Leere Rollen und spirituelle Wahrheit

Llewellyn Vaughan-Lee (* 1953) in: Der Liebesbund. Psychologische und spirituelle Aspekte des mystischen Wegs. Interlaken 1993, S. 25

 

Buchtipp X – Das Meer weist keinen Fluss zurück (Abt Muho)

Abt Muho (Olaf Nölke)

Das Meer weist keinen Fluss zurück
Ein Weg zu Liebe und Gelassenheit

Berlin Verlag, 2018, 240 Seiten, 18,- €
ISBN 978-3-8270-1380-4

Von einem gelungen scheinenden Spagat zwischen christlicher Herkunft und buddhistischem Amt berichtet Olaf Nölke, der inzwischen Abt Muho, verheiratet und Vater von drei Kindern ist. Unter dem Titel „Das Meer weist keinen Fluss zurück“ beschreibt er einen „Weg zu Liebe und Gelassenheit“. Die Hinweise von Abt Muho beziehen sich ausführlich auf Dogen, der im zwölften Jahrhundert die Soto-Schule begründete, zu der die Abtei Antaiji in Japangehört. „Der Text behandelt vier Arten praktizierter Liebe: das Geben; die Worte der Liebe; die selbstlose Hilfe und die Harmonie.“ – Anhand von Beispielen aus dem Alltag will Abt Muho einerseits auf die Aktualität hinweisen und andererseit die Relevanz für westliche Leser aufzeigen.

Verbunden sind die Ausführungen mit einem Appell: „Als Buddhist mit christlichen Wurzeln teile ich die Hoffnung, dass es der Menschheit eines Tages gelingen möge, trotz aller Differenzen brüderlich zusammenzuleben.“ Für mich etwas weit ausholend zieht Muho Beispiele des Alltags heran, um seine Sicht darzustellen. Andere mögen dies vielleicht mehr. Spannender für mich sind jene Passagen, wo er neben Dogen auch Gedanken von Buddha Shakyamuni aus dem Dhammapada heranzieht. Gedanken daraus setzt Muho z.B. in Verbindung zur Bergpredigt.

Im gleichen Verlag war übrigens von ihm bereits das Buch „Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück. Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen“ erschienen.

© w.a.k.

Den Sinn herausfinden

Meine Hütte liegt mitten in einem dichten Wald;
Jedes Jahr wächst der Efeu höher,
Keine Neuigkeiten von den Angelegenheiten der Menschen,
Nur gelegentlich das Lied eines Holzfällers.
Die Sonne scheint, und ich flicke meine Robe;
Wenn der Mond hervorkommt,
lese ich buddhistische Gedichte.
Ich habe nichts zu berichten, meine Freunde.
Wenn ihr den Sinn herausfinden wollt,
dann hört auf hinter so vielen Dingen herzujagen.

Daigu Ryôkan (1758-1831)

Gefunden habe ich diesen Text hier:
https://satyamnitya.wordpress.com/2016/05/28/ryokan-jedes-jahr-waechst-der-efeu-hoeher

Annäherung an die große Leere

Als die buddhistischen Textrollen erstmals von Indien nach China gebracht wurden, stellte man unterwegs fest, dass sie leer waren. Diese leeren Rollen enthielten die spirituelle Wahrheit. Doch wie nur Ananda allein verstand, als Buddha schweigend eine Blume hochhielt, während die anderen des „Stufenwegs der Erleuchtung“ bedurften, so braucht die Menschheit eine stufenweise Annäherung an die große Leere. Beschriebene Rollen dienten als Ersatz, um den Suchenden zu helfen, den inneren Pfad zu verstehen.

Llewellyn Vaughan-Lee: Der Liebesbund. Psychologische und spirituelle Aspekte des mystischen Weges. Interlaken 1993, S. 25