Die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele

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Die Mystik ist zugleich mit der Menschheit selbst geboren. Sie ist zugleich mit der Entstehung des Menschenreiches auf Erden offenbar geworden, und sie wird auch mit seiner Vollendung ihr Ziel errichen.

Als der Urmensch diese irdische Welt betrat, und seine Augen das Licht empfinen; – als er zum ersten Male die mannigfache Schönheit und die reizvolle Pracht der Natur um sich herum erschaute, – und als er seine Blicke, einem unschuldigen Kinde gleich, nach oben erhebend die Sonne, den Mond und die unzählbaren Gestirne in dem hohen Gewölbe des Himmels betrachtete, –

da bewegte sich in einem unbefleckten Herzen ein namenloses Sehnen, ein zartes, bebendes und geheimnisvolles Gefühl der Bewunderung, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit. Dies war die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele.

Vorwort zu „Leben und Sprüche der Sufi-Meister des Islams“. Aus dem Persischen übersetzt von Hossein Kazemzadeh Iranschähr (1884 – 1962), Berlin 1934

Erlösung durch das Liebesfeuer der Erkenntnis

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Alle echten Religionen in ihrem Reinheitszustande, alle wirklich Wissenden meinten geistige Erkenntnis. Taoismus meinte Erkenntnis durch selbstlos unbeschwerte Übereinstimmung mit dem Ganzen. Buddhismus meinte Erkenntnis durch Erbarmen und Loslösung. Christentum meinte Erkenntis durch das dank der Liebe in der Seele erwachte Himmelreich. Die Apolloniker Sokrates und Platon meinten Erkenntnis durch Schönheit und Güte. Die Kabbalisten und Chassidim meinten Erkenntnis durch Betrachtung und anbetende Bewunderung der Hypostasen oder Eigenschaften Gottes. Bo Yin Ra lehrte liebende Erkenntis durch richtige Vorstellungen, Selbstvertrauen und entsprechende Lebensführung. So machte er dem Erdenmenschen den eigenen Lebensgrund erfahrbar, als Religion an sich. Alle meinen das gleiche: Erlösung durch das Liebesfeuer der Erkenntnis.

Rudolf Schott in seinem Vortrag Symbolform und Wirklichkeit in den Bildern des Malers Bo yin Ra, gehalten am 6. Juli 1957 in Darmstadt

Zeitlose Essenz des Selbst

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Wenn alle Dinge mit dem gleichen offenen Auge betrachtet werden, wird die zeitlose Essenz des Selbst erreicht. Keine Vergleiche oder Analogien sind hier möglich – in diesem Sein ohne Ursache, Grund und Beziehung.

Sosan (510 – 606)

Einsicht in die Form der Leerheit

Wirklichkeit ist nicht anderes als das, was gerade geschieht, jetzt. Die Dinge ereignen, bewegen und verwandeln sich. Wir können sie nicht in einem Schnappschuss festhalten. Doch das ist es, was alle unsere Ideen und Konzepte sind – eine Sammlung von Schnappschüssen. Genau das müssen wir unmittelbar erkennen. Diese Einsicht ist die Wirklichkeit der Leerheit, während alle Schnappschüsse die Welt der Form bilden. Und das Herzsutra* lehrt, um es noch einmal zu sagen, dass beide Welten gleich sind.

Bernard Glassman (1939 – 2018) in: Das Herz der Vollendung. Unterweisungen eines westlichen Zen-Meisters

* (http://www.zen-guide.de/zen/texte/id/35&titel=Mahaprajnaparamita-Hridaya-Sutra+%28Herzsutra%29)

Ewig Gott in Gott

Heinrich Seuse | Bild gemeinfrei

Alle Geschöpfe haben ewig im göttlichen Sein als in ihrem Urbild existiert. In ihrer Übereinstimmung mit dem göttlichen Urbild waren alle Wesen vor ihrer Schöpfung eins mit dem Sein Gottes. Alle Geschöpfe sind ewig Gott in Gott. Sofern sie in Gott sind, sind sie das gleiche Leben, das gleiche Sein, die gleiche Macht, das gleiche Eine, und nicht weniger als das.

Heinrich Seuse (1295 oder 1297 – 1366)