Wir sind Empfangende

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Das mystische Ich ist die Erweiterung des mir persönlich zugeordneten offenen Ichs, es ist etwas Pulsierendes, das aufblüht und sich wieder zusammenfaltet. In ihm sind wir durchlässig, wir sind mehr die Empfangenden.

Hans-Peter Dürr (1929–2014) in: „Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen“

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Mystisches Bewusstsein

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Für das mystische Bewusstsein
ist es notwendig,
dass alles Innere nach außen kommt
und sichtbar wird.
Der Traum will erzählt werden,
das „Innere Licht“ will scheinen,
die Vision muss mitteilbar werden.

Dorothee Sölle (1929 – 2003) in: Mystik und Widerstand

Buchtipp VI – Jeder Mensch ist ein Mystiker (Abraham H. Maslow)

Cover des Buches von Abraham H. Maslow

 

Abraham H. Maslow

Jeder Mensch ist ein Mystiker
Impulse für die seelische Ganzwerdung

Peter Hammer Verlag / 186 Seiten, 17,90 €
ISBN: 978-37795-0488-7
Wuppertal 2014

 

„Das schlanke Büchlein, das Sie in Händen halten, enthält mehr Explosionsstoff als ganze Bibliotheken. Es hat mit einem Schlag eine bisher ungeahnte, innige Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Religion aufgedeckt. Und doch waren diese umwälzenden Einsichten Abraham Maslows bisher niemandem in deutscher Sprache zugänglich.“ So David Steindl-Rast in seiner Einführung. Denn das hat sich glücklicherweise geändert, als Erhard Doubrawa dieses Buch von Abraham H. Maslow im Peter Hammer-Verlag publiziert hat. Doch worum geht es hier?

Das vorliegende Buch „Jeder Mensch ist ein Mystiker“ enthält gleich mehrere Perlen. Da ist zum Einen der Vortrag, den Maslow 1961 hielt und der hier unter dem Titel „Was Gipfelerlebnisse uns lehren“ nachzulesen ist. Zum Zweiten ist es sein Buch „Religionen, Werte und Gipfelerlebnisse“, das 1964 erschien und hier nun nachzulesen ist.

Maslow berichtet in seinem Vortrag von Erfahrungen, die er lernen durfte. Beispielsweise, dass „mystische Erfahrungen“ meist nichts mit Religion im normalen, übernatürlichen Sinn zu tun haben. Und dass sie eine natürliche und keine übernatürliche Erfahrung waren, so dass er sie dann als „Gipfelerlebnisse“ bezeichnete. Maslow sieht zwar durchaus unterschiedliche Intensitäten von Gipfelerlebnissen. Aber seinen Forschungen nach ist er sicher, „dass sich alle Gipfelerlebnisse bis zu einem gewissen Grad verallgemeinern lassen. Die Stimuli sind sehr unterschiedlich, die subjektive Erfahrung ist tendenziell ähnlich. Oder um es anders auszudrücken: Unser Hochgefühl gleicht sich, wir beziehen es nur aus unterschiedlichen Quellen, bei weniger starken Leuten vielleicht aus ‚Rock and Roll‘, Drogen und Alkohol. Ich bin mir dessen umso sicherer, nachdem ich Literatur über die mystischen Erfahrungen, das kosmische Bewusstsein, ozeanische Erfahrungen, ästhetische Erfahrungen, kreative Erfahrungen, Liebeserfahrungen, elterliche Erfahrungen, sexuelle Erfahrungen und Erfahrungen der Erkenntnis konsultiert habe. Sie alle überschneiden sich, nähern sich der Ähnlichkeit und sogar der Identität an.“

Und noch etwas fiel ihm auf: „Gipfelerlebnisse sprudeln aus vielen Quellen und jede Art Mensch kann sie haben.“ Und sein Zitat am Schluss des Vortrages ist gleichzeitig eine sehr treffende Überleitung zu dem nachfolgenden Buch „Religionen, Werte und Gipfelerlebnisse“. Er sagt am Ende seines Vortrages: „Es muss inzwischen denen klar geworden sein, die mit der Literatur der mystischen Erfahrungen vertraut sind, dass diese Gipfelerlebnissen diesen sehr ähneln und sich mit ihnen überlappen, aber nicht mit ihnen identisch sind. Was ihre wahre Beziehung ist, weiß ich nicht… Alle mystische Erfahrung, wie sie klassisch beschrieben wird, wurde mehr oder weniger durch Gipfelerlebnisse erlangt.“

In „Religionen, Werte und Gipfelerlebnisse“ schreibt Maslow unter anderem so etwas wie sein „Credo“: „Die wahre Religion ist auf den höheren Ebenen der persönlichen Entwicklung durchaus kompatibel mit Rationalität, Wissenschaft und sozialer Leidenschaft. Nicht nur das, sondern sie kann im Prinzip ganz einfach gesunde Sinnlichkeit, gesunden Materialismus und Egoismus mit natürlicher Transzendenz, Spiritualität und Werthaltung integrieren.“

Das sind nur wenige der so lesenswerten Aspekte in Maslows Buch „Jeder Mensch ist ein Mystiker“. Die beiden großen Texte werden ergänzt durch Anhänge, bei denen es um religiöse Aspekte der Gipfelerlebnisse geht, um die Frage von Verlässlichkeit, um Wahrnehmung etc.

Vorangestellt ist dem Buch die beeindruckende Einführung von David Steindl-Rast, in der er unter anderem schreibt: „Das Herz jeder Religion ist ja die Religion des Herzens. Nur Rückkehr in die mystischen Tiefen des Herzens kann eine Religion wieder religiös machen.“ Ebenfalls sehr lesenswert ist das Nachwort von Erhard Doubrawa, der im gleichen Verlag „Heilende Texte“ von Meister Eckhart herausgegeben hat. Doubrawa  gibt am Ende zu bedenken: „Ob mystische Erfahrungen von unserem Gegenüber überhaupt ausgesprochen werden können, hängt stark von unserer eigenen Haltung solchen Erfahrungen gegenüber ab.“

Noch etwas muss dringend erwähnt werden: Die Lektüre dieses Buches hat in besonderer Weise die hervorragende Übersetzung von Karola Tembrins so reich werden lassen. Ihre Anmerkungen und Fußnoten sind sehr klug und erweitern das Leseerlebnis um kenntnisreiche Hinweise.

Zum Schluss möchte ich im Geise von Maslow dem Rat von Doubrawa folgen: Halten wir uns offen für mystische Erfahrungen – eigene und die anderer. Dieses Buch kann dazu in hervorragender Weise behilflich sein.

  ©  Werner A. Krebber

 

Mystik hier und jetzt – Praxis und Studien

Am 6. Mai 2018 beginnen Rani Kaluza (doingnothing) und ich in Köln mit einem Studien- und Praxiskreis zum Thema „Mystik hier und jetzt – Mystikerinnen und Mystiker, Erfahrungen und Einsichten“.

Mystik ist der Grundzug jeder Religion. Jeder mystische Weg ist ein Weg aus einem allzu engen konfessionellen Religionsverständnis heraus. Das muss nicht ein Abschied von der Religion an sich bedeuten, wohl aber sprengt und übersteigt die Mystik alles, was die Religion verdinglichen und festschreiben will.

Und damit Mystik nicht im Kopf bleibt, sondern in die lebendige Praxis kommt, müsste jene Sicht wohl um diese Gedanken ergänzt werden: Die tiefste Form des Miteinander-Teilens geschieht in und durch mystische Weisheit, durch Lehren, Einsichten, Methoden des spirituellen Lebens und deren Früchte.

Namen wie Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Geert Groote, Thomas von Kempen, Bede Griffiths, Thomas Merton und Dorothee Sölle stehen für einen mystischen Strom, der seit 10.000 Jahren wirkt und bis heute nicht zu fließen aufhörte.

In dem Studien- und Praxis-Kreis geht es darum, anhand von Texten aus der mystischen Tradition und kontemplativer Praxis auszuloten, wie aktuell Mystik ist und was sie mit dem konkreten Leben im Hier und Jetzt zu tun hat.

Doing Nothing

Absichtslos sein. Sinn und Zweck nicht kennen müssen. Nur horchen, sehen, spüren. Innen und Außen. Die momentane Befindlichkeit des Körpers, der Gefühle, des Verstandes und die Atmosphäre des Raumes, in dem man gerade sitzt oder liegt und wo nichts passiert.

Nichts tun.

Mühelos, ohne jemanden beeindrucken zu wollen. Sitzend auf einem Stuhl, einer Bank, einem Meditationskissen. Oben auf dem Hochstand eines Waldes oder unten auf dem Stein am Ufer eines Sees.

Sehen, hören, riechen, schmecken, es geschieht von allein. Das Rauschen des Windes draußen in dem Bäumen, die zarte Staubschicht auf einer Vase, Licht auf den Blättern einer Pflanze, das Gefühl von Traurigkeit im Bereich des Bauches.

Nicht-tun ist keine Meditation im herkömmlichen Sinne und doch ist es eine Praxis – eine sehr kraftvolle sogar. Reines Nicht-Tun ist ein Weg, der sich in vielen spirituellen Traditionen wieder findet, auch in der christlichen Mystik. Hier steht er allen gleichermaßen offen, unabhängig von Glaubensrichtung, Herkunft oder Weltsicht.

Rani Kaluza

 

Wer wir sind:

Werner A. Krebber
* 1954, ist gelernter Buchhändler und hat Theologie und Germanistik studiert. Nach vielen Jahren als Redakteur ist er heute vor allem als Autor und Blogger tätig.
Veröffentlichungen in Büchern, Blogs und Zeitschriften u.a. zu den Themen Beginen und Mystik, Kirche und Welt (Sozialethik, Carl Sonnenschein) Mystik und Spiritualität (Meister Eckhart, Johannes Tauler, Thomas Merton etc.) Kunst und Medien, Sucht und Spiritualität.

https://mystikaktuell.wordpress.com | https://wernerkrebber.wordpress.com

Rani Kaluza
* 1959, studierte freie Malerei, Autorin, Schneiderin, Malerin. Ihr spiritueller Weg begann 1976 mit einem Buch über Zen. 1988 begegnete sie dem Tibetischen Buddhismus von Chögyam Trungpa. Es folgte intensive Meditations-Praxis, Retreats, u.a. ein zweijähriger Aufenthalt in den USA. 2001 lernte sie den Advaita-Lehrer Samarpan Golden kennen, der sie 12 Jahre als spiritueller Lehrer begleitet hat. Seit 2013 geht Rani einen eigenen spirituellen Weg.

https://doingnothing.de | https://www.facebook.com/doingnothingretreats

Organisatorisches:

Wir treffen uns an jedem ersten Sonntag im Monat im Kölner Stadtteil Sülz. An diesen Sonntagen wird für beides Zeit sein – für stilles kontemplatives Sitzen und für das Studieren mystischer Texte & Themen sowie den gemeinsamen Austausch.

Der Kurs ist auf 12 Teilnehmer beschränkt, bitte vorher anmelden.

Man kann zur Probe einmal unverbindlich dabei sein.

Ein Einstieg ist jederzeit möglich.

Zeiten: 10:00 – ca.15:00 | Kosten: 15,- pro Sonntag

Fragen zum Thema Mystik
Werner A. Krebber
werner.krebber@web.de
Fon: 0209 / 20 56 95

Fragen zum Thema Praxis und ANMELDUNG
Rani Kaluza
weissefeder@netcologne.de
Fon: 0221/ 2406997

 

Hier können Sie den Flyer von „Mystik hier und jetzt“ ansehen oder herunterladen:

https://de.scribd.com/document/373535678/Mystik-hier-und-jetzt-Studien-und-Praxiskreis-Einsichten-und-Erfahrungen?secret_password=Ss9hY6RXq5uhVIHkVq87

Anmeldungen ab sofort auch hier möglich:

https://www.facebook.com/events/1998176107114359/?acontext=%7B%22ref%22%3A%2222%22%2C%22feed_story_type%22%3A%2222%22%2C%22action_history%22%3A%22null%22%7D

Erlebnis der Ruhe und Erfüllung

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Die so genannte mystische Erfahrung ist etwas gänzlich Unbeschreibliches. Schon das Etikett Mystik wird dieser Dimension von Erfahrung nicht gerecht. Man tritt aus dem Gegebenen und Vorhandenen völlig heraus und hat ein Erlebnis der Ruhe und Erfüllung und des Stimmens, das man nur nachträglich in die Sprache einer Ideologie oder Religion übersetzen kann.

Paul Watzlawik (1921 – 2007) In: Bernhard Pörksen (Hrsg.) Die Gewissheit der Ungewissheit, Heidelberg 2001, S. 231

Die Erfahrung des Urgrundes

Jede Religion umfasst auch eine mystische Schule, die auf spirituelle Erfahrungen ausgerichtet ist – so die christliche Mystik, der Sufismus im Islam, die Kabbala im Judentum, und das Zen im Buddhismus. Sie fördern alle seit je her eine Erfahrung des Urgrundes – in unserer Kultur das „Göttliche“ genannt.

Dieter Wartenweiler /Ku-Shin (*1945)

(Am 2. Juni 2018 wird Wartenweiler von Niklaus Brantschen Roshi „Inka Shomei“ (Siegel der Bestätigung) empfangen und damit zum Zen-Meister ernannt.)

Jeder Mensch ist eine besondere Art Mystiker

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Die Männer und Frauen, die wir Mystiker nennen, unterscheiden sich vom Rest von uns lediglich dadurch, dass sie jenen Erfahrungen den Raum geben, der ihnen in unser aller Leben zusteht. Was zählt, ist nicht die Häufigkeit oder Intensität mystischer Erfahrungen, sondern der Einfluss, den wir ihnen auf unser Leben einräumen. Indem wir unsere mystischen Momente mit allem, was sie bieten und verlangen, zulassen, werden wir die Mystiker, die wir sein sollen. Schließlich ist der Mystiker keine besondere Art Mensch, sondern jeder Mensch eine besondere Art Mystiker.

David Steindl-Rast (*1926)