Kehre in dich selbst zurück

Foto: © wak

Herz, mein Herz
nicht in der Weite,
In der Nähe liegt das Glück!
Glaube, liebe, hoffe, leide
Und kehre in dich selbst zurück.

Julius Sturm (1816–1896)

Der vollständige Text findet sich z.B. hier: https://gedichte.xbib.de/Sturm%2C+Julius_gedicht_005.+Nicht+in+der+Weite.htm

Alles durchdringende Nähe

Foto: © wak

 

Gott ist Dir wirklich nahe dort,
wo Du bist, wenn Du offen bist
auf dieses Unendliche hin.
Dann nämlich ist die Ferne Gottes
zugleich seine unbegreifliche,
alles durchdringende Nähe.

Karl Rahner S.J. (1904 – 1984)

Raum für die ewigen Dinge entstehen lassen

Foto: © wak

Es ist bezeichnend, dass die Heiligen ihre ekstatischen Visionen durch katholische Geistliche, die selbst nicht visionär veranlagt waren, überprüfen ließen, um ein autorisiertes Urteil zu bekommen, ob ihre Visionen echt seien oder nicht und ob sie von Gott oder vom Teufel stammten. Als ob ein Mensch, der wirklich von Gott erhört und von ihm erleuchtet ist, ein Bedürfnis fühlen würde, seine Offenbarung durch einen Geistlichen oder einen Wissenschaftler „untersuchen“ zu lassen!

Aber die katholische Kirche hatte Recht, wenn sie für sich beanspruchte, die Visionen der Heiligen zu prüfen, bevor sie sich dafür verbürgte und sie für heilig erklärte. Sie wusste um die gefährliche Nähe von spontanem Glauben und künstlich zustande gebrachter Ekstase. Denn die Geschichte der Mystik offenbart immer wieder Fälle, in denen die gefährliche Nähe sich zu einer bedenklichen Mischung entwickelte, zu einer Wildnis, wo gesunde, Frucht tragende Bäume zusammen mit giftigen Pflanzen aufwachsen. Die Ursache davon ist einerseits, was wir bereits nannten, dass der Intellekt häufig die Erfahrung vorwegzunehmen sucht, andererseits, dass vom ersten Augenblick an ein Gegensatz zu bestehen scheint zwischen der geschlossenen und der offenen Welt, den zeitlichen und den ewigen Dingen. Wir sehen nicht, dass dieser Unterschied derselbe ist wie der zwischen einer geschlossenen und einer offenen Dose. Wir entdecken, dass ein gewisses Maß an Verzicht notwendig ist, wenn Raum für die ewigen Dinge entstehen soll. Wenn wir ein Glas zur Hälfte mit Wasser gefüllt haben wollen und zur anderen Hälfte mit Wein, können wir das Glas nicht bis zum Rand mit einer dieser beiden Flüssigkeiten füllen. Wenn es schon voll von einer Flüssigkeit ist, werden wir etwas ausgießen müssen, damit Platz für die andere entsteht.

Johannes Anker Larsen (1874 – 1957) In: Vom wirklichen Leben. Drei Vorträge gehalten in Amersfoort, Berlin und Zürich erschienen im mym- Verlag, Berlin, 2004

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 9 |  Oktober 2020

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

 

Drei Arten in den Genuss der Kontemplation zu gelangen

Foto: © wak

Drei Männer hatten vor allem mit der Bundeslade des Alten Testaments zu tun: Moses, Beseleel und Aaron. Moses erfuhr auf dem Berge von unserem Herrn, wie sie gebaut werden sollte. Beseleel baute und fertigte sie im Tale an nach dem Urbild, das Moses auf dem Berge gezeigt worden war. Aaron war sie im Tempel anvertraut, und deshalb konnte er sie schauen und ihre Nähe spüren, sooft er wollte. Nach dem Vorbild und Gleichnis dieser drei Männer können wir aus der Gnade der Kontemplation in dreifacher Weise Nutzen ziehen. Manchmal kommt man zu diesem Werk nur aus Gnade, und dann gleichen wir Moses, der trotz aller Mühe, die es ihn kostete, den Berg zu erklimmen, nur selten die Lade schauen konnte; denn die Schau war für ihn nur möglich, weil Gott nach Seinem Willen sich ihm zeigte und nicht etwa, weil Moses sie sich durch seine Mühe verdient hatte. Andere Male ziehen wir Nutzen daraus durch unsere eigene geistige Kunstfertigkeit mit Hilfe der Gnade, und dann gleichen wir Beseleel, der die Bundeslade nicht eher sehen konnte, als bis er sie durch seiner Hände Arbeit mit Hilfe des Urbildes angefertigt hatte, das Moses auf dem Berg gezeigt worden war. Andere Male ziehen wir Nutzen aus dieser Gnade durch die Lehren anderer Menschen. Dann gleichen wir Aaron, dem die Lade, die Beseleel mit eigenen Händen angefertigt hatte, anvertraut war, und der sie gewöhnlich sehen und ihre Nähe spüren konnte, sooft er wollte. Siehe, mein geistlicher Freund, obwohl ich kindlich und laienhaft gesprochen habe, nehme ich Elender, der ich unwürdig bin, irgendeinen Menschen zu belehren, doch das Amt des Beseleel ein, indem ich für dich sozusagen diese geistliche Bundeslade anfertige und dir ihre Beschaffenheit erkläre. Aber weit besser und würdiger als ich kannst du wirken, wenn du Aaron sein willst; das heißt, wenn du ohne Unterlaß darin für dich und mich wirken willst. Ich bitte dich, tue also, um der Liebe Gottes, des Allmächtigen willen. Da wir beide von Gott berufen sind, in diesem Werk zu wirken, bitte ich dich, Gott zuliebe zu deinem Teil zu erfüllen, was mir an meinem fehlt.

Aus der „Wolke des Nichtwissens“ / 14. Jahrhundert

Hinderliches entfernen

Foto: © wak

Ein Edelstein liegt oft in unscheinbarer Hülle. Anderes Gestein liegt darüber, macht ihn unsichtbar und unschön.
Diese anderen Schichten wollen entfernt sein, soll der Edelstein in seiner Klarheit leuchten. Er muss geschliffen werden, damit er in seiner Schönheit strahlt.
Entfernen des Hinderlichen, das ist die Methode, damit das Schöne zum Strahlen kommt.
Entfernen des Hinderlichen, das ist die Methode für den Weg zu Gott.

Dionysius Areopagita (5. Jh.)

 

Ergänzung:

„Heute gibt es eine neue Aktualität des Dionysius Areopagita: Er erscheint wie ein großer Vermittler im modernen Dialog zwischen dem Christentum und den mystischen Theologien Asiens, deren bekannte Charakteristik in der Überzeugung liegt, dass man nicht sagen kann, wer Gott ist; von Ihm kann man nur in negativer Form sprechen; von Gott kann man nur mit dem Begriff „nicht“ sprechen und nur indem man in diese Erfahrung des „nicht“ eintritt, kann man Ihn erreichen. Und hier sieht man die Nähe zwischen dem Denken des Areopagiten und dem der asiatischen Religionen: Er kann heute ein Mittler sein, so wie er ein Mittler zwischen dem griechischen Denken und dem Evangelium war.“

Papst Benedikt XVI.: Ansprache während der Generalaudienz am 14.5.08: Dionysius Areopagita

Ganz zum Hiersein verführt

Wir gehen immer verloren,
wenn uns das Denken befällt,
und werden wiedergeboren,
wenn wir uns ahnend der Welt

anvertrauen, und treiben
wie die Wolken im hellen Wind,
denn alle Grenzen, die bleiben,
sind ferner als Himmel sind.

Und es will vieles werde,
aber wir greifen es kaum.
Wie lange sind wir auf Erden
Ängstliche noch im Traum.

Fragwürdige noch wie lange,
da alles sich schon besinnt,
da das, was einstens so bange,
schon klarer vorüberrinnt?

Dass uns ein Sanftes geschähe,
wenn uns der Himmel berührt,
wenn seine atmende Nähe
uns ganz zum Hiersein verführt.

Jean Gebser (1905 – 1973)

Den Herzschlag des Weltalls vernehmen

Mystik ist für mich, aufmerksam sein, nicht für die weit entfernten Warums, sondern für die lebendigen Wurzeln von Dingen und Menschen ganz in der Nähe. Den Rhythmus erleben, in dem ich und die anderen und die Welt schwindelerregend zusammenfallen und dann wieder einzeln sind. Immer mehr Türen, die sich auftun und gleichzeitig immer deutlicher alleine sein im eigenen Haus. Wesensverwandschaft und unendliche Entfremdung. Neue Augen, um das Leben in anderen Zusammenhängen zu sehen, Ohren, um den Herzschlag des Weltalls zu vernehmen.

Bruno-Paul de Roeck   (1930-2012)