Vor Weisheitsfülle schweigen – Fritz Mauthners Meister Eckhart-Zitat zu Skepsis und Mystik

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Hier aber, wo ich notgedrungen von dem Verhältnisse zwischen Sprachkritik und dem Begriffe Religion reden muß, möchte ich einige Sätze des edlen Meisters Eckart voraufschicken.

„Einer unserer ältesten Meister, der die Wahrheit schon lange und lange vor Gottes Geburt gefunden hat, den dünkte es, dass alles, was er von den Dingen sprechen könnte, etwas Fremdes und Unwahres in sich trüge; darum wollte er schweigen. Er wollte nicht sagen: Gebt mir Brot, oder gebt mir zu trinken. Aus dem Grunde wollte er nicht von den Dingen sprechen, weil er von ihnen nicht so rein sprechen könnte, wie sie aus der ersten Ursache entsprungen wären; darum wollte er lieber schweigen, und seine Notdurft zeigte er mit Zeichen der Finger. Da nun er nicht einmal von den Dingen reden konnte, so schickt es sich für uns noch mehr, dass wir allzumal schweigen müssen von dem, der da ein Ursprung aller Dinge ist.“ Und wieder: „Das Schönste, was der Mensch von Gott sprechen kann, das ist, dass er vor Weisheitsfülle schweigen kann.“ Und wieder: „Die Seele ist eine Kreatur, die alle genannten Dinge empfangen kann; und ungenannte Dinge kann sie nur empfangen, wenn sie so tief in Gott empfangen wird, dass sie selbst namenlos wird.“

Ich meine es kaum viel anders; nur die Sprache ist etwas verschieden, weil sechs Jahrhunderte dazwischen liegen.

Fritz Mauthner (1849-1923) in: Sprache und Logik. Beiträge zu einer Kritik der Sprache.Dritter Band (1913)
Der vollständige Text ist hier zu finden: https://www.textlog.de/mauthner-logik-skepsis-mystik.html

Abendmahl

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Ewiges will zu uns. Wer hat die Wahl
und trennt die großen und geringen Kräfte?
Erkennst du durch das Dämmern der Geschäfte
im klaren Hinterraum das Abendmahl:

wie sie sich’s halten und wie sie sich’s reichen
und in der Handlung schlicht und schwer beruhn.
Aus ihren Händen heben sich die Zeichen;
sie wissen nicht, daß sie sie tun

und immer neu mit irgendwelchen Worten
einsetzen, was man trinkt und was man teilt.
Denn da ist keiner, der nicht allerorten
heimlich von hinnen geht, indem er weilt.

Und sitzt nicht immer einer unter ihnen,
der seine Eltern, die ihm ängstlich dienen,
wegschenkt an ihre abgetane Zeit?
(Sie zu verkaufen, ist ihm schon zu weit.)

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Süchtig nach Krieg

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Der Mensch ist
wie ein Alkoholiker,
der weiss, dass das Trinken
ihn zerstören wird,
der aber trotzdem stets
einen Anlass zum Trinken findet…

Man kann daraus nur einen Schluss ziehen:
der Mensch ist so süchtig nach Krieg,
dass er mit seiner Sucht
nicht fertig werden kann.

Doch wenn er nicht lernt,
sie zu meistern,
wird diese Sucht
sein Untergang sein.

Thomas Merton (1915 – 1968)

Nicht länger an anderen Quellen stehlen

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Du trinkst aus hundert Quellen,
und wenn eine von ihnen
mal weniger reich fließt,
ist deine Lust gemindert.
Beginnt aber die höchste aller Quellen
in dir selbst zu sprudeln,
so brauchst du nicht länger
an den anderen Quellen zu stehlen.

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207-1273)

Höchste aller Quellen in dir

Du trinkst aus hundert Quellen,
und wenn eine von ihnen mal weniger reich fließt,
ist deine Lust gemindert.
Beginnt aber die höchste aller Quellen
in dir selbst zu sprudeln,
so brauchst du nicht länger
an den anderen Quellen zu stehlen.

Rumi (1207-1273)

Fröhliche Ausflucht

Lediglich zu glauben ist ein Zeichen von Unreife … Religionen und Dogmen bieten innere Sicherheit, verhindern jedoch, die Wahrheit zu finden … Gott ist eine fröhliche Ausflucht – so wie das Trinken … Sich Christ, Hindu, Buddhist zu nennen, hat für einen wahrhaft religiösen Menschen keinen Wert.

Jiddu Krishnamurti (1895-1986)