Eins werden mit dem Einen

Bild: Archiv

Weil und solange der Mensch mit den äußeren Bildern umgeht und in ihnen aufgeht, ist es unmöglich, daß er in diesen Grund hinabgelangt, und solange glaubt er nicht, daß er in ihm ist. Wer aber zu ihm gelangen und seiner inne werden will, der muß sich der Mannigfaltigkeit der äußeren Bilder entzogen und sich ganz dem inneren Bilde zugewendet haben, und er muß schließlich über das Schauen des Bildes hinaus zur Bildlosigkeit weiterschreiten und eins werden mit dem Einen.

Proklos (412 – 485) in einer Predigt von Johannes Tauler (1300 – 1361)

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MAGISCHE BLÄTTER  BUCH XI | HERBST 2022

Bewundernd stehst du vor den „Wundern der Natur“, ohne zu ahnen, daß da alles was du wahrnimmst, aus  d e i n e m  nun gebannten ewigen  G ei s t e s w i l l e n  stammt, und weitaus   w u n d e r b a r e r  wäre, würde das Reich, das du „die Natur“ nennst, und dem du selbst nunmehr verhaftet bist, dich heute noch als seinen  H e r r n  erkennen können. –

Nun müssen alle Kräfte in ihm weiter wirken wie die Räder eines Uhrwerks, das man einmal aufgezogen hat. Du  a l l e i n  kannst auch „die Natur“  e r l ö s e n, und wenn darüber noch Millionen Jahre vergehen sollten!

Aber glaube nicht, daß dieser kleine Stern auf dem wir hier jetzt leben, für sich  a l l e i n  die Folgen deines „Falles“ trägt! Den ganzen physisch wahrnehmbaren Weltenraum mit allen seinen Sonnen und Planeten, hat der Mensch, durch seinen Fall aus dem Bewusstsein seiner Geistesmacht, dazu verurteilt, ohne „Gott“ zu sein, denn nur  d e m  M e n s c h e n  allein war urbedingt einst anvertraut, was heute unsichtbare geistesferne Machtgier sich zu eigenem Herrschbereich erzwungen hat.  Bô Yin Râ, Das Buch der königlichen Kunst

Mit Texten von Roland Pietsch, Gary Snyder, Novalis, Joseph Campbell, Bill Moyers, Johannes Heisig, Rolf Schott, Gustav Meyrink, Max Thalmann, Saskia Trebing, Frances Schöneberger sowie Bildern, Illustration und Filmografien von Joseph Anton Schneiderfranken, Ewald Hoinkis,  Hauke Johanna Gerdes, Lama Anagarika Govinda, Charlotte Behrend-Corinth, Hans Poelzig, Fidus und Max Thalmann.

EINZELBUCH, 341  Seiten  20,- € / ISBN-Nr. 978-3-948-5941-4-5

Verlag Magische Blätter, Ronnenberg

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Wahre Einheit in der Mystik der Religionen

Foto: (c) wak

Religionen sind vergleichbar mit Glasfenstern. Sie bleiben dunkel, wenn sie nicht von hinten durch das Licht erhellt werden. Dieses Urlicht ist dem Verstand und den Sinnen nicht greifbar. Im Glasfenster aber bekommt es Struktur und wird für jeden Menschen erkennbar. Wir sollten jedoch nie vergessen, dass nicht das Glasfenster das Letzte ist, sondern das Licht, das dahinter leuchtet. Religion hat oft die Tendenz, ihre Anhänger auf die Strukturen des Fensters festzulegen. Nur wenige sagen ganz offen, dass heilige Schriften, Symbole und Riten nur die Finger sind, die auf den Mond zeigen, aber nicht der Mond (die Wahrheit) selbst. Die Einheit der Religionen kann nie in ihren Aussagen, Bildern, Symbolen und Liturgien liegen, sie liegt in der Erfahrung dessen, was Worte, Bilder und Riten kundtun wollen. Darum ist die wahre Einheit nur in der Mystik der Religionen zu finden. Nur wer hinter all den Strukturen die Erste Wirklichkeit erfährt, hat Sinn und Ziel der Religion verwirklicht. Es bleibt daher für die Religionen wichtig, ihre Begriffe, Symbole und Bilder durchsichtig zu halten, damit sie das, was sie offenbaren wollen, nicht verdecken.

Willigis Jäger (1925 – 2020) in: Geh den inneren Weg.Texte der Achtsamkeit und Kontemplation. Herausgegeben und eingeleitet von Willigis Jäger, Freiburg/Br. 1999, S. 10-11

Erkenntnis ist ein Licht der Seele

Gedenktür für Meister Eckhart (1260 – 1328) in Erfurt

Noch gibt es eine andere Erklärungsweise und Belehrung für das, was unser Herr einen „edlen Menschen“ nennt. Man muß nämlich auch wissen, daß diejenigen, die Gott unverhüllt erkennen, mit ihm zugleich die Kreaturen erkennen; denn die Erkenntnis ist ein Licht der Seele, und alle Menschen begehren von Natur nach Erkenntnis, denn selbst böser Dinge Erkenntnis ist gut. Nun sagen die Meister: Wenn man die Kreatur in ihrem eigenen Wesen erkennt, so heißt das eine „Abenderkenntnis“, und da sieht man die Kreaturen in Bildern mannigfaltiger Unterschiedenheit; wenn man aber die Kreaturen in Gott erkennt, so heißt und ist das eine „Morgenerkenntnis“, und auf diese Weise schaut man die Kreaturen ohne alle Unterschiede und aller Bilder entbildet und aller Gleichheit entkleidet in dem Einen, das Gott selbst ist. Auch dies ist der „edle Mensch“, von dem unser Herr sagt: „Ein edler Mensch zog aus“, darum edel, weil er Eins ist und Gott und Kreatur im Einen erkennt.

Aus  Meister Eckharts Traktat „Vom Edlen Menschen“. In: Meister Eckhart. Deutsche Predigten und Traktate. Herausgegeben und übersetzt von Josef Quint. München 1963, 71995, S. 146

Ein Film ohnegleichen, der Geist erfahrbar macht

Cover der DVD

„Morgenröte im Aufgang – hommage à Jacob Böhme“ ist ein eindrucksvolles Kunstwerk, mit professioneller Sorgfalt um die erleuchteten Worte und Visionen Jacob Böhmes herum gebaut.

Was mich an der Morgenröte im Aufgang persönlich am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass Ton und Bild eine harmonische Einheit bilden, ohne im konventionellen Sinn synchron aufeinander bezogen zu sein. Die Bilder illustrieren nicht den Text und dieser erklärt nicht die Bilder; solches ist eher dem Dokumentarfilm vorbehalten. Das ist für mich das Neue, Einzigartige an diesem Film, dass er nicht an einer Abbildung der Wirklichkeit sich orientiert, sondern danach strebt, GEIST erfahrbar zu machen.

Der Begriff »Umwandlung des Kinos« erscheint in diesem Zusammenhang voll gerechtfertigt. Morgenröte im Aufgang ist ein Filmkunstwerk von ganz eigener Art, ohnegleichen.

Gerhard Büttenbender in seinem Beitrag „Ein Film ohnegleichen“ vom 30. Mai 2015

Der vollständige Beitrag von Gerhard Büttenbender ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER, BUCH IX
CIII. Jahrgang, April 2022, Heft 4 / Thema: Film

Bestellt werden kann die Ausgabe hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Sehnsucht nach Schönheit

Die Sehnsucht nach der Schönheit, nach der Klarheit, Symmetrie und kompositorischen Ausgeglichenheit der Bilder ist möglicherweise Gegenentwurf und Ausdruck einer Wunde, die gerissen wird von einer Welt, die hinfällig und aus den Fugen ist, die taumelnd ihrem Verschwinden entgegenstürzt, wie die einzig wirklichen Helden – die einzigen, denen wir glauben können –, die trunken, ratlos, von Verzweiflung getrieben lebenslang auf Wegen ziehen, die nirgendwo hin führen als zum Ausgangspunkt, zum Urgrund, zu jenem Schweigen, jenem Dunkel, aus dem alle Wege kommen und zu dem sie alle führen.

„Der letzte Tanz“ von Fred Kelemen (*1964). In dem Beitrag berichtet Kelemen von seiner Zusammenarbeit als Kameramann mit dem ungarischen Regisseur Béla Tarr (*1955)

Der vollständige Beitrag Kelemens ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER, BUCH IX
CIII. Jahrgang, April 2022, Heft 4 / Thema: Film

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Die Welt braucht die Bilder ihrer Zukunft

Foto: (c) wak

Es gibt Zeiten, in denen es für diejenigen, die nicht durch Form, Glauben oder Ideologie eingeschränkt sind, unbedingt notwendig wird, am Leben mitzuwirken, um neue Bilder, neue Weisen des Daseins zu schaffen. Dann wird der Mystiker so etwas wie eine Hebamme für die Imagination, der Bildern ins Leben verhilft, die heilen und etwas zurückbringen können. Das ist jetzt der Fall. Die Welt braucht die Bilder ihrer Zukunft oder sie stirbt.

Llewellyn Vaughan-Lee (*1953) in: Alchemie des Lichts. Die Arbeit mit den Urenergien des Lebens, The Golden Sufi Center, 2008, S. 81-82

Die Tiefe unseres Seins berühren

Man kann den geistlichen Bildern von Bô Yin Râ die Wirkung von Ikonen zusprechen. Sobald man sich in eines der Bilder vertieft, besteht die Möglichkeit, die einzelnen Bildbereiche zu durchwandern und immer neue Geistesräume zu erleben. Bô Yin Râ spricht von der Magie der Zeichen. Solche Zeichen sind Codeworte, die in uns selbst Bewusstseinslagen aufschliessen. Das ist mehr als alles Intellektuelle oder ästhetische Erfassen. Diese Art der Bildverkündigung berührt die Tiefe unseres Seins, unseren geistigen Organismus. Wir können uns dadurch von mancherlei Verkrampfung und innerer Verriegelung befreien. Bezeichnend ist, was Bô Yin Râ am Schluss seines Buches „Welten“, das einen Zyklus von 20 geistlichen Bildern enthält, sagt:

„Dass du dir selbst in vollem Maße zur Freude werden mögest, dazu gebe ich dir alle Lehre!“

Bô Yin Râ – Vortrag zu seinem 100. Geburtstag und zur Gedenkausstellung seiner Gemälde und seines Lehrwerks im Schlossmuseum in Aschaffenburg. Gehalten am 20. 11. 1976 von Prof. Max Nuss – Darmstadt

Der komplette Vortrag von Max Nuss (1893-1979) kann hier nachgelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VIII
CII. JAHRGANG WINTER 2021/2022

Januar 2022: Sakralkunst

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Alle Gegensätze aufgehoben

Der Ochse und sein Hirte ~ Bild 8 | Archiv

Im Zen-Buddhismus hat man die ganze Entwicklung vom Zustand vor der Erleuchtung bis zur Erleuchtung und ihrer vollen Auswirkung durch die sog. „Zehn Bilder des Rindes“ (jugyuzu) symbolisch dar gestellt. Der Verlauf ist kurz folgender: Die Bilder stellen einen Bauern dar, der sein Rind sucht, das ihm davongelaufen ist. Nach vielem Suchen entdeckt er die Fußspuren und schließlich auch das Rind selbst. Mit vieler Mühe legt er ihm den Zügel an, aber das Tier sträubt sich noch, ihm zu folgen. Endlich gelingt es ihm, das Rind wieder zu gewöhnen, und er sitzt nun, vergnügt die Flöte spielend, auf seinem Rücken. Das Tier geht, wohin er will. Das sind die ersten sechs Bilder. Das Rind ist das wahre Selbst, das der Mensch verloren hat. Er sucht lange und findet es. Das ist der Augenblick des Satori. Aber die Leidenschaften sind noch widerspenstig, bis er schließlich seiner selbst Herr wird und zur wahren Freiheit gelangt. Auf dem siebten Bilde ist er allein. Das heißt, das Ich und sein Herz sind eins geworden. Das achte Bild stellt nur einen leeren Kreis dar: alle Gegensätze sind aufgehoben, selbst der von Erleuchtung und Nicht-Erleuchtung. Das neunte Bild stellt eine Landschaft dar. In der Außenwelt hat sich nichts geändert, aber der Erleuchtete sieht sie mit anderen Augen als vorher. Auf dem zehnten und letzten Bild sehen wir, wie er sich bemüht, auch seinen Mitmenschen den Weg aufzuzeigen, auf dem er selbst das wahre Glück gefunden hat.

Hugo M. Enomiya-Lassalle: Erleuchtungsweg des Zen-Buddhismus und christliche Mystik. In: Wilhelm Bitter (Hrsg.) Abendländische Therapie und östliche Weisheit. Stuttgart 1968, S. 90/91

Die Wand der Vorstellungen durchbrechen

Kirchenfenster von Josef Albers / Foto: (c) wak

Betrachten wir einen Augenblick den konkreten mystischen Weg. Die Wand der Vorstellungen, Begriffe, Bilder und Affekte wird beim Mystiker durchbrochen: Gott schenkt ihm, und er selbst erfährt, eine evidente Anwesenheit. Er hat das Gefühl, dass er sich selbst dabei vergisst, dass nunmehr die andere Anwesenheit alles ist. Er ist glücklich – denn besitzt er nicht den Unvergleichlichen? Dann aber, früher oder später, aber mit einer Art von Unvermeidlichkeit, geschieht ihm das überhaupt Unbegreiflichste (es geschieht ihm, wir verlassen also keineswegs das Gebiet der Erfahrung). Die Anwesenheit verschwindet, unheilbar, offenbar unwiderruflich; mit derselben Freiheit, mit der sie gekommen war. Das All wird von neuem Nichts.

Paul Mommaers: Was ist Mystik? Frankfurt/M. 1996, S. 63