Gott ist Vater und Mutter aller Dinge

Meister Eckhart spricht, Gott ist nicht allein ein Vater aller Dinge, er ist vielmehr auch eine Mutter aller Dinge. Denn er ist darum ein Vater, weil er eine Ursache und ein Schöpfer aller Dinge ist. Er ist aber auch eine Mutter aller Dinge, denn wenn die Kreatur von ihm ihr Wesen nimmt, so bleibt er bei der Kreatur und erhält sie in ihrem Wesen. Denn bliebe Gott nicht bei und in der Kreatur, wenn sie in ihr Wesen kommt, so müsste sie notwendig bald von ihrem Wesen abfallen. Denn was aus Gott fällt, das fällt von seinem Wesen in eine Nichtheit. Es ist mit andern Ursachen nicht so, denn die gehen wohl von ihren verursachten Dingen weg, wenn diese in ihr Wesen kommen. Wenn das Haus in sein Wesen kommt, so geht der Zimmermann hinaus, und zwar darum, weil der Zimmermann nicht ganz und gar die Ursache des Hauses ist, sondern er nimmt die Materie von der Natur; Gott dagegen gibt der Kreatur ganz und gar alles, was sie ist, sowohl Form wie Materie, und darum muss er dabei bleiben, weil sonst die Kreatur bald von ihrem Wesen abfallen würde.

Meister Eckharts mystische Schriften. Berlin 1903

Jeden Augenblick völlig neu und frisch erleben

Ganz und gar lebendig zu sein, ganz und gar Mensch und wirklich wach zu sein, bedeutet, unaufhörlich aus dem Nest geworfen zu werden. Voll und ganz zu leben bedeutet, sich ständig im Niemandsland zu befinden, jeden Augenblick völlig neu und frisch zu erleben. Wahres Leben ist die Bereitschaft, immer wieder aufs neue zu sterben. Das ist Leben vom Standpunkt des Erwachens. Tod hingegen ist der Wunsch, an dem, was man hat, festzuhalten und sich von jeder Erfahrung bestätigen und auf die Schulter klopfen zu lassen, weil man alles so schön im Griff hat.

Pema Chödrön (*1936)

 

 

Selbst ein Gotteshaus werden

Foto: © wak

Der Mensch lasse die Bilder der Dinge
ganz und gar fahren
und mache und halte seinen Tempel leer.
Denn wäre der Tempel entleert,
und wären die Phantasien,
die den Tempel besetzt halten, draußen,
so könntest Du ein Gotteshaus werden.

Johannes Tauler (1300 – 1361)

Such Gott nicht in der Ferne

Foto: © wak

Such Gott nicht in der Ferne, nein!
Im Herzen hat die Wohnstatt Er
Gib ganz und gar dein Du-Sein auf
Dann leuchtet Er im Herzen auf!

Yunus Emre (um 1240 – um 1321)

Begraben liegt Emre in der Gelsenkirchener Partnerstadt Büyükçekmece im europäischen Teil von Istanbul

 

Leben vom Standpunkt des Erwachens

Ganz und gar lebendig zu sein, ganz und gar Mensch und wirklich wach zu sein, bedeutet, unaufhörlich aus dem Nest geworfen zu werden. Voll und ganz zu leben bedeutet, sich ständig im Niemandsland zu befinden, jeden Augenblick völlig neu und frisch zu erleben. Wahres Leben ist die Bereitschaft, immer wieder aufs neue zu sterben. Das ist Leben vom Standpunkt des Erwachens. Tod hingegen ist der Wunsch, an dem, was man hat, festzuhalten und sich von jeder Erfahrung bestätigen und auf die Schulter klopfen zu lassen, weil man alles so schön im Griff hat.

Pema Chödrön (*1936)

Sei Eins

Sei Eins, auf dass du Gott finden könntest. Und wahrlich. Wärest du recht Eins, so bliebest du auch Eins im Unterschiedlichen, und das Unterschiedliche würde dir Eins und vermöchte dich nun ganz und gar nicht zu hindern.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Gegen unseren Willen kommt die Weisheit zu uns

Wer lernt, muss leiden.
und selbst im Schlaf
fällt unvergessener Schmerz,
Tropfen für Tropfen
auf das Herz.
Und ganz und gar
gegen unseren Willen
kommt die Weisheit,
kommt zu uns,
durch die schreckliche Gnade Gottes.

Aischylos (525 – 456 v.u.Z.)

Für sich selbst erkennen

Man muss für sich selbst erkennen,
nicht durch irgend jemanden.
Wir kennen die Führung von Lehrern,
Erlösern und Meistern.
Wenn du wirklich erkennen willst,
was Meditation ist,
musst du jede Führung ganz und gar verwerfen.

Jiddu Krishnamurti (1895-1986)

In des Menschen Tiefe…

In des Menschen Tiefe
ruht die Möglichkeit
eines Mitwissens
mit dem Ursprung.

Ist die Tiefe verschüttet,
gehen die Wogen des Daseins
darüber hin,
als wenn sie gar nicht wäre.

Karl Jaspers (1883 – 1969)