Geheimnis des Reiches Gottes

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Absolute Wahrheit ist für den Sinnen-Menschen nicht, sie ist bloß für den Innern- für den Geist-Menschen, der ein eigenes Sensorium besitzet, oder pünktlicher zu sagen einen Inneren Sinn, um die absolute Wahrheit der transzendentalen Welt aufzunehmen, einen geistigen Sinn, der geistige Gegenstände so natürlich zur Objektivität benützt, als der äußere Sinn die äußern Gegenstände.

Dieser innere Sinn des Geistmenschen, dieses Sensorium einer metaphysischen Welt ist leider denen noch nicht bekannt, die außen sind, und ist ein Geheimnis des Reiches Gottes.

Karl von Eckartshausen (1752 – 1803) in: Die Wolke über dem Heiligtum oder Etwas, wovon sich die stolze Philosophie unseres Jahrhunderts nichts träumen lässt (1802)

Allhier ist Gott im Geist eins

 

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Ein großer Meister sagt, sein Münden stünde höher als sein Entspringen. Als ich aus Gott entsprang, da sprachen alle Dinge: Gott ist (da). Nun kann mich das nicht selig machen, denn hier erkenne ich als Kreatur; dagegen in dem Münden, wo ich ledig stehen will im Willen Gottes und ledig stehen des Willens Gottes und aller seiner Werke und Gottes selbst, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, sondern ich bin was ich war und was ich bleiben soll jetzt und immerdar. Da erhalte ich einen Ruck, der mich über alle Engel schwingen soll. Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, dass mir Gott nicht genug sein kann mit alledem, was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, denn mir wird in diesem Münden zuteil, dass ich und Gott eins sind. Da bin ich was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ur-Sache, die alle Dinge bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte im Menschen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, was (dass) er ewiglich gewesen ist und immer bleiben soll. Allhier ist Gott im Geist eins, und das ist die tiefste Armut, die man finden kann.

Meister Eckharts mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer. München 21920, S 73 – 74 (In Klammern Textversion der ersten Auflage 1903. Die zweite Ausgabe wurde  von Martin Buber bearbeitet und neu herausgegeben)

Gebet macht kalte Seele brennend

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Das Gebet hat große Kraft,
das ein Mensch vollbringt
mit aller seiner Macht:
Es machet ein bitteres Herz süß,
ein trauriges Herz froh,
ein armes Herz reich,
ein törichtes Herz weise,
ein zaghaftes Herz kühn,
ein kraftloses Herz stark,
ein blindes Herz sehend,
eine kalte Seele brennend-

Die Beginenmystikerin Mechthild von Magdeburg (ca. 1210-1299)

Der römische Brunnen

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Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898)

Erweise dich als eine Schale und nicht als ein Kanal

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Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast
gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf
diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch,
freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit
Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst
anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen,
nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn
du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst,
hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux (um 1090 -1153)

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt…

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Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898)

Mechthild von Magdeburg: Die Kraft des Gebetes

Gedenktafel für Mechthild von Magdeburg und andere Beginen in Helfta ~ Foto: © wak

 

Das Gebet hat große Kraft,
das ein Mensch vollbringt
mit aller seiner Macht:
Es machet ein bitteres Herz süß,
ein trauriges Herz froh,
ein armes Herz reich,
ein törichtes Herz weise,
ein zaghaftes Herz kühn,
ein kraftloses Herz stark,
ein blindes Herz sehend,
eine kalte Seele brennend-

Die Beginenmystikerin Mechthild von Magdeburg (ca. 1210-1299)

Das Leiden der Mystiker

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Mystik ist die Erfahrung der Einheit und der Ganzheit des Lebens. Mystische Lebenswahrnehmung, mystische Schau ist dann auch die unerbittliche Wahrnehmung der Zersplitterung des Lebens. Leiden an der Zersplitterung und sie unerträglich finden, das gehört zur Mystik. Gott zersplittert zu finden in arm und reich, in oben und unten, in krank und gesund, in schwach und mächtig, das ist das Leiden der Mystiker.

Dorothee Sölle (1929 – 2003)