Gemeintes ahnend erfassen

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Es ist interessant, zu vergleichen, wie die mystische Erfahrung, die ja kein Privileg des Christentums ist, zu allen Zeiten, da und dort, der Unzulänglichkeit aller Worte zum Trotz, sich Ausdruck zu verschaffen wußte. Aus der Lücke des Ungesagten, dem aufklaffenden Sprung des Paradoxons, das zwei Sätze zerreißt, steigt in der Wechselrede des »Kôan«, wie sie im Zen–Buddhismus zwischen Meister und Schüler geübt wird, jählings das gemeinte Geheimnis auf. Der Chassidismus bedient sich der legendarischen Anekdote, ebenso die islamischen Sufis. Durch gewaltsame Verrenkung, Umstülpung des konventionellen Vokabulars und mit genialen Neubildungen formte die Mystik des deutschen Mittelalters sich ein sprachliches Organ. … Die theoretische Erklärung ist kein Ersatz für das im Vers Geborgene. Im Niemandsland zwischen beiden Arten des Sprechens, in der Blendung durch das zwiefache Licht ist das Gemeinte ahnend zu erfassen.

Fritz Vogelsang (1930 – 2009) in seiner Einleitung zu „Die innere Burg“ von Teresa von Ávila

Ganz zum Hiersein verführt

Wir gehen immer verloren,
wenn uns das Denken befällt,
und werden wiedergeboren,
wenn wir uns ahnend der Welt

anvertrauen, und treiben
wie die Wolken im hellen Wind,
denn alle Grenzen, die bleiben,
sind ferner als Himmel sind.

Und es will vieles werde,
aber wir greifen es kaum.
Wie lange sind wir auf Erden
Ängstliche noch im Traum.

Fragwürdige noch wie lange,
da alles sich schon besinnt,
da das, was einstens so bange,
schon klarer vorüberrinnt?

Dass uns ein Sanftes geschähe,
wenn uns der Himmel berührt,
wenn seine atmende Nähe
uns ganz zum Hiersein verführt.

Jean Gebser (1905 – 1973)