Wer Ohren hat zu hören, der höre!

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Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht Tausende,
es ist Eins und Alles;
es ist nicht Körper und Geist geschieden,
daß das eine der Zeit,
das andere der Ewigkeit angehöre,
es ist Eins, gehört sich selbst,
und ist Zeit und Ewigkeit zugleich,
und sichtbar, und unsichtbar,
bleibend im Wandel, ein unendliches Leben.

Caroline von Günderrode (1780-1806) in: Ein apokaliptisches Fragment, Nr. 15

Wesen des Unsichtbaren

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Die sichtbaren empfindlichen Dinge
sind ein Wesen des Unsichtbaren;
von dem Unsichtlichen, Unbegreiflichen
ist kommen das Sichtbare, Begreifliche:
von dem Aussprechen oder Aushauchen
der unsichtbaren Kraft
ist worden das sichtbare Wesen;
das unsichtbare geistliche Wort
der Göttlichen Kraft
wirket mit und durch das sichtbare Wesen,
wie die Seele mit und durch den Leib.

Jakob Böhme (1575 – 1624)

Gott hat sich als Mensch manifestiert

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Gott und Mensch verhalten sich zueinander wie Gold und Ring. Sie sind zwei ganz verschiedene Realitäten. Gold ist nicht Ring und Ring ist nicht Gold. Aber in einem goldenen Ring können sie nur zusammen auftreten. Sie sind koexistent. Das Gold braucht eine Form, um zu erscheinen, und der Ring braucht ein Material, um sichtbar zu werden. Sie sind Nicht-Zwei. Das Gold offenbart sich als Ring. So offenbart sich Gott als Mensch. Sie können nur zusammen erscheinen. Das ist für mich der Sinn der Inkarnation Jesu. Es soll darin sichtbar gemacht werden, dass alles eine Inkarnation Gottes darstellt, von den Quarks und Leptonen bis hin zu den rein geistigen Formen, von denen wir keine Ahnung haben. Wir sind „Gottmenschen“. Ich kann auch sagen: Gott hat sich als Mensch manifestiert.

Willigis Jäger (* 1925)

Die sichtbare Präsenz Gottes

 

Simone Weil im Jahr 1921 / Bild: wikimedia, gemeinfrei

Gott ist abwesend in der Welt,
außer durch die Existenz derer,
die seine Liebe leben.

Sie müssen in der Welt sein
mit ihrer Barmherzigkeit.

Ihre Barmherzigkeit
ist die sichtbare Präsenz Gottes.

Lassen wir es an Barmherzigkeit fehlen,
trennen wir grausam eine Kreatur und Gott.

Simone Weil (1909 – 1943)

Mystisches Bewusstsein

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Für das mystische Bewusstsein
ist es notwendig,
dass alles Innere nach außen kommt
und sichtbar wird.
Der Traum will erzählt werden,
das „Innere Licht“ will scheinen,
die Vision muss mitteilbar werden.

Dorothee Sölle (1929 – 2003) in: Mystik und Widerstand

Im Hunger der Seelen anfangen

Gedenktafel am Böhme-Haus im heute polnischen Zgorcelec (Görlitz) Foto: © wak

Denn nicht durch unsere scharfe Vernunft und Forschen erlangen wir den wahren Grund göttlicher Erkenntnis. Die Forschung muss von innen im Hunger der Seelen anfangen. Denn das Vernunftforschen gehet nur bis in sein Astrum der äußern Welt, daraus die Vernunft urständet. Aber die Seele forschet in ihrem Astro, als in der innern geistlichen Welt, daraus die sichtbare Welt entstanden oder ausgeflossen ist, darinnen sie mit ihrem Grunde stehet.

Jakob Böhme (1575 – 1624)

Sichtbar gewordener Atem des Schöpfers

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Alles, was existiert, ist verbunden,
hat ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Atem.
Pflanzen, Tiere Felsen und Menschen atmen.
Die Erde atmet.
Erdmutter Natur ist der sichtbar
gewordene Atem des Schöpfers.

John Redtail Freesoul (Cheyenne – Arapahoe – Indianer)