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Keine Möglichkeit zu wissen

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Ganz zum Hiersein verführt

Wir gehen immer verloren,
wenn uns das Denken befällt,
und werden wiedergeboren,
wenn wir uns ahnend der Welt

anvertrauen, und treiben
wie die Wolken im hellen Wind,
denn alle Grenzen, die bleiben,
sind ferner als Himmel sind.

Und es will vieles werde,
aber wir greifen es kaum.
Wie lange sind wir auf Erden
Ängstliche noch im Traum.

Fragwürdige noch wie lange,
da alles sich schon besinnt,
da das, was einstens so bange,
schon klarer vorüberrinnt?

Dass uns ein Sanftes geschähe,
wenn uns der Himmel berührt,
wenn seine atmende Nähe
uns ganz zum Hiersein verführt.

Jean Gebser (1905 – 1973)

Keine Möglichkeit zu wissen

Über die Götter allerdings
habe ich keine Möglichkeit zu wissen,
weder, dass sie sind,
noch, dass sie nicht sind,
noch, wie sie etwa an Gestalt sind;
denn vieles gibt es,
was das Wissen hindert:
die Nichtwahrnehmbarkeit
und dass das Leben des Menschen kurz ist.

Protagoras (* um 490 v.u.Z. – um 411 v.u.Z.)

Deine Hand

für alle,
die durch die dunkle Nacht der Seele
gegangen sind

 

Vielleicht
war deine Angst
in der Dunkelheit
dazu da,
dich Mut zu lehren
(ohne Angst kein Mut!)

Vielleicht
war deine Wut dazu da,
dir Klarheit
und Durchhaltevermögen
zu schenken
(auch aus Wut entsteht Kraft!)

Und deine Trauer
hat dich wohl weicher
gemacht,
verständnisvoller und
mitfühlender
mit anderen, oder nicht? –

Mit Sicherheit
hast du nicht umsonst,
hast du nicht vergebens
das Tal der Tränen
durchwandert
und die dunkle Nacht

der Seele
durchwacht! –
Du hast vieles
gesehen, mitbekommen
und mitgemacht! –
Du hast gelernt,

was es heißt,
ein Mensch unter Menschen
zu sein,
verletztlich, allein,
nicht weniger
und nicht mehr als das–

Und das reicht!
Das macht dich reich
– an Erfahrung –

also reiche
denen, die dir nachfolgen –
und die dies wünschen –

und die in diesem Augenblick
stolpern
in der Dunkelheit,

deine Hand,
und vergiss nicht,
dass auch du

wieder stolpern wirst,
ein ums andere
Mal, und auch

für dich
wird es Hände geben,
die die deinen

halten –
warm, fest
und im besten Falle

liebevoll

 

Hannah Buchholz, 19. 02. 2015

 

 

Mehr Gedichte dieser Lyrikerin hier:

https://hannahbuchholz.wordpress.com/

 

 

Die Seele ist eins und vieles

Die Seele muss … eins und vieles, teilbar und unteilbar sein, und man muss nicht glauben, es sei unmöglich, dass eben diesselbe und eine auf vielfache Art sei. Denn wollten wir dies nicht annehmen, so würde es eine alles zusammenhaltende und ordnende Natur nicht, geben, welche zugleich alles umfassende hält und mit Weisheit leitet:
eine Vielheit, da ja des Seienden viel ist, eine Einheit, damit, das zusammenhaltende Band eins sei;
durch ihre vielfache Einheit führt sie allen Teilen Leben zu, durch die unteilbare Einheit leitet sie weise. Wo aber nicht Weisheit vorhanden, da ahmt dies leitende Prinzip dem Einen nach. Das also besagt die göttliche Ahnung und Andeutung des Plato: “aus der unteilbaren und sich stets gleich bleibenden und der hinsichtlich der Körper teilbar werdenden Wesenheit schuf er durch Mischung aus beiden eine dritte Form der Wesenheit.” Auf diese Weise also ist die Seele eins und vieles. Die an den Körpern befindlichen Formen sind vieles und eins, die Körper sind nur vieles, das Höchste und Oberste ist nur eins.

Plotin (205 – 270) in den “Enneaden”

Eines in Vielem

Göttliche Liebe
ist von ganz anderer Qualität
als menschliche Liebe.
Menschliche Liebe
gilt den Vielen im Einen.
Göttliche Liebe
gilt dem Einen in den Vielen.

Meher Baba* (1894 – 1969)

 

*Einer seiner berühmtesten Jünger ist Pete Townshend, Gitarrist und Songwriter von The Who, der ihm (und dem Komponisten Terry Riley) mit dem Lied Baba O’Riley ein musikalisches Denkmal setzte. Als die Zeitschrift „Rolling Stone“  einen Text von Pete Townshend (In Love with Meher Baba) über Meher Baba veröffentlichen wollte, machte Townshend die Veröffentlichung davon abhängig, dass die Ausgabe des Rolling Stone mit einem Coverfoto von Meher Baba erschien. Ein weiteres Lied, das seine Philosophie in Noten setzt, ist der Nummer-Eins-Hit Don’t Worry, Be Happy von Bobby McFerrin aus dem Jahr 1988. Darin verarbeitete McFerrin die letzten Worte Babas. Sie waren auf Anfang der 1970er Jahre weit verbreiteten Postkarten und Postern in Kalifornien zu finden. (Quelle: Wikipedia)

Eins und vieles

Die Seele muss … eins und vieles, theilbar und untheilbar sein, und man muss nicht glauben, es sei unmöglich, dass eben diesselbe und eine auf vielfache Art sei. Denn wollten wir dies nicht annehmen, so würde es eine alles zusammenhaltende und ordnende Natur nicht, geben, welche zugleich alles umfassende hält und mit Weisheit leitet: eine Vielheit, da ja des Seienden viel ist, eine Einheit, damit, das zusammenhaltende Band eins sei; durch ihre vielfache Einheit führt sie allen Theilen Leben zu, durch die untheilbare Einheit leitet sie weise. Wo aber nicht Weisheit vorhanden, da ahmt dies leitende Princip dem Einen nach. Das also besagt die göttliche Ahnung und Andeutung des Plato: „aus der untheilbaren und sich stets gleich bleibenden und der hinsichtlich der Körper theilbar werdenden Wesenheit schuf er durch Mischung aus beiden eine dritte Form der Wesenheit.“ Auf diese Weise also ist die Seele eins und vieles. Die an den Körpern befindlichen Formen sind vieles und eins, die Körper sind nur vieles, das Höchste und Oberste ist nur eins.

Plotin (205 – 270) in den „Enneaden“