Wahrheiten, Segen und Kraft geschöpft

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Die Mystik ist zugleich mit der Menschheit selbst geboren. Sie ist zugleich mit der Entstehung des Menschenreiches auf Erden offenbar geworden, und sie wird auch mit seiner Vollendung ihr Ziel erreichen.

Als der Urmensch diese irdische Welt betrat, und seine Augen das Licht empfingen; als er zum ersten Male die mannigfache Schönheit und die reizvolle Pracht der Natur um sich herum erschaute, und als er seine Blicke, einem unschuldigen Kinde gleich, nach oben erhebend die Sonne, den Mond und die unzählbaren Gestirne in dem hohen Gewölbe des Himmels betrachtete, da bewegte sich in seinem unbefleckten Herzen ein namenloses Sehnen, ein zartes, bebendes und geheimnisvolles Gefühl der Bewunderung, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit. Dies war die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele!

Dieses Gefühl können wir noch heute empfinden, besonders, wenn wir schweigend und einsam auf einem Berg stehend, die Natur bewundern, die Morgen- oder die Abenddämmerung erleben, oder in einer klaren Nacht den Himmel betrachten.

Diese Mystik hat nie aufgehört, sich im Leben der Einzelnen, wie auch der Völker, in irgendeiner Form, in dieser oder jener äußeren Hülle zu offenbaren. Sie ist die göttliche Quelle gewesen, aus der alle Religionen ihre Lehre, ihre Wahrheiten, ihren Segen und ihre Kraft geschöpft haben.

Vorwort zu „Leben und Sprüche der Sufi-Meister des Islams“. Aus dem Persischen übersetzt von Hossein Kazemzadeh Iranschähr (1884 – 1962), Berlin 1934

Der Wille der Weisheit

 

Wenn ich betrachte, was Gott ist, so sage ich: Er ist das Eine gegenüber der Kreatur, wie ein ewig Nichts; er hat weder Grund, Anfang noch Stätte und besitzet nichts, als nur sich selber: er ist der Wille des Ungrundes, er ist in sich selber nur Eines: er bedarf keines Raums noch Orts: er gebäret von Ewigkeit zu Ewigkeit sich selber in sich. Er ist keinem Dinge gleich oder ähnlich, und hat keinen sonderlichen Ort, da er wohne: die ewige Weisheit oder Verstand ist seine Wohne: er ist der Wille der Weisheit, die Weisheit ist seine Offenbarung.

Jakob Böhme (1575 – 1624) in: Mysterium Magnum

Blicke wenigstens von Zeit zu Zeit zu Gott auf

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Hast du nur gewöhnliche Beschäftigungen, die keine gesammelte Aufmerksamkeit verlangen, dann schau mehr auf Gott als auf deine Arbeit. Hast du aber eine Arbeit, die deine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, dann blicke wenigstens von Zeit zu Zeit zu Gott auf, gleich dem Seemann auf offenem Meer: um seine Richtung einzuhalten, schaut er mehr auf den Himmel als auf das Wasser, auf dem er dahinfahrt. So wird Gott mit dir, in dir und für dich arbeiten, und deine Arbeit wird dir Freude bereiten.

Franz von Sales (1567 -1622)

 

Aller Dinge Grund und Anfang

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Ich bekenne Einen ewigen Gott, der da ist das ewige, unanfängliche, einige, gute Wesen, das da außer aller Natur und Kreatur in sich selber wohnet, und keines Orts noch Raumes bedarf, auch keiner Meßlichkeit, vielweniger einigem Begriff der Natur und Kreatur unterworfen ist. Und bekenne, dass dieser einige Gott dreifältig in Personen sei, in gleicher Allmacht und Kraft, als Vater, Sohn und heiliger Geist. Und bekenne, dass dieses dreieinige Wesen auf einmal zugleich alle Dinge erfülle, und auch aller Dinge Grund und Anfang sei gewesen, und noch sei. Mehr glaube und bekenne ich, dass die ewige Kraft, als das göttliche Hauchen oder Sprechen, sei ausgeflossen und sichtbar worden; in welchem ausgeflossenen Worte der innere Himmel und die sichtbare Welt stehet, samt allem kreatürlichen Wesen, dass Gott habe alle Dinge durch sein Wort gemacht.

Zitat von Jakob Böhme (1575 – 1624) in der „Einführung zu ‚Das Böhme-Lesebuch‘“ von Paul Hankamer

Der vollständige Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

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Kein Unterschied

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Zwischen dem gestaltlosen Urprinzip,
der überpersönlichen Gottheit
und dem persönlichen Gott
ist kein Unterschied.

Denkt man sich das allerhöchste Wesen untätig,
dann wird es die Gottheit oder das Absolute genannt.
Das gleiche Wesen tätig
– erschaffend, erhaltend und zerstörend –
ist Gott als persönliches Wesen.

Ramakrishna (1836 – 1886)

Das Himmelreich ist in euch selbst

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Daß Zeit gleich Ewigkeit und Ewigkeit gleich Zeit, wohlverstanden: Zeit in der Bedeutung von Gegenwart, zu setzen ist, was als ein Widerspruch erscheint und doch tiefste Weisheit enthält, wissen wir seit den Tagen der großen Mystiker. Dieses Wissen ist das Geheimnis unseres Lebens, und nur der, dem es ganz sich entschleiert hat, wird sein Dasein sinnvoll leben, wird zu den Tiefen seiner Wesenheit zurückfinden können und in jenen Zustand leidensferner, Ich-gelöster Seligkeit schon bei Lebzeiten gelangen, von dem einmal Christus sprach, als er lehrte: Das Himmelreich ist in euch selbst.

„Der Dichter und seine Zeit“ von Hermann Stehr im Jahr 1929. Erschienen in: Vom Geheimnis des Jenseits im Diesseits, Brentano Verlag, Stuttgart, 1960

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 9 |  Oktober 2020

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

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Herz und Dhamma

Foto: privat

Lust und Leid wohnen im Herzen. Die Handlungen, welche Lust und Leid erschaffen, werden im Herzen ersonnen. Das Herz kennt die Folgen, welche als Lust und Leid erscheinen; das Herz trägt die Bürde der Ergebnisse seiner eigenen Gedanken. Daher passen das Herz und der Dhamma* so perfekt zueinander. Gleich welche Sprache oder Nationalität, wir können alle den Dhamma verstehen, weil das Herz und der Dhamma ein natürliches Paar sind.

Ajaan Maha Boowa (1913 – 2011)

*Dhamma bzw. Dharma. Die wörtliche Bedeutung ist: „das, was trägt, stützt“. Das Wort wird überwiegend für die Lehre von Buddha in Wort und Schrift verwandt

Leuchtkraft Deiner Fülle

Impression von der Raketenstation HombroichFoto: © wak

O Dunkel des Schweigens! Es wäre nicht genug, von dir zu sagen, dass du vor lauter Finsternis in strahlendstem Licht aufglänzest, nicht genug, von dir zu glauben, dass dein Glanz sich immer gleich bleibe, unstörbar und unzerstörbar, nie zu sehen und nie zu erreichen. Es wäre auch nicht genug, von dir zu sagen, dass du, Dunkelheit des Urgrunds, jenen vollkommenen Geist, der die Augen des Daseins und die Augen des Seins zu schließen vermöchte, mit der Leuchtkraft deiner Fülle bis zum Bersten blendest, und schöner bist als die Schönheit selbst.

Dionysius Areopagita  (5. Jh.) in: Mystische Theologie