Unsichtbares in unserem Innersten

© wak

 

Ein Vater reicht seinem Sohn einen großen Brocken Salz:
“Nimm dieses Salz, Shvetaketu,
und lege es in eine Schale Wasser.”

Einige Stunden später folgt eine zweite Bitte:
“Bring mir das Salz,
das du ins Wasser gelegt hast.”

So sehr der Junge auch nach dem Salzbrocken tastet,
er kann ihn nicht mehr finden.

“Koste nun von diesem Wasser, Shvetaketu.
Wie schmeckt es?”

“Es schmeckt salzig!”

“Wahrlich, lieber Sohn.
was in diesem Wasser enthalten ist,
du kannst es nicht mit den Händen greifen,
du kannst es nicht mit deinen Fingern fassen,
und dennoch ist es da.”

Wie das im Wasser verborgene Salz,
so will diese alt-ehrwürdige Erzählung sagen,
befindet sich in unserem Innersten etwas Unsichtbares.

“Jenes Feinste, Shvetaketu, das ist die Seele der ganzen Welt,
das ist das Wahre, das ist das Selbst –
das bist du.”

Aus der Chandogya Upanishad

Werbeanzeigen

Stufen der Wahrheit

Foto: © wak

Da es also drei Stufen oder Formen der Wahrheit gibt, so steigen wir zur ersten durch die Mühsal der Demut, zur zweiten durch das Gefühl des Mitleids, zur dritten durch Entzückung und Beschauung empor. Auf der ersten Stufe findet man die Wahrheit streng, auf der zweiten barmherzig, auf der dritten rein. Zur ersten Stufe führt die Vernunft, durch die wir uns auf Herz und Nieren. prüfen. Zur zweiten Stufe führt die Liebe, durch die wir mit andern Erbarmen fühlen. Zur dritten Stufe reißt uns die Reinheit fort, durch die wir uns zum Unsichtbaren erheben.

Bernhard von Clairvaux (um 1090 – 1153)

Leere und Fülle zugleich

Letztlich ist Tao
der den Ursprung
enthaltende und bewirkende
göttliche oder gottheitliche
Weltgeist oder Weltengrund,
durchaus unpersonaler Art,
der alles,
das Gestaltlose, das Unsichtbare,
sowie das Gestalthafte, das Sichtbare, durchwirkt
und zugleich Leere und Fülle ist.

Jean Gebser (1905 – 1973)

Alle Tage sind Gottes Tage

Im Leben des Indianers gibt es nur eine unumgängliche Pflicht: die Pflicht des Gebets – des täglichen Erkennens des Unsichtbaren und des Ewigen. Für ihn besteht keine Notwendigkeit, von sieben Tagen einen für heilig zu erklären, denn für ihn sind alle Tage Gottes Tage.

Charles Alexander Eastman / Ohíye S’a ( 1858 – 1939)

Sein Herz polieren

Ein jeder sieht vom Unsichtbaren soviel,
wie sein Herz Klarheit hat,
und Klarheit hat es soviel,
wie es poliert wurde.

Wer sein Herz mehr poliert hat,
der sieht auch mehr –
mehr unsichtbare Formen zeigen sich ihm.

Dschelaluddin Rumi / Mevlana (1207-1273)

Tägliches Erkennen des Ewigen

Im Leben des Indianers
gibt es nur eine unumgängliche Pflicht:
die Pflicht des Gebets –
des täglichen Erkennens
des Unsichtbaren und des Ewigen.
Für ihn besteht keine Notwendigkeit,
von sieben Tagen
einen für heilig zu erklären,
denn für ihn sind alle Tage Gottes Tage.

Ohiyesa / Charles Alexander Eastman (* 1858; † 1939)