Verkündiger der Morgenröte

An Tieck

Die Zeit ist da, und nicht verborgen
Soll das Mysterium mehr sein.
In diesem Buche bricht der Morgen
Gewaltig in die Zeit hinein.

Verkündiger der Morgenröte,
Des Friedens Bote sollst du sein.
Sanft wie die Luft in Harf und Flöte
Hauch ich dir meinen Atem ein.

Gott sei mit dir, geh hin und wasche
Die Augen dir mit Morgentau.
Sei treu dem Buch und meiner Asche,
Und bade dich im ewigen Blau.

Du wirst das letzte Reich verkünden,
Was tausend Jahre soll bestehn;
Wirst überschwenglich Wesen finden,
Und Jakob Böhmen wiedersehn.

Friedrich von Hardenberg / Novalis (1772 – 1801)

In seinem „An Tieck“ gerichteten Gedicht aus dem Jahre 1800 zeigt Novalis, welche Bedeutung die Begegnung mit dem Werk Jacob Böhmes (1575 – 1624) für ihn hatte. Die letzten Verse verherrlichen gleichsam Böhmes „Morgenröte im Aufgang“.

Unter anderem dieser Text wurde in einem Hörstück Die Sprache ist Delphi / Novalis träumt von Ronald Steckel eingearbeitet:
https://mystikaktuell.wordpress.com/2022/03/24/17596/

Wille und Schicksal

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Der Streit um Willensfreiheit und Schicksalszwang gilt nur für den, der um den Grund nicht weiß, der beider Wurzel ist.
Wer das Selbst erkannt hat, einzig Wurzel und Grund von Freiheit und Schicksal, ist jenseits beider. Wie sollt er um sie streiten?

Ramana Maharshi (1879 – 1950) in „Vierzig Verse“ / Vers 19

Im Stall von Bethlehem ist Platz für alle

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Dieses Geheimnis duldet keine Kompromisse! Es verträgt keine Retusche! Ich kann es nur aus seiner letzten Transzendenz verstehen und verkünden! Aber aus seiner Fülle kann ich an alle sprechen! Funkspruch an alle Welt! Im Stalle von Bethlehem ist Platz für alle. Deren Auge sucht! Deren Herz hämmert! Deren Geist aufklingt! Die „guten Willens“ sind! Denen der Egoismus, die Brutalität, die Gemeinheit nicht Letztes ist. Bei Dostojewski bricht die Wirtshausszene in die Einladung des  Erlösers aus: „Kommet alle zu mir“! Platz für alle! An der Krippe des „Kyrios“! So sollen die Geistigen der Erde, wohin sie an Konfession, wohin sie an Partei, wohin sie an Lebensstil sich stellen mögen, in die „Arbeitsgemeinschaft“ des Nazareners treten! Sie sollen hier vor Anker gehen! Über diesen Leuchtturm ragt kein anderer lichtgewaltig! Kein Strom riß je in die Geschichte tieferes Bett! Keine Symphonie ließ je, wie diese, die Sphären erbeben! Wie immer die Menschen, die heutigen, die zukünftigen, die Offenbarung zum Problem gestaltend, vor Weihnachten stehen mögen, sie sollen ganz in die Nähe, ganz in den Radius, ganz in die Dynamik des Tages treten!

Carl Sonnenschein (1876 – 1929) in „Notizen“, Band 8, S. 73 ff. vom 25. Dezember 1927

Zitiert habe ich diese Passage in meinem Buch „Den Menschen Recht verschaffen. Carl Sonnenschein – Person und Werk“. EchterVerlag, Würzburg 1996, S. 110

Mit diesen Gedanken wünsche ich allen Leserinnen und Lesern meines Blogs „Mystik aktuell“ gute Weihnachtstage.

Werner A. Krebber

Oberhalb von Zeit und Raum

Fotographik: (c) wak

Der Himmel ist rein und klar ohne Flecken; den Himmel berührt weder Zeit noch Raum. Alle körperlichen Dinge haben darin keine Stätte. Er steht auch nicht innerhalb der Zeit, sein Umlauf ist unglaublich schnell; sein Lauf ist zeitlos, von seinem Laufe aber kommt die Zeit. Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke, Gott aber ist eines. Soll daher die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn erkennen oberhalb von Zeit und Raum; denn Gott ist weder dies noch das, wie diese irdischen mannigfaltigen Dinge es sind: denn Gott ist Eines.

Predigt 36: Wisset, dass das Reich Gottes euch nahe ist. (Luk. 21, 31) von Meister Eckhart (1260 – 1328)

Die ganze Predigt von Meister Eckhart kann hier nachgelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VIII
CII. JAHRGANG WINTER 2021/2022

November 2021: Mystiker, die B.Y.R. empfohlen hat

Mehr auch hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Bestellungen: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Der Mensch soll nicht sorgen…

Foto: (c) wak

Der Mensch soll nicht sorgen,
daß er in den Himmel,
sondern daß der Himmel in ihn komme.
Wer ihn nicht in sich selber trägt,
der sucht ihn vergeblich im ganzen All.

Otto Ludwig (1813- 1865) in: Zwischen Himmel und Erde

Löse deinen Geist von allen Zwecken

Foto: (c) wak

Löse deinen Geist von allen Zwecken, denen er verpfändet ist, von aller Liebe, allen Gedanken, allem Wohlwollen der Geschöpfe; denn soll Gott in deinen Geist eingehen, so muß notwendigerweise das Geschöpfliche heraus. Entleere deinen Geist (von den Geschöpfen), mache dich frei von unnützen Beschäftigungen, denn das Feuer steigt nicht so leicht nach oben, noch fliegt ein Vogel so leicht (durch die Luft), als ein lediger Geist aufsteigt zu Gott. Und darum sei euch wahrlich gesagt: sollen wir je in Gottes Grund gelangen und in Gottes Innerstes, so müssen wir zuvor mindestens in unseren eigenen Grund und in unser Innerstes kommen.

Johannes Tauler (1300 – 1361) in Predigt 38: Estote misericordes sicut et pater vester misericors est / Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist (Luk. 6, 36)

Böhmes Schriften sollen zur Erleuchtung führen

Jacob Böhme / Bild: Archiv

Jacob Böhmes Schriften sollen zu einer Erleuchtung führen, zu einer Gelassenheit religiöser Art, zu deren performativer Gewissheit ekstatische Zustände gehören oder inspirierte Schreib-Räusche …

Böhmes Anweisungen, überdeutlich in ihrem apokalyptischen Anspruch, deuten auf den Zweck der Lektüre seiner Schriften.

Aus: Die Rezeption Jacob Böhmes im 20. Jahrhundert von Thomas Isermann (*1957)

Der ganze Beitrag Isermanns, der näher auf diese Fragen eingeht, ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang September 2021 Heft 9, Thema: DIE MAGIE DER SPRACHE

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Ein Auge, ein Sehen, ein Erkennen, ein Lieben

Soll mein Auge die Farbe sehen,
so muss es ledig sein aller Farbe.
Sehe ich blaue oder weiße Farbe,
so ist das Sehen meines Auges,
das die Farbe sieht –
ist eben das, was da sieht,
dasselbe wie das, was da gesehen wird
mit dem Auge.

Das Auge, in dem ich Gott sehe,
das ist dasselbe Auge,
darin mich Gott sieht;
mein Auge und Gottes Auge,
das ist ein Auge
und ein Sehen
und ein Erkennen
und ein Lieben .

Meister Eckhart (1260 – 1328) in: Deutsche Werke, Predigt 12: Qui audit me (Eccli. 24,30)