Der Urgrund ist ein ewig Nichts

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Der Urgrund ist ein ewig Nichts, und machet aber einen ewigen Anfang, als eine Sucht; denn das Nichts ist eine Sucht nach etwas: und da doch auch nichts ist, das etwas gebe; sondern die Sucht ist selber das Geben dessen, das doch auch nichts ist als bloß eine begehrende Sucht. Und das ist der ewige Verstand der Magiae, welche in sich machet, da nichts ist; sie machet aus nichts etwas, und das nur in sich selber, und da doch dieselbe Sucht auch ein Nichts ist, als nur bloß ein Wille. Er hat nichts, und ist auch nichts, das ihm etwas gebe, und hat auch keine Stätte, da er sich finde oder hinlege.

Jacob Böhme (1575 – 1624)

Weil Du in mir die Mitte bist

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Ich finde Dich, wo ich, o Höchster, hin mich wende,
am Anfang find ich Dich und finde Dich am Ende.

Dem Anfang geb ich nach, in Dir verliert er sich,
dem Abschluss späh ich nach, aus Dir gebiert er sich.

Du bist der Anfang, der sich aus sich selbst vollendet,
das Ende, das zurück sich in den Anfang wendet.

Und in der Mitte bist Du selber das, was ist:
Und ich bin ich, weil Du in mir die Mitte bist.

Friedrich Rückert (1788- 1866)

Überall ist Mittelpunkt und Wende und im Nu die Ewigkeit

Weder Anfang hat die Welt noch Ende,
Nicht im Raum noch in der Zeit;
Überall ist Mittelpunkt und Wende,
Und im Nu die Ewigkeit.

Wie du lebst von einem Nu zum andern,
Ewig eines lebest du;
Laß die Welt vorüber ruhlos wandern,
Und sieh‘ aus der Ruh‘ ihr zu.

Nicht mit unzulänglichen Gedanken
Machst du das Geheimnis klar,
Doch in schwanken Schranken, Wortes Ranken,
Stellt es dir sich bildlich dar.

Friedrich Rückert (1788-1866) in: Gesammelte poetische Werke, Band VII, 1868, S. 468-469

Gleichgültigkeit

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Ich habe immer daran geglaubt,
daß das Gegenteil von Liebe nicht Haß ist, sondern Gleichgültigkeit.
Das Gegenteil von Glaube
ist nicht Überheblichkeit, sondern Gleichgültigkeit.
Das Gegenteil von Hoffnung
ist nicht Verzweiflung, es ist Gleichgültigkeit.
Gleichgültigkeit ist nicht der Anfang eines Prozesses,
es ist das Ende eines Prozesses.

Elie Wiesel (1928 – 2016)

Hingerissen zu Gott

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Der Anfang des Gebetes
besteht darin,
beginnende Gedanken
mit einem Wort abzuschneiden.

Die Mitte
liegt in der Aufmerksamkeit
des Bewusstseins
auf die gesprochenen Worte.

Das Ende jedoch
ist das Hingerissensein
zu Gott.

Johannes Climacus (* vor 579 – um 649)

Unergründlich wie die grenzenlose Leere

Alle Wesen und alle Erleuchteten sind an sich nichts als der Eine Geist, und alles andere ist nichts. Dieser Geist ist ohne Anfang, ungeboren und unzerstörbar, ohne Form, ohne Erscheinung. Er gehört nicht zu den Dingen, die existieren oder nicht existieren. Er ist weder lang noch kurz, weder groß noch klein, denn er ist jenseits aller Beschränkungen, aller Maßeinheiten, Namen, Spuren und Vergleiche. Es ist das, was immer gegenwärtig ist – aber sobald du Begriffe davon bildest, bist du sofort im Irrtum. Dieser Geist ist unermesslich und unergründlich wie die grenzenlose Leere.

Huang Po (um 850)

Immer schon da

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Das, was man christliche Religion nennt,
war bei den Menschen des Altertums vorhanden
und immer schon da
vom Anfang des Menschengeschlechts
bis zum leibhaftigen Erscheinen Christi.

Augustinus (354 – 430) in „De Vera Religione“, 10