Gestaltlose Gestalt

Einst betrat ein Sannyasin den Tempel von Jagganath. Während er das Gottesbild betrachtete, überlegte er bei sich, ob Gott wohl eine Gestalt habe oder gestaltlos sei. Er bewegte einen Stab von links nach rechts, um zu spüren, ob dieser an das Bildnis stoße. Der Stab stieß an nichts. Der Sannyasin entnahm daraus, daß da gar kein Bildnis vor ihm stehe, und schloß, daß Gott gestaltlos sei. Dann bewegte er den Stab von rechts nach links. Dieser stieß an das Bild. Der Sannyasin entnahm daraus, daß Gott eine Gestalt habe. So ward er inne, daß Gott Gestalt habe und doch auch wieder gestaltlos sei

The Gospel of Shri Ramakrishna. New York, 1942,S. 858

Nichts ist ohne TAO

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Halte danach Ausschau –
du siehst es nicht;
horche darauf –
du hörst es nicht;
fasse danach –
du ergreifst es nicht;
begegne ihm –
du siehst kein Gesicht;
folge ihm –
du siehst keinen Rücken;
aufgehend ins Helle –
ohne Licht;
sich bergend im Dunkeln –
ohne Nacht;
gestaltlose Form –
zeichenloses Bild –
Ursprung: TAO.
Nur wer den Ursprung erfährt,
kann ganz im Augenblick sein;
ewig durchfließt ihn der Lebensstrom,
TAO.
Strömend hierhin, dorthin –
alles stammt aus ihm;
nichts ist ohne TAO.

Zitiert von Willi Massa in seinem Beitrag „Logos und Mysterium. Einheit und Verschiedenheit westlicher und östlicher Mystik“. In: Zu dir hin. Über mystische Lebenserfahrung von Meister Eckhart bis Paul Celan. Herausgegeben von Wolfgang Böhme. Frankfurt/M. 1990, S. 21

Kein Unterschied

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Zwischen dem gestaltlosen Urprinzip,
der überpersönlichen Gottheit
und dem persönlichen Gott
ist kein Unterschied.

Denkt man sich das allerhöchste Wesen untätig,
dann wird es die Gottheit oder das Absolute genannt.
Das gleiche Wesen tätig
– erschaffend, erhaltend und zerstörend –
ist Gott als persönliches Wesen.

Ramakrishna (1836 – 1886)

Ich bin das Göttliche

Weder Gemüt, Verstand, Ego oder Erinnerung bin ich,
noch Ohr, Zunge, noch Nase, Auge,
noch Raum, Erde, noch Feuer, noch Luft,
aus Bewusstsein und Glückseligkeit bestehe ich,
ich bin das Göttliche, ich bin das Göttliche.

Weder das, was als Prana angesehen wird, noch die fünf Körperwinde,
weder die sieben Körperbestandteile, noch die fünf Hüllen um den Atman,
nicht Sprachorgan, Hand, Fuß, nicht Geschlechtsorgan noch Anus,
aus Bewusstsein und Glückseligkeit bestehe ich,
ich bin das Göttliche, ich bin das Göttliche.

Zu mir gehören weder Abneigung noch Anhaftung, weder Gier noch Verblendung,
Aufregung ist nicht mein, noch der Zustand des Neids.
Weder Dharma, noch Karriere, noch Genuss, noch Befreiung,
aus Bewusstsein und Glückseligkeit bestehe ich,
ich bin das Göttliche, ich bin das Göttliche.

Weder Tugend noch Laster, weder Freude noch Leid,
weder Mantra noch Wallfahrtsort, weder Heilige Schrift noch heiliger Ritus,
ich bin weder das Genießens noch was genossen wird noch der Genießende
aus Bewusstsein und Glückseligkeit bestehe ich,
ich bin das Göttliche, ich bin das Göttliche.

Mein sind nicht Tod, noch Furcht, noch Standesunterschiede,
ich habe weder Vater noch Mutter, noch Geburt,
weder Verwandte noch Freund, weder Guru noch Schüler
aus Bewusstsein und Glückseligkeit bestehe ich,
ich bin das Göttliche, ich bin das Göttliche.

Ich bin ohne Subjekt-Objekt-Unterscheidung, gestaltlosen Wesens,
und aufgrund von Durchdringendheit für die Sinnesorgane überall.
Weder gebunden, noch befreit, noch erfassbar,
aus Bewusstsein und Glückseligkeit bestehe ich,
ich bin das Göttliche, ich bin das Göttliche.

Shankara (etwa 788-820)