Unendlicher Raum

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Der gesamte Sinn liegt darin, dass wir alle Bezugspunkte, alle Vor-Stellungen darüber, was ist oder sein sollte, fallen lassen müssen. Dann wird es möglich, die Einzigartigkeit und Lebendigkeit der Erscheinungen direkt zu erleben. Es gibt einen unendlichen Raum, die Dinge zu erfahren, die Erfahrung erscheinen und wieder vorbeigehen zu lassen, Bewegung ereignet sich innerhalb einer ungeheuren Weite. Was auch immer geschieht – nFreude und Schmerz, Geburt und Tod und so weiter -, wird nicht störend beeinflusst, sondern in seiner ganzen Intensität erlebt. Ob die Erfahrungen nun süß oder sauer sind, sie werden vollständig erfahren, ohne philosophischen Überzug oder gefühlsbetonte Verhaltensweisen, um die Dinge liebenswert oder annehmbar zu machen.

Chögyam Trungpa (1929 – 1987)

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Teilhabe am größeren Leben

Paul Ranson: Christus und Buddha / Foto: (c) wak

Fortschreiten auf dem „Weg“ hat immer das Erfahren und Ernstnehmen neuer Erlebnisqualitäten zur Voraussetzung. Sie sind „Zeichen auf dem Weg“. Von entscheidender Bedeutung ist das Spüren und Wahr-nehmen der Qualität des Numinosen, Sakralen, darin uns das Sein im Dasein berührt. …

Wenn die Mitte zu tragen beginnt und von all dem, was über ihr ist, entlastet, die Verbindung mit der „Erde“ freigibt, fühlt der ganze Mensch sich anders, als ein anderer und wo anders. In dreierlei Weise bekundet sich dann die Teilhabe an einem Größeren Leben: Der Mensch erfährt eine neue Kraft und Weite, eine neue Nähe und Wärme und eine hellere Sicht.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988) in: Hara. Die Erdmitte des Menschen. Bern / München / Wien, 1999, S. 175

Das Nichts erfahren

Textgraphik: (c) wak

… es darf daran erinnert werden, dass dies: das Nichts zu erfahren, etwas ganz anderes ist als überhaupt nicht zu erfahren. Wer das Nichts erfährt, der macht wirklich eine Erfahrung, ihm begegnet etwas, was ihn betrifft, erschüttert und verwandelt. Ebendeswegen suchen ja die Menschen dieser Erfahrung auszuweichen.

Bernhard Welte (1906 – 1983) in: Das Licht des Nichts. Von der Möglichkeit neuer religiöser Erfahrung. Düsseldorf 1980, S. 43

Das Gutsein der Welt erfahren

Dass die Welt gut ist, ist nicht einfach irgendeine beliebige Idee. Sie ist gut, weil wir ihr Gutsein erfahren können. Wir können die Welt als gesund und einfach, als direkt und real erleben, weil es unserer tiefsten Natur entspricht, mit dem Gutsein in allem Geschehen in Einklang zu sein.

Chögyam Trungpa (1929 – 1987) in „Das Buch vom meditativen Leben“, Hamburg 1991, S. 30

Jetztheit für eine erleuchtete Gesellschaft

Foto: (c) wak

Das Prinzip der Jetztheit ist auch für das Streben nach einer erleuchteten Gesellschaft sehr wichtig. Wer der Gesellschaft helfen möchte, wird sich fragen, wie man das wohl am besten macht und woher man die Sicherheit nehmen soll, dass das, was man tut, aufrichtig und gut ist. Die einzige Antwort ist Jetztheit. Jetzt, das ist der einzig wichtige Gesichtspunkt. Wenn du unfähig bist, das Jetzt zu erfahren, bist du mit jeder Unternehmung von vornherein auf dem Holzweg, weil du nach einem anderen Jetzt Ausschau hältst, und das ist nicht nur logisch ein Widerspruch, sondern funktioniert einfach nicht. Solange du das versuchst, gibt es nur Vergangenheit und Zukunft.

Chögyam Trungpa (1940 -1987) in: Das Buch vom meditativen Leben, Reinbek 1991, S. 107

Die Welt der Kunst für das eigene Seelenleben erobern

Bô Yin Râ, Om Mani Padme Hum

„Man hat den aufrichtigsten Wunsch, das Lebensgebiet der Kunst sich erschließen zu lassen, aber man ahnt nicht, daß man es letzten Endes nur sich selbst erschließen kann, und darum fehlt der Wille, es sich selbst zu erschließen.“ Wer Worte bedarf, der erzeugt von vornherein in sich eine „durchaus unkünstlerische Einstellung“, noch bevor er sich „an den Versuch heranwagt, die Welt der Kunst für das eigene Seelenleben zu erobern.“ Niemals ist die künstlerische Idee eines wahren Kunstwerks „ver-standesmäßig zu fassen oder in Worten mitteilbar.“ Wer mit dem Wunsche der Erklärung an Kunst herantritt, „der darf ruhig alle Hoffnung aufgeben, jemals seelisch zu erfahren, was Kunst ist.“ –

Bô Yin Râs „Das Reich der Kunst“ von Felix Weingartner

Zuerst erschienen hier: Magische Blätter, III. Jahrgang, Mai 1922, S. 129 – 133 Verlag Magische Blätter, Leipzig

Aktuell nachzulesen ist der vollständige Beitrag hier:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IX
CIII. Jahrgang Frühling 2022

Februar 2022: Sakralkunst (2)

Mehr auch hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Bestellungen: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Martin Buber zum Weltkulturerbe „Heiliger Sand“

Jüdischer Friedhof in Worms Foto (c) wak

„Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition meiner Ahnen bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so verflüchtigt hat. .. Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das ist Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraums nicht abbringen, nichts kann mich abbringen von der Gotteszeit Israels. Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist all der Tod widerfahren: all die Asche, all die Zerspelltheit, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt ist mir nicht. Der Dom ist, wie er ist. Der Friedhof ist, wie er ist. Aber gekündigt ist uns nicht worden.“

Martin Buber (1878 – 1965) in: Theologische Blätter 12(1933) 272f.

Gedenktafel am Wormser Judenfriedhof „Heiliger Sand“ Foto (c) wak

Mehr zur Geschichte des Friedhofes „Heiliger Sand“ – ältester erhaltener jüdischer Friedhof in Europa – hier:

http://www.alemannia-judaica.de/worms_friedhof.htm#Zur%20Geschichte%20des%20Friedhofes%20%22Heiliger%20Sand%22

Siehe auch: https://schumstaedte.de/

Geheimnisvoll schweigendes Verstehen

Alles Denken muss zum Irrtum führen.
Es gibt nur die eine Wirklichkeit,
die nicht zu erfahren
und nicht zu erlangen ist.
Es gibt eben nur ein
geheimnisvoll schweigendes Verstehen
und nichts anderes.

Huang Po / Huangbo Xiyun ( + 850)

Nichts ist ohne TAO

Foto: (c) wak


Halte danach Ausschau –
du siehst es nicht;
horche darauf –
du hörst es nicht;
fasse danach –
du ergreifst es nicht;
begegne ihm –
du siehst kein Gesicht;
folge ihm –
du siehst keinen Rücken;
aufgehend ins Helle –
ohne Licht;
sich bergend im Dunkeln –
ohne Nacht;
gestaltlose Form –
zeichenloses Bild –
Ursprung: TAO.
Nur wer den Ursprung erfährt,
kann ganz im Augenblick sein;
ewig durchfließt ihn der Lebensstrom,
TAO.
Strömend hierhin, dorthin –
alles stammt aus ihm;
nichts ist ohne TAO.

Zitiert von Willi Massa in seinem Beitrag „Logos und Mysterium. Einheit und Verschiedenheit westlicher und östlicher Mystik“. In: Zu dir hin. Über mystische Lebenserfahrung von Meister Eckhart bis Paul Celan. Herausgegeben von Wolfgang Böhme. Frankfurt/M. 1990, S. 21

Der Mensch bleibt derselbe mit Gleichmut und Gelassenheit

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Der Mensch bleibt in allem derselbe mit Gleichmut und Gelassenheit. Es ist entscheidend, diese Vision des Einen zu verstehen. Sie ist der Schlüssel zu allem. Dieses eine Selbst zu erfahren, das in der ganzen Schöpfung und in jedem Menschenwesen manifestiert ist, ist das Ziel des Lebens. Wenn wir es erlangen, dann erfahren wir uns selbst in Gott und Gott in uns.

BHAGAVAD GITA. Mit einem spirituellen Kommentar von Bede Griffiths. Aus dem Sanskrit übersetzt, eingeleitet und erläutert von Michael von Brück. München 1993, S. 148