Gefahren der Mystik

Unterscheiden zwischen Erleben und Mitteilung des Erlebten

Die Fälle, in denen Menschen Geistiges mit restloser Klarheit und Sicherheit erlebten, sind äußerst selten, aber es wäre sehr töricht, sie um ihrer Seltenheit willen unbeachtet zu lassen oder gar fortleugnen zu wollen. Dies umso mehr, als es auch heute Menschen gibt, die in solcher Art erleben und mit wachester Urteilsfähigkeit um ihr Erleben wissen. Man muss aber stets unterscheiden zwischen diesem eigentlichen Erleben und der Mitteilung des Erlebten, wie es der also Erlebende in Worten zu geben sucht. In solcher Mitteilung strebt der Mensch mit aller Inbrunst, auszusagen, was sich doch niemals in Worten sagen lässt, und notgedrungen schafft er sich Bild und Gleichnis, um auch anderen Seelen erfassbar zu machen, was ihm widerfahren ist.

„Gefahren der Mystik“ von Bô Yin Râ / Josef Anton Schneiderfranken (1876 – 1943)

Der ganze Artikel „Gefahren der Mystik“ von Bô Yin Râ  kann hier nachgelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VIII
CII. JAHRGANG WINTER 2021/2022

November 2021: Mystiker, die B.Y.R. empfohlen hat

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Spricht zu den Menschen deren Ohren geöffnet sind

Die Kaaba / Bild: Archiv

Als Abraham in Aegypten in die Mysterien des Lebens eingeweiht worden war, begab er sich nach Mekka, wo er zur Erinnerung an die in der alten esoterischen Schule Aegyptens empfangene Weihe einen Denkstein setzte. Die Stimme, die Abrahams singende Seele in den Stein legte, tönte weiter fort und wurde allen denen vernehmbar, die sie zu hören vermochten. Seit jener Zeit sind Seher und Propheten zu diesem Stein, zur Kaaba gepilgert; die Stimme tönte weiter und lebt noch heute fort. Ein Ort wie Mekka – eine Wüstenei, die nichts Interessantes bietet, wo der Boden nicht fruchtbar und die Menschen nicht hoch entwickelt sind, wo weder Handel noch Industrie blüht, wo Kunst und Wissenschaft nicht zu finden sind – hat Millionen Menschen angezogen, die ihn nur aus einem einzigen Grund, nur als Ziel ihrer Wallfahrt aufsuchten: Was war die Ursache, was ist heute noch die Ursache? Nur die Stimme, die diesem Ort, die einem Stein eingegeben worden ist. Einem Stein ist die Gabe der Sprache verliehen worden, und er spricht noch heute zu den Menschen, deren Ohren geöffnet sind.

Hazrat Inayat Khan (1882 – 1927) in: Die Sprache des Kosmos. Genf; 1945, S. 7-8

Erfahrungen des Herzens

Foto: © wak

 

Die Lehre, die ich vertrete, ist darüber hinaus tief beeinflusst von und solidarisch mit den anderen großen heiligen Traditionen der Welt und ist daher interspirituell. Wir begegnen uns in unserem tiefsten Inneren, in der Tiefe, wo die großen Traditionen einander umarmen. Ich verstehe die heiligen Traditionen der Welt als die Farben eines Regenbogens. Sie alle sind absolut notwendig, um den Regenbogen zu bilden, und jede einzelne muss hell leuchten, wenn der Regenbogen tun soll, wozu er da ist. …

Meine eigene Arbeit wurde wesentlich beeinflusst und unterstützt insbesondere vom Sufismus, der mystischen Tradition des Islams, sowie vom tibetischen Buddhismus. Meine Sufi-Freunde nennen mich einen „christlichen Derwisch“. Das gefällt mir sehr, weil es das große Bild verdeutlicht.

Es geht nicht darum, eine interreligiöse Harmonie zu erzeugen, indem wir alle Religionen sozusagen in einem einzigen säkularen Eintopf neutralisieren, sondern darum, dass wir wirklich in die Tiefe vorstoßen, wo sich alle diese großen Traditionen gegenseitig durchdringen und eine Tiefendimension aufweisen, die sie der Welt auf keine andere Weise mitteilen können. Obwohl die Sprachen, mit denen sie diese Dimension beschreiben, unterschiedlich klingen mögen, reden sie alle von ein und derselben Erfahrung des Herzens. Dieses Herz brauchen wir heute in der Welt.

Cynthia Bourgeault (*1947)  Mehr über sie und ihre Bücher hier: https://chalice-verlag.de/cynthia-bourgeault/

Wahrheiten, Segen und Kraft geschöpft

Foto: © wak

Die Mystik ist zugleich mit der Menschheit selbst geboren. Sie ist zugleich mit der Entstehung des Menschenreiches auf Erden offenbar geworden, und sie wird auch mit seiner Vollendung ihr Ziel erreichen.

Als der Urmensch diese irdische Welt betrat, und seine Augen das Licht empfingen; als er zum ersten Male die mannigfache Schönheit und die reizvolle Pracht der Natur um sich herum erschaute, und als er seine Blicke, einem unschuldigen Kinde gleich, nach oben erhebend die Sonne, den Mond und die unzählbaren Gestirne in dem hohen Gewölbe des Himmels betrachtete, da bewegte sich in seinem unbefleckten Herzen ein namenloses Sehnen, ein zartes, bebendes und geheimnisvolles Gefühl der Bewunderung, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit. Dies war die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele!

Dieses Gefühl können wir noch heute empfinden, besonders, wenn wir schweigend und einsam auf einem Berg stehend, die Natur bewundern, die Morgen- oder die Abenddämmerung erleben, oder in einer klaren Nacht den Himmel betrachten.

Diese Mystik hat nie aufgehört, sich im Leben der Einzelnen, wie auch der Völker, in irgendeiner Form, in dieser oder jener äußeren Hülle zu offenbaren. Sie ist die göttliche Quelle gewesen, aus der alle Religionen ihre Lehre, ihre Wahrheiten, ihren Segen und ihre Kraft geschöpft haben.

Vorwort zu „Leben und Sprüche der Sufi-Meister des Islams“. Aus dem Persischen übersetzt von Hossein Kazemzadeh Iranschähr (1884 – 1962), Berlin 1934

Erkenne den Meister in dir

Foto: © wak

Nimm dich selbst in Liebe an
und sei wachsam –
heute, morgen, immer.

Finde zuerst den Weg,
dann belehre andere
und besiege so das Leid.

Bevor du andre geradebiegst,
musst du zuerst etwas viel Schwierigeres vollbringen –
dich selbst geradebiegen.

Du bist dein eigener Herr.
Wer sonst?
Bezwinge dich selbst,
und erkenne den Meister in dir.

Jack Kornfield (*1945)

Wer kann ein Bild von Gott malen?

Foto: © wak

 

Am Anfang war Gott,
Heute ist Gott, Morgen wird Gott sein.
Wer kann ein Bild von Gott malen?
Er hat keinen Körper.

Er ist wie ein Wort, das aus deinem Mund kommt.
Dieses Wort! Es ist nicht mehr da,
Es ist vergangen und lebt doch weiter!
So ist Gott.

Aus Afrika

Meister Eckhart – Heilende Texte

Meister Eckhart ist einer der größten deutschen Mystiker. Seine tiefe Spiritualität lädt zur Meditation ein und lässt sich fruchtbar machen für alle, die nach „Nahrung für die Seele suchen“. BeraterInnen, TherapeutInnen und SeelsorgerInnen finden bei Meister Eckhart Gedanken, die große heilende Kräfte entfalten. Der vorliegende (liebevoll gestaltete!) Band versammelt kurze, prägnante Originaltexte des Mystikers und bezieht diese (auf dem Hintergrund der Gestalttherapie!) auf existentielle Fragen unseres heutigen Lebens.

gikPRESS 2018 (Neuauflage) / GIK Gestalt-Institute Köln & Kassel

180 Seiten , Paperback: 17,80 EUR, eBook: 11,99 EUR

Dieses Buch erhalten Sie im gut sortierten Buchhandel und online bei
Bod.de

 

Aus dem Inhalt:

Unaussprechlich: Gott
Alles um seiner selbst willen tun:
So lebenswert ist das Leben
Wie gesund ist gesund?
Du sollst kein Maß haben
Das Wirken der Seele:
Das Leibselbst
Die Gnade der Gelassenheit:
Das Paradox der Veränderung
Feuer und Axt fürs Werden:
Aggression
Nicht beten und nicht feiern:
Deflektion
Wie ich nicht werde, der ich bin:
Introjektion
Du machst dir ein Bild: Projektion
Unterscheiden tut weh: Konfluenz
Leiden: Retroflektion
Die Fruchtbarkeit der Jungfrau:
Die Seele als Mann und Frau
Die Kraft des ewigen Nun:
Hier-und-Jetzt
Von Engeln und Menschen:
Urbild und Abbild

Eine frühere Auflage war 2005 im Peter Hammer-Verlag, Wuppertal, erschienen.

Nimm dich selbst in Liebe an…

Foto: © wak

 

Nimm dich selbst in Liebe an
und sei wachsam –
heute, morgen, immer.

Finde zuerst den Weg,
dann belehre andere
und besiege so das Leid.

Bevor du andre geradebiegst,
musst du zuerst etwas viel Schwierigeres vollbringen –
dich selbst geradebiegen.

Du bist dein eigener Herr.
Wer sonst?
Bezwinge dich selbst,
und erkenne den Meister in dir.

Jack Kornfield (*1945) in: „Die Lehren Buddhas“ nach dem Dhammapada

In ein Licht entrückt werden das Gott selber ist

Foto: © wak

Wo sieht man Gott? Wo nicht Gestern noch Morgen ist, wo ein Heute ist und ein Jetzt, da sieht man Gott. Was ist Gott? Ein Meister spricht: Wenn das notwendig sein muss, dass ich von Gott rede, so sage ich, dass Gottes etwas ist, was kein Sinn begreifen oder erlangen kann: sonst weiss ich nichts von ihm. Ein anderer Meister sagt: Wer das von Gott erkennt, dass er unbekannt ist, der erkennt Gott. Wenn ich in Paris predige, so sage ich und darf es wohl sagen: alle hier in Paris können mit all ihrer Wissenschaft nicht begreifen, was Gott in der geringsten Kreatur, auch nur in einer Mücke, ist. Aber ich sage jetzt: die ganze Welt kann es nicht begreifen. Alles was man von Gott denken kann, das ist Gott ganz und gar nicht. Was Gott an sich selbst ist, dazu kann niemand kommen, der nicht in ein Licht entrückt wird, das Gott selbst ist. Was Gott den Engeln ist, das ist gar fern und niemand weiss es. Was Gott in einer gottliebenden Seele ist, das weiss niemand als die Seele, in der er ist. Was Gott in diesen niedern Dingen ist, das weiss ich ein wenig, aber sehr schwach. Wo Gott in der Erkenntnis wohnt, da fällt alle natürliche Sinnlichkeit ab. Dass wir so in ein Licht entrückt werden, das Gott selber ist, um darin in Ewigkeit selig zu sein, das walte Gott, Amen.

Meister Eckhart (1260 – 1328)