann wird es die Gottheit oder das Absolute genannt.
Das gleiche Wesen tätig
– erschaffend, erhaltend und zerstörend –
ist Gott als persönliches Wesen.

Ramakrishna (1836 – 1886)