Frei von Form und Buchstaben

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Gott ist völlig frei von Form und Buchstaben.
Sein Wort ist außerhalb von Buchstaben und Stimme.
Aber Er lässt seine Worte
durch Buchstaben und Stimme und Zunge,
wie Er will, verkünden.

Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (1207 – 1273)

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Die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele

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Die Mystik ist zugleich mit der Menschheit selbst geboren. Sie ist zugleich mit der Entstehung des Menschenreiches auf Erden offenbar geworden, und sie wird auch mit seiner Vollendung ihr Ziel errichen.

Als der Urmensch diese irdische Welt betrat, und seine Augen das Licht empfinen; – als er zum ersten Male die mannigfache Schönheit und die reizvolle Pracht der Natur um sich herum erschaute, – und als er seine Blicke, einem unschuldigen Kinde gleich, nach oben erhebend die Sonne, den Mond und die unzählbaren Gestirne in dem hohen Gewölbe des Himmels betrachtete, –

da bewegte sich in einem unbefleckten Herzen ein namenloses Sehnen, ein zartes, bebendes und geheimnisvolles Gefühl der Bewunderung, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit. Dies war die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele.

Vorwort zu „Leben und Sprüche der Sufi-Meister des Islams“. Aus dem Persischen übersetzt von Hossein Kazemzadeh Iranschähr (1884 – 1962), Berlin 1934

Unser menschliches Dasein ist ein Gasthaus

Darstellung von Rumi

 

Unser menschliches Dasein ist ein Gasthaus.
Allmorgendlich eine Neuankunft.

Eine Freude, ein Moment der Traurigkeit,
eine Gewohnheit, ein Geistesblitz
stehen unerwartet vor der Tür.

Heiße sie willkommen und bitte sie alle herein!
Und sei es eine Bande von Sorgen,
die rücksichtslos durchs Haus dir fegen
und es all seines Mobiliars berauben.

Selbst solchen Gästen erweise die Ehre.
Womöglich schaffen sie in dir nur Raum
für neue Freude.

Dem düsteren Gedanken, der Scham, der Hinterlist,
öffne ihnen die Tür und lass sie lachend ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn ein jeder ist dir von oben gesandt,
um dir den Weg zu weisen.

Dschelaluddin Rumi / Mevlana (1207-1273) zugeschrieben

Ein Punkt reiner Wahrheit in uns

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Im Zentrum unseres Seins ist ein Punkt des Nichtseins, der unberührt von Sünde und Illusion ist, ein Punkt reiner Wahrheit, ein Punkt oder Funke, der nur Gott gehört, über den wir nie Verfügung haben, von dem aus Gott über unser Leben verfügt, der unzugänglich ist für die Phantasien unseres Geistes oder die Brutalitäten unseres Willens.

Dieser kleine Punkt des Nichtseins und der absoluten Armut ist die reine Herrlichkeit Gottes, eingeschrieben in uns als unsere Armut, als unsere Bedürftigkeit, als unsere Sohnschaft. Er
ist wie ein reiner, hell im unsichtbaren Licht des Himmels strahlender Diamant. Er ist in jedem von uns, und wenn wir ihn nur sehen könnten, würden wir diese Milliarden Lichtpunkte im Antlitz und Glanz einer Sonne zusammenkommen sehen, die alle Dunkelheit und Grausamkeit des Lebens vollständig verschwinden ließe.

Thomas Merton (1915 – 1968) in seinem Essay „Ein Mitglied des Menschengeschlechts“

Zitiert in Llewellyn Vaughan-Lee: Das Herzensgebet. Der direkte Weg ins göttliche Mysterium, Freiburg/Br. 2013, S. 12-13

Um Seiner ewigen Schönheit willen

Darstellung von Rabia in einer persischen Miniatur / Bildquelle: wikimedia/gemeinfrei

Ich will Wasser in die Hölle gießen
und Feuer ans Paradies legen,
damit diese beiden Schleier verschwinden
nd niemand mehr Gott
aus Furcht vor der Hölle
oder in Hoffnung aufs Paradies anbete,
sondern nur noch
um Seiner ewigen Schönheit willen.

Rābiʿa al-ʿAdawiyya al-Qaisiyya / Rabia Basri / Rabia von Basra (714, 717 oder 718 i –  801)

Nimm deinen Sitz auf den tausend Blütenblättern des Lotos

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Geh nicht in den Blumengarten,
oh Freund, gehe nicht dorthin.
In deinem Körper ist der Blumengarten.
Nimm deinen Sitz
auf den tausend Blütenblättern des Lotos,
und da bestaune die unendliche Schönheit.

Kabir (1440-1518)

Die Erfahrung des Urgrundes

Jede Religion umfasst auch eine mystische Schule, die auf spirituelle Erfahrungen ausgerichtet ist – so die christliche Mystik, der Sufismus im Islam, die Kabbala im Judentum, und das Zen im Buddhismus. Sie fördern alle seit je her eine Erfahrung des Urgrundes – in unserer Kultur das „Göttliche“ genannt.

Dieter Wartenweiler /Ku-Shin (*1945)

(Am 2. Juni 2018 wird Wartenweiler von Niklaus Brantschen Roshi „Inka Shomei“ (Siegel der Bestätigung) empfangen und damit zum Zen-Meister ernannt.)