Es ist in dir…

Der Jünger sprach zum Meister:
Wie mag ich kommen zu dem übersinnlichen Leben, dass ich Gott sehe und höre reden?
Der Meister sprach:
Wenn du dich magst einen Augenblick in das schwingen, da keine Kreatur wohnet, so hörest du, was Gott redet.

Der Jünger sprach:
Ist das nahe oder ferne?
Der Meister sprach:
Es ist in dir, und so du magst eine Stunde schweigen von allem deinem Wollen und Sinnen, so wirst du unaussprechliche Worte Gottes hören…

Jakob Böhme (1621) in: De Vita Mentali oder Vom übersinnlichen Leben

Mehr hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2020/09/30/jacob-boehme-vom-uebersinnlichen-leben-hoerstueck-von-ronald-steckel/

Schweigen: Ort der Leere und Erfüllung

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Das Schweigen wird der Mystik ebenso sehr zum Ort der Leere wie der Erfüllung. Die Einübung in das Schweigen ist nicht das bloße Heraustreten aus dem öffentlichen Gespräch, sondern auch ein Leerwerden, ein Freiwerden vom inneren Reden, vom Lärm des Denkens, der das Wort, das uns gegeben ist, nicht hören lässt. In gesteigerter Form kann die, Unsagbarkeit, sogar, jenseits der Grenze des Sagenkönnens, auf eines verweisen, wo sich das Sprechen verbietet: auf eines, das unantastbar ist, das nicht gesagt, vor der Sprache geschützt werden soll.

Emil Angehrn (*1946)

Sprechen und schweigen

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Sinnvoll reden kann nur,
wer auch schweigen kann,
sonst faselt er;
richtig schweigen kann nur,
wer auch zu sprechen vermag,
sonst ist er stumm.
In beiden Geheimnissen lebt der Mensch;
ihre Einheit drückt sein Wesen aus.

Romano Guardini (1885 -1968)

Ein wirklicher Künstler erkennt das Packende

 

Die Wissenden, die Erkennenden, die vielseitig Gebildeten müssen die Initiative des Lehrens ergreifen. Und da, wie wir gesehen haben, das Reden mit den Künstlern nicht hilft und sie das Geschriebene nicht lesen, so muss man zur Anschauung greifen.

Mag einer noch so verrannt in eine Manier sein, sei das Plein-air oder Symbolismus oder Impressionismus oder Empirestil: ein wirklicher Künstler, und es giebt deren, Gott sei Dank, viele, erkennt doch sofort das Starke, das überzeugend Packende in einer Arbeit, und mag sie aus der Steinzeit datieren oder aus den sechziger Jahren, und durch das Hineinleuchten in das Dunkle einer zu grossen Einseitigkeit können manche Grillen aufgescheucht werden.

Hermann Obrist, Warum über die Kunst schreiben?

Zuerst erschienen in: Dekorative Kunst, Zeitschrift für angewandte Kunst III. Jahrgang No 5,
Verlagsanstalt F. Bruckmann AG München Februar 1900

Der vollständige Text erschien hier:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 7 | August 2020 | TITELTHEMA: KUNST

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Schweigen und Arbeiten

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Was erforderlich ist (wenn überhaupt etwas), ist nicht Schreiben oder Reden – daran besteht für gewöhnlich gar kein Mangel –, sondern Schweigen und Arbeiten; denn Reden stört, Schweigen und Arbeiten dagegen sammeln die Gedanken und festigen den Geist. Sobald dann ein Mensch das begriffen hat, was ihm zu seinem Nutzen gesagt worden ist, besteht für ihn keine Notwendigkeit mehr, etwas zu hören oder zu erörtern. Er muß sich vielmehr eifrig daran machen, das in Demut, Barmherzigkeit und Selbstverachtung in die Praxis umzusetzen, was er schweigend und aufmerksam gelernt hat.

Johannes vom Kreuz / Juan de la Cruz (1542  1591)

Entweder schweigen oder umgewandelte Worte gebrauchen

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Das am ehesten Wahre sagt man über Gott,
wenn man von allem sagt,
er sei dieses nicht.
Denn es ist angemessener,
alles über ihn zu verneinen,
als irgendetwas von ihm zu behaupten.
Das ist es, was wir sagen können,
wenn man uns fragt, wie man vom Unsagbaren reden könne.
Nichts lässt sich von ihm in angemessener Weise sagen.
Wir müssen entweder schweigen oder umgewandelte Worte gebrauchen.

Isaak von Stella (um 1100 – 1178)

Wo wohnt Gott?

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„Wo wohnt Gott?“ Mit dieser Frage überraschte der Rabbi einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren. Sie lachten über ihn: „Was redet ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!“ Er aber beantwortete die eigene Frage: „Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“

Martin Buber (1878 – 1965) in: Das verborgene Licht, S.19

Reden aus dem geformten Wort Gottes

 

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Denn dass der Mensch redet und verstehet, das kommt nicht aus den Sternen und Elementen, sonst könntens andere Creaturen auch: Es kommt dem Menschen aus dem eingeleibten, geformten Worte Gottes her.

Jacob Böhme (1575 – 1624) in: Mysterium Magnum, 36, 85, 1623

Gefunden habe ich diesen Gedanken von Böhme hier: https://www.nootheater.de/menu.html

Vor Weisheitsfülle schweigen – Fritz Mauthners Meister Eckhart-Zitat zu Skepsis und Mystik

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Hier aber, wo ich notgedrungen von dem Verhältnisse zwischen Sprachkritik und dem Begriffe Religion reden muß, möchte ich einige Sätze des edlen Meisters Eckart voraufschicken.

„Einer unserer ältesten Meister, der die Wahrheit schon lange und lange vor Gottes Geburt gefunden hat, den dünkte es, dass alles, was er von den Dingen sprechen könnte, etwas Fremdes und Unwahres in sich trüge; darum wollte er schweigen. Er wollte nicht sagen: Gebt mir Brot, oder gebt mir zu trinken. Aus dem Grunde wollte er nicht von den Dingen sprechen, weil er von ihnen nicht so rein sprechen könnte, wie sie aus der ersten Ursache entsprungen wären; darum wollte er lieber schweigen, und seine Notdurft zeigte er mit Zeichen der Finger. Da nun er nicht einmal von den Dingen reden konnte, so schickt es sich für uns noch mehr, dass wir allzumal schweigen müssen von dem, der da ein Ursprung aller Dinge ist.“ Und wieder: „Das Schönste, was der Mensch von Gott sprechen kann, das ist, dass er vor Weisheitsfülle schweigen kann.“ Und wieder: „Die Seele ist eine Kreatur, die alle genannten Dinge empfangen kann; und ungenannte Dinge kann sie nur empfangen, wenn sie so tief in Gott empfangen wird, dass sie selbst namenlos wird.“

Ich meine es kaum viel anders; nur die Sprache ist etwas verschieden, weil sechs Jahrhunderte dazwischen liegen.

Fritz Mauthner (1849-1923) in: Sprache und Logik. Beiträge zu einer Kritik der Sprache.Dritter Band (1913)
Der vollständige Text ist hier zu finden: https://www.textlog.de/mauthner-logik-skepsis-mystik.html

Besser ist ein Wort voll tiefen Sinnes

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Besser als in tausend Reden
Worte ohne Sinn verschwendet,
Ist ein Wort voll tiefen Sinnes,
das dem Hörer Frieden spendet.

Besser als in tausend Liedern
Worte ohne Sinn verschwendet,
Ist ein Wort voll tiefen Sinnes,
das dem Hörer Frieden spendet.

Ob ein Sänger hundert Lieder
sinnlos in die Lüfte sendet,
Besser ist ein Wort der Wahrheit
das dem Hörer Frieden spendet.

Magst du in der Schlacht besiegen
tausendmal zehntausend Krieger –
Wer das eigne Ich bezwungen,
Ist der größte Held und Sieger.

Aus dem Dhammapada (4. – 3. Jh.v.u.Z.)