Gott hält den Menschen nicht fest

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Der Mensch allein hat sich in alles hineinbegeben und kann derart das Schlimme, in das er geriet, auch wieder frei verlassen. Nichts außer ihm selber hemmt ihn, das Kind ist sündlos und nur fähig zu sündigen, man kann seinen Willen dazu wieder zurücknehmen. Nur wir haben die Dinge verquert, das aufgehäuft Böse darin ist machtlos, wenn wir ihm aufsagen, „der große Mensch“, sagt Münzer, nicht Gott hält ihn darin fest.

Ernst Bloch (1885 – 1977) in: Thomas Münzer als Theologe der Revolution

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Jakob Böhme, Luise Rinser und der Ungrund

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In Rocca hatte ich ihr erzählt, wie wichtig für mich das Wort „Ungrund“ (Un-Grund) von Jakob Böhme geworden sei. Damals war sie erstaunt, dass ich, ein Südländer, mich für die Spekulationen eines hermetischen Norddeutschen des 16. Jahrhunderts begeistern konnte. Auch sie, die Heimatlose, hatte noch solche Vorurteile. Sie meinte, ich scherze, als ich sagte, dass ich das Werk Jakob Böhmes, den Hegel so schwierig fand, wie einen spannenden Roman lese. In Ronda habe sie verstanden, sagte sie dann. Es gebe Urdimensionen, in welchen sich Menschen – von Zufälligkeiten wie Epoche, Nationalität, Sprache unabhängig – frei begegnen können.

Biographisches zu Luise Rinser (1911 – 2002) von José Sánchez de Murillo

Der ganze Beitrag über Luise Rinser kann hier gelesen werden:

XII. MAGISCHE BLÄTTER BUCH | WINTER
CIII. Jahrgang Winter 2022 / 2023 | Spuren (November | Heft 34)

EINZELBUCH, 364 Seiten, 20,00 € (zuzüglich Versandkosten)
ISBN-Nr. 978-3-948-5941-5 2

Herausgeber: Verlag Magische Blätter – Ronnenberg | Schriftleitung: Organisation zur Umwandlung des Kinos

Bestellungen hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu subject: BESTELLEN MAGISCHE BLÄTTER BUCH XII

Ganz auf dem Grund der Seele

Jean Benner: Extase. 1896 / Foto: (c) wak

Allein es gibt ein Erlebnis, das aus der Seele selber in ihr wächst, ohne Berührung und ohne Hemmung, in nackter Eigenheit. Es wird und vollendet sich jenseits des Getriebes, vom Anderen frei, dem Anderen unzugänglich. Es braucht keine Nahrung, und kein Gift kann es erreichen. Die Seele, die in ihm steht, steht in sich selber, hat sich selber, erlebt sich selber – schrankenlos. Nicht mehr, weil sie sich ganz an ein Ding der Welt hingegeben, sich ganz in einem Ding der Welt gesammelt hat, erlebt sie sich als die Einheit, sondern weil sie sich ganz in sich eingesenkt hat, ganz auf ihren Grund getaucht ist, Kern und Schale, Sonne und Auge, Zecher und Trank zugleich. Dieses allerinnerlichste Erlebnis ist es, das die Griechen Ekstasis, das ist Hinaustreten, nannten.

In: Ekstatische Konfessionen. Gesammelt von Martin Buber. Veränderte Neuausgabe, Leipzig 1921, S. 12 (Einleitung: Ekstase und Bekenntnis)

Gottes lebendiger Tempel bist du

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Der hohe Kirchenraum ist das Gleichnis der unendlichen Ewigkeit, des Himmels, darinnen Gott wohnt. Wohl sind die Berge noch höher, unmeßbar die blaue Weite draußen. Doch  alles offen, keine Grenze darin und keine Gestalt. Hier aber ist der Raum für Gott ausgesondert. Für ihn geformt, heilig durchbildet. Wir fühlen in die ragenden Pfeiler hinauf, in die breiten, starken Wände, in die hohe Wölbung: Ja, das ist Gottes Haus, Gottes Wohnung in einer besonderen innerlichen Weise.

Und die Pforte führt den Menschen in dies Geheimnis. Sie sagt: „Wirf das Kleine ab, fort mit allem, was eng und ängstlich ist. Weg mit allem Niederdrückenden. Weit die Brust. Hinauf die Augen. Frei die Seele! Gottes Tempel ist dies, und ein Gleichnis von dir selbst. Denn Gottes lebendiger Tempel bist du ja, dein Leib und deine Seele. Mach ihn weit, mach ihn frei und hoch!“

Romano Guardini (1885 -1968) in: Von heiligen Zeichen. Mainz 1933, S. 32

Die Zeit im Nichtstun verlieren

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Man muss dem Inneren
die entspannte Ruhe zugestehen,
auch wenn wir überzeugt sind,
die Zeit im Nichtstun zu verlieren.

Man soll das Innere freilassen
von Wahrnehmungen und Gednken,
Meditationen und Erwägungen
und geben wir uns ausschließlich hin
an ein liebevolles und friedvolles
Innewerden Gottes.

Johannes vom Kreuz (1542- 1591)

Eintritt in die Mystik

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Das tiefere Selbst, das zu tief liegt für die Überlegung und Zergliederung, wird frei und versinkt im Abgrund göttlicher Freiheit und göttlichen Friedens. Nun bleibt keine Anspielung mehr auf das, was in uns, noch weniger auf das, was um uns geschieht. Wir stehen zu tief unter der Oberfläche, auf der die Überlegung vor sich ging.

Thomas Merton (1915 – 1968)

In allem will Gott Begegnung feiern

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Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“

Alfred Delp SJ (1907 – 1945; im November 1944, als er auf seinen Prozess wartet)

Das Sterben in der Mystik

Beitrag von Corinna Mühlstedt

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/katholische-welt/katholische-welt-590.html

Mystiker aller Religionen sprechen von einem geistigen „Sterben“, bei dem der Mensch seine Egozentrik überwindet und frei wird für das Göttliche, die Wahrheit, ja, eine weltumspannende Liebe. Die Sendung begibt sich in verschiedenen Kulturen auf Spurensuche.

Des Wassers Güte ist es allen Wesen zu nützen

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Höchste Güte ist wie das Wasser.
Des Wassers Güte ist es, allen Wesen zu nützen ohne Streit. Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten. Drum steht es nahe dem SINN.

Beim Wohnen zeigt sich die Güte an dem Platze.
Beim Denken zeigt sich die Güte in der Tiefe.
Beim Schenken zeigt sich die Güte in der Liebe.
Beim Reden zeigt sich die Güte in der Wahrheit.
Beim Walten zeigt sich die Güte in der Ordnung.
Beim Wirken zeigt sich die Güte im Können.
Beim Bewegen zeigt sich die Güte in der rechten Zeit.

Wer sich nicht selbst behauptet, bleibt eben dadurch frei von Tadel.

Tao Te King, 8. Kapitel: DAS WESEN DER BEWEGLICHKEIT

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis (Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg) 1800 / Aufzeichungen zur Fortsetzung des Heinrich von Ofterdingen, Bd. 1, 221–222

Jakob Böhme inspirierte Novalis

„Novalis misstraut den „Tiefgelehrten“ und findet den Schlüssel zum Verständnis der Welt bei den Sängern und den Liebenden. Der Gedanke von der „Rückkehr der Welt in die Welt“ verweist auf den Mystiker Jakob Böhme. “ (Wikipedia)